Argentinien: Insider-Tipps für indigenen und lokalen Tourismus
Argentinien ist ein fabelhaftes Reiseland – egal, ob du Fan der urbanen Art-déco-Prachtbauten in Buenos Aires bist oder dich an der atemberaubenden Natur des achtgrößten Landes der Welt berauschen möchtest. Und wenn du auf deinen Reisen nicht nur nehmen, sondern auch geben möchtest, bietet dir die lateinamerikanische Nation spannende Möglichkeiten, die Einheimischen und ihre lokalen oder indigenen Tourismus-Angebote zu unterstützen. Und obendrein kannst du auf diesem Weg auch individuelle Erinnerungen schaffen, die dich ein Leben lang herzlich mit Argentinien und seiner Bevölkerung verbinden werden.
reisereporterin Katharina war dieses Jahr selbst zu Gast in der Republik. Sie konnte einige lokale und indigene Angebote – vor allem in der Region Buenos Aires und in den nördlichen Bundesstaaten Salta und Jujuy – für den reisereporter testen. Diese waren teilweise ganz schön schwer zu finden und dennoch jeden Aufwand wert.
Generelles zur aktuellen Lage Argentiniens
Argentinien wird aktuell schwer von der Inflation gebeutelt: Im März erreichte sie über 100 Prozent, was furchtbar für die Bevölkerung ist. Der extrem günstige Umwandlungskurs zieht jedoch immer mehr Reisende in das Land, das als recht sicher und progressiv gilt.
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Die Mordrate in den Vereinigten Staaten ist beispielsweise deutlich höher als die in Argentinien. Außerdem rangiert das Land auf der Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 40 von 180 und ist damit der Staat Lateinamerikas mit dem am wenigsten problematischen Zustand der Meinungsfreiheit. 2010 wurde zudem die gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt und für Reisende aus der LGBTQIA+-Community gibt es verhältnismäßig viele Safe Spaces.
Für die indigene Bevölkerung Argentiniens gibt es hingegen kaum eine Lobby. Nach der jahrzehntelangen Enteignung und der militärischen Unterwerfung wurden die indigenen Völker Argentiniens gezwungen, eine fremde Religion und Lebensweise anzunehmen. Viele Argentinierinnen und Argentinier, deren Vorfahren oft als Wirtschaftsflüchtlinge aus Italien, Polen oder Deutschland eingewandert waren, wissen nur wenig über die Ureinwohner und Ureinwohnerinnen.
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Zur vollständigen AnsichtDie Internationale Arbeitsgruppe für indigene Angelegenheiten (IWGIA) berichtet: „Verallgemeinernde Stereotype haben viele indigene Völker dazu gezwungen, ihre Identität zu verbergen, um nicht rassistisch diskriminiert zu werden. Dennoch sind abwertende Begriffe, die Indigene als faul, schmutzig, ungebildet und wild bezeichnen, in der Alltagssprache weit verbreitet.“ Etwa 955.032 Menschen bezeichnen sich selbst als Angehörige oder Nachkommen eines indigenen Volkes, die Gesamtbevölkerung Argentiniens wird mit knapp 46 Millionen beziffert.
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Zur vollständigen AnsichtIndigenen Tourismus in den Bergen von Jujuy
Die Provinz Jujuy liegt im Norden Argentiniens und ist aufgrund ihrer geografischen Gegebenheiten ein echtes Highlight für Besucherinnern und Besucher – und dazu eines, das noch nicht durch Overtourism überfrachtet ist. Bekannte Städte in der Gegend sind Tilcara, Purmamarca oder Humahuaca.
Von dort aus kommst du mit dem Auto zu den Salinas Grandes. Die Salzlagerstätten sehen aus wie riesige Felder voll glatten Schnees in der Bergwüste und muten an wie eine „Star Wars“-Kulisse. Autotouren auf den Feldern werden von indigenen und häufig weiblichen Motorroller-Guides durchgeführt. Auch die Gastronomie und die Sanitäranlagen werden von den indigenen Communitys gemanagt.
Denn während indigene Menschen in anderen Teilen des Landes oft nur drei bis fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen, setzt sich die ländliche Bevölkerung Jujuys zu 38 Prozent aus indigenen Einheimischen zusammen. Was übrigens nicht bedeutet, dass die Politik deshalb auf ihrer Seite stünde: Indigene Gemeinden ohne Landtitel, denen Enteignung droht, wurden im Juni 2022 immer wieder in ihrem Demonstrationsrecht eingeschränkt, zudem wurden sie mit „massiver Polizeigewalt“ konfrontiert, wie „Amerika21″ schreibt.
Die Quebrada de Humahuaca
Doch davon bekommen Besucherinnen und Besucher nur etwas mit, wenn sie mit den Einheimischen in Kontakt kommen – und das passiert, gerade bei mangelnden Spanischkenntnissen der Touristinnen und Touristen, vor allem durch die Urlaubs-Highlights der Region.
Ein weiterer Sightseeing-Magnet: die Quebrada de Humahuaca. Diese wurde von der Unesco zum Weltkultur- und Naturerbe erklärt. Die 100 Kilometer lange Schlucht verläuft zwischen den Städten San Salvador de Jujuy und Humahuaca in der Provinz Salta.
Das Besondere daran ist die Farbenpracht der Felsen. „Obwohl die unterschiedlichen Farbgebungen sich geologisch einfach erklären lassen, so sorgt beispielsweise Kalk für weiße Schichten, Schwefel für gelbe und Kupfer für grüne, sind sie in einer solchen Dichte eine Seltenheit“, erklärt das „Geo“-Magazin. Der Zugang zur Aussichtsplattform El Hornocal wird von indigenen Communitys betreut, die sich nicht nur um das Wohl der Reisenden, sondern vor allem um das Wohl der Natur sorgen.
Die Farm von Clarita und Héctor Lamas
Das Leben der Gemeinden in dieser Region ist faszinierend – denn sie haben sich seit Jahrtausenden ein Leben in der menschenfeindlichen Hochgebirgsregion aufgebaut. Viele Haushalte haben erst seit Kurzem eine Stromversorgung, so auch die Farm von Clarita und Héctor Lamas. Die Familie hat kein WLAN, Anfragen von Reisenden erhält ihr Sohn Fabio, der mit seiner jungen Familie auf dem Nebengrundstück wohnt, nur, wenn er mit dem Arm in die Luft gestreckt auf dem höchsten seiner Felder hin und her läuft.
reisereporterin Katharina fand die Familie, indem sie in der Touristeninformation von Tilcara via Google-Übersetzer nach Möglichkeiten fragte, eine Kulturaktivität zu buchen, von der die indigenen Communitys der Region profitieren. Nicht spanischsprachige Individualtouristinnen und ‑touristen seien „eine absolute Seltenheit auf der Farm“, erklärte Fabio später. Mittlerweile pflegt die Familie jedoch auch eine Instagram-Seite und ein Facebook-Profil.
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Zur vollständigen AnsichtSie leben einen etwa einstündigen Auto-Trip von Tilcara entfernt und züchten unter anderem Quinoa auf ihrem Boden. Auch Katzen, Hunde, Ziegen und zwei fluffige Lamas gehören zur Familie und können dort in ihrem Lebensraum bestaunt werden. Außerdem wissen Fabio und seine Eltern viel über die Religion der Ureinwohnerinnen und Ureinwohner und zeigen dir auch den möglicherweise weltgrößten Kaktus, der im Zentrum der Gemeinde von Hornaditas steht. Kakteen gelten übrigens als eine Art weltliche Manifestation der verstorbenen Ahnen.
Indigene Kulturstätten und kochen lernen mit Mama Clarita
Auch an Relikten, die von der Zeit vor der ersten Kolonialisierung durch die Maya erzählen, werden Reisende vorbeigeführt – und für europäische Augen ist es mehr als verblüffend, wie wenig die uralten Stätten der indigenen Bevölkerung von der Regierung vor den Gezeiten geschützt werden. Statt Reisebussen voller Touristinnen und Touristen zu begegnen, stiefelst du allein mit Fabio über die Felsen und entdeckst großflächige Steine, auf denen vor Hunderten Jahren Sonnenfinsternisse und schließlich auch die Ankunft der spanischen Eroberer auf ihren Pferden eingeritzt wurden.
Außerdem lernst du kochen mit Mama Clarita. Achtung: Lamas werden in diesem Teil des Landes nicht nur gestreichelt, sondern auch gegessen. Zudem ist es auch möglich, in andere Handwerke aus der Region hineinzuschnuppern. Die Preise in der Landeswährung ändern sich ständig aufgrund der Inflation. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels kostet der Tagestrip 7000 argentinische Pesos pro Person, das sind knapp 19 Euro. Zwei geführte Touren, ein großes Mittagessen und ein kleiner Snack sind inklusive – genau wie eine riesengroße Portion Herzlichkeit, mit der dich die Familie überschütten wird.
Auch Übernachtungsmöglichkeiten gibt es auf der Farm, hierfür kommen noch mal 5000 argentinische Pesos, etwa 13,50 Euro, hinzu. Gebucht werden kann via Whatsapp (+54 9 3875 87-8190) oder per Mail (hornaditas@gmail.com).
Abenteuer Ranch: Ländliches Abenteuer in Salta
Enrique, der Besitzer der Ranch Sayta Cablagatas, der ursprünglich aus dem wohlhabenden Süden Patagoniens stammt, erfüllte sich vor über 35 Jahren seinen Lebenstraum und schmiss seinen Job bei einer großen Öl-Firma hin. Dank Erbe und Erspartem konnte er sich eine kleine Pferde-Farm im Staat Salta kaufen. Die Veranda hat er vollgestellt mit ausgemusterten Antiquitäten, von alten Radios bis Rattan-Vitrinen, unter denen gern auch mal die Hunde im Schatten dösen. Die Ranch ist ein Paradies für alle, die ein bisschen familiäre Landluft schnuppern wollen.
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Zur vollständigen AnsichtEines der Highlights: ausreiten mit den Pferden, die von den Gauchos – so werden die Pferdewirte dort genannt – trainiert wurden. Wer bei Tourismus mit Tieren skeptisch ist, kann aber auch auf die Trekking-Touren auf hohem Ross verzichten und stattdessen eine Empanada-Klasse besuchen, mit den Gauchos vom Baum gefallene Avocados sammeln oder sich bei einem ausgedehnten Asado, dem klassischen argentinischen Barbecue, den Bauch mit Köstlichkeiten vollschlagen. Auch für Vegetarierinnen und Vegetarier ist etwas dabei, zum Beispiel das herrliche Kürbispüree oder die traditionellen Tamales aus der Region.
Übernachtet wird in kleinen Trailern mit eingebautem Bad, welche den Stil der Region ebenso widerspiegeln wie den Vintage-Geschmack des Besitzers. 24 Stunden auf der Farm inklusive Unterkunft, Verpflegung und diversen Unternehmungen wie Ausreiten kosten etwa 150 US-Dollar. Gebucht werden kann via Whatsapp (+54 9 3876 83-6565) oder per Mail (saytareservas@gmail.com).
Indigene Angebote in Salta
Wer nicht nur lokale, sondern vorrangig indigene Angebote unterstützen möchte, kann eine Wandertour durch die Berge zum angestammten Gebiet des Coya-Stammes, geführt von einem Community-Mitglied, buchen. Diese Aktivität konnte reisereporterin Katharina nicht selbst unternehmen, sie wurde ihr allerdings von argentinischen Freunden wärmstens empfohlen.
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Zur vollständigen AnsichtIruya Excursiones bieten eine Reihe von Trekking-Touren an, die in der Regel in Iruya beginnen, einer kleinen Stadt inmitten der Berge, die du nach einer vierstündigen malerischen Busfahrt über Bergpfade erreichst. Die Dauer der Touren kannst du individuell mit den Gastgeberinnen und Gastgebern besprechen.
Die Guides zeigen einem das Land ihrer Vorfahren und führen die Neugierigen unter anderem zu einem Lost Place namens Pueblo Viejo, der auf 4000 Metern Höhe liegt. Dort stehen noch einige leer stehende Gebäude, die vor hunderten Jahren erbaut wurden. In Schlafsäcken können die Abenteurerinnen und Abenteurer dort auch Unterschlupf finden und mit den indigenen Guides eine Nacht verbringen – leckerer Eintopf inklusive!
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Zur vollständigen AnsichtFür die ganz Ambitionierten gibt es auch noch ein weiteres Highlight auf der Strecke: Am nächsten Tag kannst du weiter auf 5600 Meter zur Laguna Verde klettern – einem Ort, an dem, nach Schätzungen der Tour-Veranstaltenden, weniger als 100.000 Menschen jemals gewesen sind.
Zusammen mit den Reisenden wird dort ein uraltes Ritual zum Gedenken an die göttliche Erde, die sogenannte Pachamama, durchgeführt. Wer Zeit für einen dritten Tag hat, läuft abwärts zu einer Stadt namens San Isidro, in der eine gemütliche Posada – eine traditionelle Unterkunft – mit einer Dusche und leckerem Wein aus der Region auf die Besucherinnen und Besucher wartet. Der aktuelle Preis kann auf Facebook oder via Mail (guia16lopez@gmail.com) erfragt werden.
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Zur vollständigen AnsichtEin Tag bei den Aussteigern vom Tigre-Delta
Das Tigre-Delta ist eine magische Sumpflandschaft – was besser ist, als es klingt. Es liegt eine knappe Stunde nördlich von Zentrum von Buenos Aires im Delta des Paraná-Flusses. Vor der Kolonisierung durch die Spanier lebten hier indigene Völker, während der Kolonialzeit wurde die Gegend dann ein Eldorado für Schmuggler.
Im späten 19. Jahrhundert wurde die Region um das Örtchen Tigre schließlich zu einem der bedeutendsten Früchte- und Holzproduzenten. Aufgrund vegetativer Veränderungen verschwand die Landwirtschaft und der Tourismus hielt Einzug. Große Firmen bieten hier Rentner-Trips übers Wasser an. Auf den kleinen Inseln des Deltas selbst leben jedoch vorrangig Menschen, die das Abenteuer leben und sich nicht vor einer wilden Umgebung scheuen. Denn Supermärkte, Kulturorte und Krankenhäuser gibt es nur auf dem Festland.
Zwei, die sich das Leben in dieser irren Umgebung ausgesucht haben, sind Ana und Ralf von Delta Unplugged. Er arbeitete jahrelang als Koch auf Containerschiffen und bereiste einen Großteil der Erdkugel. In Argentinien traf er dann auf Ana, eine lebenslustige Einheimische, die lange in der Tourismusbranche gearbeitet hatte. Zusammen ließen sie sich in einer historischen, aber verfallenden Villa im Delta nieder. Sogar ein ehemaliger Tanzsaal steht auf ihrem Grundstück, das regelmäßig von fleißig flatternden Kolibris besucht wird.
Da Ralf ursprünglich aus der Schweiz kommt, haben auch deutsche Besucher, die sich mit Spanisch und Englisch schwertun, hier eine Chance, wirklich viel über das Leben in dieser Region zu erfahren. Genauso einmalig wie das Ehepaar ist der Service, den die beiden bieten: Besucherinnen und Besucher werden morgens mit einem privaten Taxi-Boot am Anleger von Tigre eingesammelt.
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Zur vollständigen AnsichtEine Viertelstunde später sitzt du in der gemütlichen Küche von Ana und Ralf, genießt Tee und selbst gebackenes Brot und lässt dir eine Katze um die Beine streicheln. Im Anschluss geht es an Bord: Die beiden haben ein altes Segelboot restauriert, das nun mit einem Motor betrieben wird. Nach einer genussvollen Bootsfahrt durch subtropische Landschaften auf den schmalen Wasserstraßen und breiten Flüssen des Deltas ankerst du in einem von unberührter Natur umgebenen Flussarm auf dem Paraná de las Palmas.
Dort bereitet Ralf ein üppiges Mittagessen zu, das ebenso gut schmeckt, wie es aussieht. Dazu gibt es argentinische Boutiqueweine und jede Menge gute Geschichten. Je nach Wetterlage – und je nachdem, wie du dich an Bord benommen hast – darfst du vor der Haustür des Ehepaars noch ins Wasser springen. Abgerundet wird der perfekte Fluss-Tag dann mit hausgemachtem Eis und einer „Mate-Zeremonie“, bevor du zurück zum Anleger gebracht wirst.
Handgemachter, echter Individualtourismus auf allerhöchstem Niveau für etwa 130 US-Dollar. Gebucht werden kann direkt via Whatsapp (+54 9 11 67501536) oder per Mail (deltaunplugged@gmail.com). Gelegentlich gibt es auf Anfrage auch Übernachtungsmöglichkeiten. Ansonsten gibt es an Land eine tolle Unterkunft, die absolut empfehlenswert ist: La Verdosa ist ein wunderschönes Boutique-Bed-and-Breakfast, das von der Besitzerin Christina mit viel Liebe für stilvolle Details restauriert wurde. Außerdem gibt es ein fabelhaftes Frühstück, das jeden Instagram-Food-Porn-Post wert ist.
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