36 Jahre Deutsche Einheit – und nun?

West-, West-, Westdeutschland!

Kommt das westdeutsche Erfolgsmodell an sein Ende (Symbolbild)? Der Rhein bei Niedrigwasser, Juli 2026

Die Spitzenkandidatin lässt den Motor ihrer Zündapp aufheulen. Tausende tun es ihr gleich, ihre Partei beutet den Kult um das West-Mofa gnadenlos aus. Zweitaktduft erfüllt die Luft an diesem sonnigen Tag im Sauerland. „West-, West-, Westdeutschland“ ertönt aus rauen Kehlen. Über Veltins-Bierbäuche spannen T-Shirts mit dem Fraktur-Aufdruck „Deutscher durch Geburt. Wessi durch die Gnade Gottes“.

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Absurd? Völlig. Solch ein Wessi-Gefühl, solch eine Teilidentität gibt es nicht, und sie kann daher auch nicht politisch auf die Art und Weise ausgebeutet werden, wie es Ulrich Siegmund und die AfD mit ihrem zweitaktbedufteten Oststolz-Wahlkampf und den Simson-Touren in Sachsen-Anhalt gemacht haben.

Der Westen gilt immer noch als der Normalfall

Und warum gibt es diese Identität nicht? Weil die Westdeutschen sich in der heute seit 36 Jahren staatsrechtlich vereinigten Bundesrepublik nach wie vor als den Normalfall sehen und keine kämpferische oder auch nur grundsackige (sachsen-anhaltisch für chronisch schlecht gelaunt) Eigenzuschreibung benötigen.

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Der Erfolg eines Ossi-Wahlkampfs ist dagegen messbar: 43,8 Prozent wählten am 6. September zwischen Stendal, Burg und Bitterfeld die AfD – und schon vorher brach die Debatte los, ob es jetzt nicht langsam mal reiche mit der Undankbarkeit der Ossis.

Dem Westen reicht es irgendwann

In den alten Ländern wächst angesichts einer möglichen AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt der Unmut. Setzt der Osten durch das Bespielen einer „Ostidentität“ die Erfolgsgeschichte Bundesrepublik aufs Spiel?

Nach 36 Jahren ist Zeit, die Frage umzudrehen: Ist nicht gerade der Westen das Problem? Weil er seit diesen 36 Jahren in der Illusion lebt, der Goldstandard zu sein, an den sich der Osten anzunähern habe (und dabei versagt). Weil er auf schwindende Stabilität setzt und immer stärker Transformation verweigert. Weil als Stärke gesehen wird, dass diese scheinbare Stabilität eine andere (tolerantere, prosperierendere, weltläufigere) Gesellschaft trage als im Osten, während deren Fundamente (Kirchen, Gewerkschaften, Vereine) auch erodieren, nur eben langsamer.

Der Soziologe Heinz Bude hat gerade in einem Essay die „unterschätzten Stärken Westdeutschlands“ gefeiert: Dankbarkeit für die geglückte Demokratie, gelungener Aufstieg und Integration, wirtschaftliche Risikobereitschaft. Aber er schreibt auch: „Wir haben die vergangenen zwei Jahrzehnte von der Substanz gelebt und müssen jetzt nach vorn gehen, ohne schon vorher zu wissen, wohin es geht. Allerdings geht das Spiel nicht weiter, wenn wir keine höhere Spielidee haben.“

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20 Prozent AfD im Osten – das war für viele aus den westlichen Bundesländern vor fünf Jahren ein Skandal. Heute sind 20 Prozent im Westen fast normal und 40 Prozent im Osten der Skandal. Aber nein, der Osten ist immer der Sonderfall, nicht gewollt oder ungewollt die Vorhut der Transformation, weder bei Deindustrialisierung noch bei der Selbstaufgabe der Volksparteien.

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Dabei reicht ein Blick auf die politische Landkarte: Dass rund um den alten Westen die Parteien der Mitte verschwinden oder sich in anderem Gewand neu gründen, während Rechtspopulisten an die Macht drängen, macht Westdeutschland nicht zur Insel der Glückseligen, sondern zu einem historischen Nachzügler.

Wochenlang wurde rund um die Sachsen-Anhalt-Wahl über die Frage gestritten, ob die Ostdeutschen jetzt endlich mal dankbar für die Transfermilliarden sein sollten – oder ob die Kosten der Einheit ein Nullsummenspiel waren, weil die Vorteile Westdeutschlands durch neue Absatzmärkte und das Humankapital von Zuzüglern die Kapitalflüsse ausglichen.

Die Frage ist müßig, denn der Wohlstandszuwachs ist auf beiden Seiten aufgebraucht, während uns junge Transformationsgesellschaften wie Polen überholen. Was wirklich ansteht, ist die Suche nach einer neuen Erzählung, wo dieses Land hinwill. Auf einem gemeinsamen Weg. Zum ersten Mal.