SPD-Politiker zu Bundeswehrgelöbnissen

„Ich habe gehofft, dass ich nicht umkippe“

Bundeswehrsoldaten sind zu ihrem feierlichen Gelöbnis angetreten.

Berlin. Herr Arlt, mit 19 Jahren haben Sie Geige studiert, waren Juso-Bezirksvorsitzender in Berlin und Wehrpflichtgegner. Und dann standen Sie doch vor genau 20 Jahren im Hof des Bendlerblocks in Berlin und haben Ihr Gelöbnis als Soldat abgelegt. Wie kam das?

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Ich habe mich von meinem Vater beschwatzen lassen. Er war kein riesiger Freund der Armee, aber er fand, dass der Wehrdienst ein wichtiger Abschnitt ist für die Persönlichkeitsbildung. Die Vereinbarung war, dass ich die damals neun Monate Wehrdienst mache und nach der Grundausbildung zum Musikkorps wechsele. Ich war aber schon sehr skeptisch. Ich war ja ein großer Wehrpflichtgegner. Am Abend vor dem Start der Ausbildung habe ich mit meinen Jusos in einem Park in Berlin gegrillt. Und da ging es mir gar nicht gut.

Das hat sich anscheinend geändert. Sie sind Berufssoldat geworden und mittlerweile Major der Luftwaffe, Spezialgebiet Drohnen.

Die Skepsis war schnell weg. Nach drei Wochen hat es mir schon gut gefallen. Dann kam das Gelöbnis, und da konnte ich mir schon vorstellen, noch ein paar Monate dranzuhängen.

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Johannes Arlt bei seinem Gelöbnis im Jahr 2003.

Woran lag das?

Ich hatte tolle Vorgesetzte und habe vom ersten Tag an Soldaten als Staatsbürger in Uniform kennengelernt, ganz konkret. Ich konnte politisch aktiv bleiben, wurde sogar schon am ersten Tag für einen Parteitag freigestellt.

Ein gängiges Bild des Grundwehrdienstes ist: Drill, volle Stuben und ungewaschene Socken.

Die Klischees sind nicht falsch. Ungewaschene Socken entstehen, und volle Stuben gehören dazu. Drill ist erforderlich und sehr sinnvoll. Denn Drill führt zu Kopfentlastung. Man übt etwa Gewehrzerlegen und -zusammensetzen so lange, bis es automatisch geht. Dann muss man sich in einer Gefechtssituation nicht mehr darauf konzentrieren, sondern auf die Situation.

Der SPD-Abgeordneter Johannes Arlt heute.
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Kopf ausschalten kann auch Dumpfheit bedeuten.

Natürlich gibt es auch dumpfen Drill, ohne Bedeutung dahinter. Aber das ist nicht die Regel. Ich bin bei der Ausbildung oft an meine körperlichen Grenzen gekommen. Aber zum größten Teil waren die Anforderungen fair und mit Augenmaß gesetzt.

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Sie waren im Wachbataillon. Das bedeutet vor allem auch: stundenlang stehen können, zum Beispiel am roten Teppich bei Empfängen des Bundeskanzlers oder Bundespräsidenten. Wie sinnvoll fühlt sich das an?

Für mich war das sehr erfüllend. Die Protokollsoldaten haben ja zwei Aufgaben: Sie müssen im Verteidigungsfall Objekte der Bundesregierung sichern und haben parallel die Aufgabe, Staatsgäste zu begrüßen. Man hat also die grüne dreckige Seite, und auf der anderen Seite putzt man drei Stunden seinen Mantel, um Deutschland zu repräsentieren.

Aber dann steht man sich im geputzten Mantel die Beine in den Bauch?

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Das ist nicht so stumpf, wie es vielleicht aussieht, sondern eine hoch anspruchsvolle Leistung. Es erfordert jede Menge Aufmerksamkeit, jede Menge Disziplin. Man macht ja auch mit vielen Leuten gleichzeitig dieselben Bewegungen, das ist eine Choreographie. Da fällt jeder auf, der nur ein bisschen danebenliegt. Man darf also in keiner Sekunde abschalten.

Hat man da nicht mal Lust, sich zu schütteln?

Natürlich. Zweieinhalb Stunden stehen vor dem Schloss Bellevue – das tut weh. Und es ist wesentlich unangenehmer, auf einem weichen Untergrund zu stehen als auf einem harten. Lieber Pflaster als Rasen also.

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Blicken wir noch mal auf Ihr Gelöbnis, vor genau 20 Jahren. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?

Das war super aufregend und extrem stressig. Es war sehr heiß, und ich war eigentlich krank, wollte aber unbedingt dabei sein. Es war eine große Ehre, es ist ein ganz besonderer Tag, auch durch die Verbindung zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Ich habe Tabletten eingeworfen, um das zu überstehen.

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Ein Gelöbnis dauert in etwa eine Stunde. Wie viel bekommt man als Rekrut eigentlich davon mit?

Wir haben vorher drei Wochen lang den Ablauf geübt. Wir haben dann sogar 90 Minuten stehen müssen, weil die französische Verteidigungsministerin eine Rede gehalten hat, die noch übersetzt werden musste. Ich stand in der ersten Reihe und habe gehofft, dass ich nicht umkippe.

Sie haben dann noch öfter an Gelöbnissen teilgenommen. Was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Ich war bestimmt sieben- oder achtmal dabei, als Rekrut, als Teilnehmer in der Ehrenformation, als Zugführer, als Kompaniechef und zuletzt auch als Politiker. Ich habe die Rede von Altkanzler Helmut Schmidt erlebt und die von Ewald-Heinrich von Kleist, dem letzten Überlebenden des Attentats vom 20. Juli. Das war beeindruckend, den moralisch-ethischen Kompass dieser zwei Persönlichkeiten zu erleben.

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Kann man sich als teilnehmender Soldat überhaupt auf die Reden konzentrieren?

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Ich denke, dass vielleicht 10 Prozent der Rekruten dort wirklich zuhören. Bei diesen langen Reden, bei diesem TV-Aufgebot, bei diesem Pressedruck konzentriert man sich vor allem darauf, durchzuhalten. Ein paar Minuten hört man vielleicht mal zu. Aber die Zuschauer bekommen sicher mehr mit.

Sie waren auch Kompaniechef. Wie bringt man den Rekruten das Stehen bei?

Es geht darum, den eigenen Kopf zu überwinden. Es ist weniger eine physische als eine psychologische Frage. Man muss gegen den eigenen Willen kämpfen, der dir sagt: Gib auf, setz dich hin. Wenn man das kann, hilft das auch an anderer Stelle.

Man muss gegen den eigenen Willen kämpfen, der dir sagt: Gib auf, setz dich hin. Wenn man das kann, hilft das auch an anderer Stelle.

Als Sie Soldat wurden, hatte die Bundeswehr gerade ihren Einsatz in Afghanistan begonnen. Der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) sagte, Deutschland werde auch am Hindukusch verteidigt. Hat Sie das beschäftigt?

Gar nicht. Meine Grundausbildung war auch eher noch im alten Geist, mit dem Fokus auf die Landesverteidigung. Das hat sich danach geändert, trainiert wurde dann über Jahre der Auslandseinsatz. Ich fand immer, dass Bündnis- und Landesverteidigung die wichtigste Aufgabe der Bundeswehr ist. Zwischendurch wurde ich für diese Ansicht ein bisschen als Traditionalist belächelt.

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Sind Sie eigentlich tatsächlich zum Musikkorps gegangen, wie anfangs geplant?

Ja, für ein Jahr. Unter anderem habe ich als Geiger mit einem Pianisten bei Staatsbesuchen zum Abendessen gespielt. Dann habe ich die Reserveoffizierausbildung begonnen. Das hieß: ganz normaler Truppendienst. Ich habe dann auch bei der Bundeswehr studiert. Keine dieser Entscheidungen habe ich bereut.

In Ihrer Dienstzeit hat sich bei der Bundeswehr vieles verändert: Die Wehrpflicht wurde ausgesetzt, die Truppe wurde reduziert und soll jetzt wieder aufgebaut werden. Es gibt wieder eine stärkere Hinwendung zur Landesverteidigung. Wie erlebt man das als Soldat?

Natürlich reagieren Soldaten persönlich betroffen, wenn etwa ihre Dienststelle wegfällt. Aber ansonsten sind sie Profis und machen ihren Job.

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Wir können noch an einigen Schrauben drehen und zum Beispiel den Recruitingprozess effizienter gestalten. Den Widerspruch zwischen Work-Life-Balance, zwischen familiären Erwartungen und dem Auftrag, dauerhaft an der Nato-Außengrenze stationiert zu sein, können wir nicht auflösen. Aber an einem zentralen Punkt hat die Bundeswehr keine Schuld: Der demografische Wandel trifft auch die Truppe. Und wir konkurrieren mit der Wirtschaft.

Wie wäre es mit der Öffnung der Truppe für EU-Bürger?

Wir können bei der Bundeswehr nur deutsche Staatsbürger nehmen. Denn der Auftrag ist ja auch, sein Land zu verteidigen. Wie soll ich ein Land verteidigen, wenn ich nur des Geldes wegen da bin? Streitkräfte mit angeworbenen Soldaten sind aus meiner Sicht schwer mit unserer Idee des Staatsbürgers in Uniform zu vereinbaren.

Was ist dann Ihre Idee?

Wir müssen über unsere Wehrform diskutieren. Bei Beibehaltung der Freiwilligenarmee wäre es schon eine riesige Leistung, wenn wir die Truppenstärke von 183.000 Soldaten halten könnten. Ehrlicher wäre bei diesem Modell eine Reduktion der Stärke und auch ein Verzicht auf Fähigkeiten. Die Alternative wäre, über einen allgemeinen Gemeinschaftsdienst eine robuste Wehrhaftigkeit aufzubauen, die eine nennenswerte Anzahl von Reservisten produziert. In Finnland lassen sich binnen kurzer Zeit eine Million Reservisten aktivieren. Davon sind wir hier weit entfernt, obwohl Deutschland über zehnmal mehr Einwohner hat. Das Modell einer allgemeinen Dienstpflicht ist mit Blick auf eine robuste Landes- und Bündnisverteidigung mittelfristig die bessere Wahl.