Paviane wegen Platzmangel erschossen

Warum töten Zoos Tiere?

Guinea-Paviane im Tiergarten Nürnberg.

Weil sie zwölf Guinea-Paviane töten ließ, wurde die Leitung des Nürnberger Tiergartens angezeigt. Die Artenschutzorganisation Pro Wildlife und die Deutsche Juristische Gesellschaft für Tierschutzrecht (DJGT) haben Klage eingereicht, denn sie sehen darin einen „klaren Verstoß gegen das Tierschutzgesetz“. Die Anzeige dürfte wenig Aussichten auf Erfolg haben. Zwar ist das Töten von Wirbeltieren ohne vernünftigen Grund laut Tierschutzgesetz in Deutschland verboten. Was als vernünftiger Grund gilt, ist dabei jedoch Auslegungssache. Und die Tötung der Affen war zuvor mit den Veterinär- und Umweltbehörden abgestimmt worden. Trotzdem hatten Tierschützende bis zuletzt versucht, sie zu verhindern und sich sogar an das Gehege gekettet.

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Wenn Zootiere getötet werden, sorgt das schnell für Proteste. Einen Sturm der Entrüstung hatte es bereits ausgelöst, als im Kopenhagener Zoo 2014 das Giraffenjungtier „Marius“ erschossen wurde. Über Marius wurde weltweit berichtet, sogar der „New York Times“ war der Fall einen Artikel wert.

Schließung des Zoos gefordert

Nur wenige Wochen später tötete der Kopenhagener Zoo eine ganze Löwenfamilie: Vater, Mutter und zwei zehn Monate alte Babys. Sowohl für Marius als auch für die alternden Löweneltern hatte es keinen Platz mehr im Zuchtprogramm des Zoos gegeben. Und die kleinen Löwen hätten ohne ihre Eltern nicht überleben können. In einer Petition wurde damals die Schließung des Zoos gefordert, sie wurde fast 60.000 Mal unterschrieben.

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Die Tötung von Zootieren ist jedoch keinesfalls unüblich und wird fast überall praktiziert. So werden Fische und Ratten, Kaninchen, Meerschweinchen und Hühner in vielen Zoos als „Futtertiere“ getötet und von den Raubtieren gefressen. Üblich ist aber auch, größere Tiere aus dem Bestand zu töten, weil Gehege überfüllt sind. Häufig werden dabei Ziegen, Schafe, Antilopen oder andere Huftiere an die Raubkatzen verfüttert, da sie auch natürlicherweise auf deren Speiseplan stehen. Auch seltene oder geschützte Arten kann es treffen. Der Nürnberger Tiergarten zum Beispiel verfüttert vom Aussterben bedrohte Somali-Wildesel und Prinz-Alfred-Hirsche. Warum also die Empörung?

Erdmännchen an Hyänen verfüttert

Selbst wenn die Tötung eigener Tiere in vielen Zoos Praxis ist, gehen nur wenige Einrichtungen so offen damit um, wie der Zoo Kopenhagen und der Tiergarten Nürnberg. So hängt der Tiergarten Nürnberg Listen der dort getöteten und verfütterten Tiere an seinem Eingang aus. Und der Fall Marius wurde auch deshalb bekannt, weil der Kopenhagener Zoo die Giraffe öffentlich sezieren ließ. Anschließen wurde Marius vor Publikum an die Löwen verfüttert. Aus Sicht des Zoos wurde damit immerhin etwas für die Wissenschaft getan – und für das Wohl der anderen Tiere. Tierschützerinnen und Tierschützer hingegen empfanden das als besonders geschmacklos.

Auch der Züricher Zoo hatte im vergangenen Jahr bekannt gegeben, dass er drei Erdmännchen getötet und an die Hyänen verfüttert hatte und dazu Fotos veröffentlicht. Dort steht man also ebenfalls zu diesem Vorgehen – während andere Zoos aus Angst vor Protesten dezenter handeln.

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Zuchtprogramme zum Artenerhalt

Zudem sind exotische Tierarten wie Giraffen, Affen oder Löwen besonders beliebt, und es ist offensichtlich, dass ihre Vorkommen in der freien Natur bedroht sind. Er erscheint also widersprüchlich, dass Tiere, von denen es in der Freiheit zu wenige gibt, in Zoos getötet werden. Dabei lässt sich die zunächst brutal erscheinende Maßnahme mit dem Artenschutzgedanken begründen.

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So ist die Haltung exotischer und gefährdeter Tiere in europäischen Zoos meist Teil von Erhaltungszuchtprogrammen. Der Europäischen Zooverband EAZA koordiniert die europaweite Züchtung, um den Erhalt und die langfristige genetische Vielfalt dieser Tierarten in der Gefangenschaft sicherzustellen. Ausgelegt sind die Zuchtprogramme in der Regel auf einen Zeitraum von 100 Jahren. Das heißt, die Zucht soll den Bestand der Population für die nächsten hundert Jahre sichern.

Keine Alternativen zur Tötung

In einer Veröffentlichung im Wissenschaftsmagazin „PNAS” von 2024 erklären Zoo- und Wildtierexperten, warum die Tötung von Zootieren notwendig sein kann, um dieses Ziel zu erreichen. Zu den Autoren gehören Marcus Clauss, ein Zoo- und Wildtierexperte der Universität Zürich, und Mads Frost Bertelsen von der Universität Kopenhagen. Er ist der Tierarzt, der Marius 2014 betäubt und dann erschossen hatte.

Von vornherein zu verhindern, dass eine Population zu groß für einen Zoo wird, sei jedenfalls keine gute Alternative zur Tötung, schreiben die Forschenden. Denn dazu müssten die Tiere entweder zeitweilig nach Geschlecht getrennt werden, was das Sozialverhalten beeinträchtigen würde. Oder es müssten Verhütungsmittel zum Einsatz kommen.

Empfängnisverhütung riskant

Mittel zur Empfängnisverhütung können wilden Tieren wie Affen, Giraffen oder Löwen aber nicht täglich verabreicht werden. Sie kann bei ihnen nur mit Langzeitpräparaten gelingen, die unter Narkose eingesetzt werden. Und solche Eingriffe bergen Risiken für die Tiere. Auf Dauer drohen zudem krankhafte Veränderungen im Genitaltrakt, wie Zysten und Tumore, laut einer Veröffentlichung des Verbands der deutschsprachigen Zootierärzte.

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Außerdem können die Hormonpräparate bei Wildtieren zu Verhaltensänderungen führen. Das könne sich vor allem bei Tieren, die in Gruppen leben, negativ auf die Sozialstruktur auswirken und zu massiven Problemen führen, heißt es im „PNAS“-Artikel. Beide Maßnahmen drohten daher, den langfristigen Zuchterfolg zu beeinträchtigen. Genau den verstehen die Zoos aber als ihren Auftrag.

Bedürfnis, Jungtiere großzuziehen

Wer die Fortpflanzung innerhalb einer Zucht ausbremse, riskiere, am Ende mit lauter alten Tieren dazustehen, die sich nicht mehr fortpflanzen können, so erklärte es Clauss auch in einem Gastbeitrag in der „NZZ”. „Zudem nehmen Sie diesen Tieren ein wichtiges Bedürfnis: die Erfahrung, Jungtiere großzuziehen und in normalen Sozialstrukturen zu leben. Das ist nicht artgerecht.“ Wenn Zootiere nicht innerhalb des Zoos verfüttert würden, müsse zudem mehr Fleisch anderer Tiere eingekauft werden, die „nicht so gut wie Zootiere gehalten, aber selbstverständlich auch getötet wurden“.

Nur wenn sich Tiere ohne Kontrolle vermehren, seien artgerechte Sozialstrukturen möglich, so Clauss. „Tiere können Eltern sein, und durch den Nachwuchs besteht die Population fort. Damit bewahren Sie das Wissen, wie diese Fortpflanzung funktioniert“, so Clauss. Allerdings müsse man Teile des Nachwuchses und der älteren Tiere dann eben frühzeitig töten, um die permanente Fortpflanzung zu ermöglichen. Wenn man sie danach an die Raubtiere verfüttert, nutze man Tiere als Tierfutter, die unter „hervorragenden Haltungsbedingungen leben durften und in ihrer gewohnten Umgebung für die Tiere selbst nicht vorhersehbar und stressfrei starben“.

Genpool würde zu klein

Befürwortende dieser Art der Populationskontrolle sehen darin kein Problem, da Wildtiere auch in der Natur oft jung sterben. Für den wissenschaftlichen Leiter des Kopenhagener Zoos hilft ein offener Umgang damit sogar, den Bildungsauftrag zu erfüllen. So sagte er bei der öffentlichen Zerlegung von Marius, dies helfe Kindern und Erwachsenen, „ihr Wissen über Tiere, aber auch über Leben und Tod zu erweitern“.

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Niedliche Jungtiere wie Löwenbabys oder Giraffen zu töten, mag sich für viele trotz allem falsch anfühlen. Dahinter steckt aber das Ziel, eine Population langfristig aufrechtzuerhalten. So wäre im Fall des Giraffen-Jungen Marius der Genpool zu klein geworden, wenn er selbst Nachwuchs gezeugt hätte. In anderen europäischen Einrichtungen, die ihn sonst hätten aufnehmen könne, hatten sich bereits verwandte Tiere befunden. Und auch bei der Löwenfamilie in Kopenhagen hatte Inzucht gedroht – die meist zur Geburt weniger gesunder Tiere führt.

Auswilderung ist nicht möglich

Für die Nürnberger Paviane hatte es schlichtweg keinen Platz mehr gegeben. Das Gehege war bereits in der Vergangenheit erweitert worden, aber stark überfüllt – was wiederum schlecht für das Tierwohl war. Leichtfertig geschah die Tötung aber trotzdem nicht: Der Tiergarten hatte sich vergeblich bemüht, alle überzähligen Tiere in anderen Zoos unterzubringen. Und eine Auswilderung überzähliger Zootiere, das räumen auch Tierschutzverbände ein, ist in den meisten Fällen nicht möglich. Sie gelingt nur in langfristig ausgelegten Programmen und wenn ein geeigneter Lebensraum zur Verfügung steht.

Auch in einer Stellungnahme des Europäischen Verbands der Zoos und Aquarien (EAZA) mit Ergänzungen des Verbands der Zoologischen Gärten (VdZ) wird das Töten von Tieren unter bestimmten Umständen befürwortet. Nämlich dann, wenn ein Tier zum Beispiel das Sozialgefüge einer Gruppe stört und sonst nicht angemessen untergebracht werden kann. Aber auch, wenn die Aufrechterhaltung einer Population sonst gefährdet wäre. „Das Wohlergehen und die genetische Gesundheit der Population“ müsse dabei „auf lange Sicht Vorrang vor dem Leben des Individuums haben“, heißt es dort.

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