SPD-Vize Midyatli: Für Migranten Corona-Kampagne in fremdsprachigen Medien führen

Serpil Midyatli fordert eine Corona-Aufklärungskampagne in fremdsprachigen Medien, um alle in Deutschland zu erreichen.

Haben Sie den Eindruck, dass das Coronavirus vermehrt in migrantischen Gemeinden grassiert?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Ich habe den Eindruck, dass die Inzidenzwerte dort höher sind, wo die Bevölkerung dicht besiedelt ist und beengte Wohnverhältnisse herrschen. Das liegt aber nicht am Migrationshintergrund der Menschen, sondern am soziokulturellen Hintergrund und dem Lohngefälle. Menschen mit Migrationsgeschichte arbeiten eher in den Berufen, wo Homeoffice nicht möglich ist – zum Beispiel in der Fleischindustrie, im ÖPNV oder im Handel. Die Ansteckungsgefahr ist in den Jobs größer, wo die Löhne niedriger sind.

Wir dürfen auch die Flüchtlingsunterkünfte nicht vergessen, in denen die Wohnverhältnisse eng sind und es oft keine Möglichkeit gibt selbst zu kochen. Das sind andere Voraussetzungen als das Wohnen in einer Doppelhaushälfte.

Welche anderen Faktoren spielen noch mit rein?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Zu Anfang der Pandemie haben einige Menschen aus migrantischen Gemeinden unter dem Oberbegriff „Familie“ eine größere Anzahl an Leuten verstanden als eigentlich wegen Corona erlaubt war. Das war aber nicht nur in diesen Gemeinden ein Problem und ist mittlerweile deutlich besser geworden.

Das föderale System und die Ministerpräsidentenkonferenzen haben auch für Verunsicherung gesorgt, weil Informationen nicht deutlich, sondern verzögert, ankamen. Deswegen finde ich es umso besser, dass wir nun auf Bundesebene mit dem Infektionsschutzgesetz verständlichere Regeln haben.

Ansicht wechseln

In dieser Ansicht können leider nicht alle Inhalte korrekt dargestellt werden.

Zur vollständigen Ansicht

Aber es gab nicht nur bei Menschen mit Migrationsgeschichte diese Probleme mit der Kommunikation, das ging einigen in Deutschland so. Außerdem kennen viele Einwanderer, die noch nicht so lange in Deutschland sind, das föderale System nicht gut und waren verwirrt darüber, dass in den Bundesländern unterschiedliche Regeln galten.

Wie schätzen Sie die Informationslage in migrantischen Gemeinden ein?

Viele Menschen mit Migrationshintergrund schauen Fernsehen aus ihrem Herkunftsland oder sind über Social Media im Herkunftsland vernetzt. Wenn sie dadurch eine abweichende Corona-Politik im Herkunftsland oder im Land der Eltern mitbekommen, trägt das zur Verwirrung bei. Diese zwei Informationsquellen wurden von den Bundesländern zu Anfang unterschätzt. Aber ich bin mir sicher, dass mittlerweile jeder mitbekommen hat, dass es sich um eine globale Pandemie handelt.

Sonst haben wir einen guten, mehrsprachigen Informationsfluss auf staatlichen Internetseiten – er muss aber auch bei den Migranten ankommen. Wenige suchen auf der Website des Bundeslandes nach Informationen und finden dann den richtigen Flyer in ihrer Sprache.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wie kann das verbessert werden?

Die Informationen müssen dort verteilt werden, wo die Menschen sind: Zum Beispiel sollten in den Kitas, Schulen, Supermärkten und beim Friseur Flyer oder Plakate ausgeteilt werden.

Ist die Sprache eine große Hürde?

Die Sprache kann zu einer Verunsicherung führen. Aber wir sollten in der Pandemie nicht so tun, als ob die Sprache eine neue Herausforderung ist. Da hätte man sich gleich am Anfang der Pandemie breit aufstellen und Mehrsprachigkeit anbieten müssen. Bei den Bundesländern, die das gemacht haben, läuft das auch gut.

Wie schätzen Sie die Impfskepsis in migrantischen Gemeinden ein?

Die Mehrzahl der Menschen fragen mich eher, wann sie dran sind, weil sie geimpft werden möchten. Aber die Diskussionen über die Wirksamkeit und Sicherheit der verschiedenen Impfstoffe waren dennoch vorhanden, genauso wie in der Mehrheitsbevölkerung. Das hat aber nichts mit der Herkunft, sondern mit Unsicherheit zu tun.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Auch die Impfbereitschaft im Herkunftsland kann Migranten hier beeinflussen. Da muss über die Wichtigkeit der Imfpung genauso aufgeklärt werden wie bei der Mehrheitsgesellschaft auch. Viele sehen aber auch, dass die medizinische Versorgung hierzulande besser ist und sind froh darüber, dass der Schutz der Menschen in Deutschland höchste Priorität hat.

Sollten mobile Impfteams in migrantische Viertel gehen?

Wenn wir genügend Impfstoff haben und die Priorisierung gefallen ist, dann sollten mobile Impfteams auch in die Stadtteile mit hohem Migrationsanteil gehen. Wir haben auch mobile Testzentren – warum also keine mobilen Impfzentren? Später sollten auch die Betriebe in die Impfkampagne mit eingebunden werden.

Einen weiteren Aspekt dürfen wir nicht unterschätzen: Viele Menschen mit Migrationsgeschichte sehen die Notwendigkeit des Impfens, weil das Reisen dann einfacher wird. Wir müssen dennoch sichergehen, dass wir alle Menschen erreichen, auch Saisonarbeiter und Wohnungslose.

Wie erreichen wir diese Gruppen denn besser?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Organisationen wie zum Beispiel „Ärzte ohne Grenzen“ sollten weiterhin auf die Menschen zugehen und sie informieren. Arztpraxen sollten impfen, auch wenn jemand keine Krankenversicherung hat. Mobile Impfzentren könnten den „Johnson&Johnson“-Impfstoff für Obdachlose verwenden, weil dieser nur einmal verimpft werden muss.

Was migrantische Gemeinden angeht, gibt es sehr viele seriöse in Deutschland ansässige Radiosender und Zeitungen, die auf anderen Sprachen über die Lage hierzulande und im Herkunftsland berichten. Diese Nachrichten werden von vielen Menschen mit Migrationsgeschichte konsumiert.

Unsere Bundesministerinnen – und minister sollten diese Kanäle nutzen, um gezielt Informationen in migrantischen Gemeinden zu verbreiten. Unsere Minister könnten dort auch auftreten, Interviews über die Corona-Lage geben und ihre Entscheidungen erklären. Das würde wertschätzend auf Migranten wirken.