Wir müssen raus aus der„Nichts-geht-mehr“-Haltung
Alle reden vom Sozialstaat und seiner Finanzierbarkeit. Fast schon als gesetzt scheint zu gelten: Aufstieg durch Fleiß und Anstrengung ist nicht mehr möglich. Und tatsächlich: Das Leben ist so teuer wie nie. Es sieht so aus, als ermögliche das System nur noch wenigen Menschen Wohlstand. Das erzeugt bei vielen Menschen das Gefühl von „Wozu das alles?“. Dementsprechend vorbei ist es mit dem Aufstiegsversprechen– ein Versprechen, mit dem ich groß geworden bin. Wenn es wegbricht, ist das Gift für ein Land wie Deutschland, das keinen Rohstoffreichtum hat! Die wichtigsten Ressourcen sind (Wo-)Manpower und Know-how. Wir müssen raus aus der „Nichts-geht-mehr“-Haltung!
Mir persönlich wurde nichts geschenkt im Leben: Ich bin Kind von Gastarbeitern. Ich kenne Armut und Knappheit aus eigener Lebenserfahrung. Ich hatte in den 90er Jahren in Hannover das große Glück, in einer Solidargemeinschaft aufzuwachsen. In einer Gegend, die sozial durchmischt und es selbstverständlich war, dass die Eltern meiner Bildungsbürgerfreunde auch mir bei den Schulaufgaben halfen.
Mein heutiger Erfolg als Gründerin zweier Sozialunternehmen hat viele Mütter und Väter. Menschen mit Einwanderungsgeschichte gründen im Vergleich zur sonstigen Bevölkerung überdurchschnittlich häufig Unternehmen – ein Fakt, der immer noch zu wenig gesehen wird. Die Bertelsmann-Stiftung fand 2022 heraus, dass migrantische Unternehmen mehr als 2 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland schaffen.
„Standpunkt“ – der Gastkommentar
Unsere Gesellschaft lebt davon, dass die beste Idee gewinnt. Dafür braucht es Debatten und Argumente – auch wenn sie kontrovers sind. Argumente, die aus praktischen Erfahrungen gespeist sind. Im Gastbeitrag „Standpunkt“ lassen wir deshalb Menschen zu Wort kommen, die wichtige Debatten und Ideen aus ihrer Praxis beurteilen können. Und bieten ihnen einen festen Ort, um zu hinterfragen, ob eine Idee nur groß ist oder wirklich Potenzial hat – und welche Argumente der Realität standhalten.
Mit unserer Menschenrechtsorganisation HÁWAR.help helfen wir unter anderem Überlebenden von schwersten Menschenrechtsverbrechen. Bei nur wenigen Menschen spüre ich den Wunsch, sich etwas aufzubauen, mehr, als bei ihnen! Und kaum jemand ist so ehrgeizig und resilient wie Menschen, die die alles hinter sich lassen mussten, um hier in Deutschland neu anzufangen. Aber ihnen werden von Staat und Bürokratie unüberwindbare Hürden in den Weg gelegt. Sie werden regelrecht in die Transferleistungen gezwungen – und das geht nicht nur Menschen mit Fluchtgeschichte so.
Sicher: Die Zeiten sind gerade nicht rosig und viele Menschen sind aus guten Gründen auf den Sozialstaat angewiesen. Aber ich sage auch: Ohne Eigenverantwortung, Neugier, Fleiß und den Willen, etwas zu leisten, geht es nicht. Das Gros der Menschen bringt diese Charakteristika mit – macht aber die Erfahrung, dass ihnen in Deutschland immer weniger Möglichkeiten zur Verfügung stehen.
Deutschland sollte zukunftsfähig in Bildung und Innovation investieren – und die Politik täte gut daran, wieder mehr Vertrauen in die Menschen und ihre Fähigkeiten zu signalisieren.