Die alte Liebe lodert lichterloh
Glück im Kino ist immer ein bisschen kitschig. Das gilt auch für die Urlaubsbilder, welche die französische Filmemacherin Claire Denis zu Beginn ihres Filmes „Mit Liebe und Entschlossenheit“ auf die Leinwand zaubert. Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau. Das Meer kristallklar. Eine Frau und ein Mann mittleren Alters schwimmen in der menschenleeren Bucht. Ihre Körper treiben in den sanften Wellen, finden immer wieder zusammen und umschlingen sich.
Die Innigkeit der Liebenden bleibt auch nach einem harten Schnitt bestehen, als die Kamera durch einen Tunnel der Pariser Metro fährt und das Paar bei der Ankunft in der gemeinsamen Wohnung zeigt. Auch hier Vertrautheit, Freude, Begehren und das zärtliche Lächeln, mit dem sich Sara (Juliette Binoche) und Jean (Vincent Lindon) am Morgen danach auf dem Balkon über den Dächern der Stadt in die Augen sehen.
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Zur vollständigen AnsichtEs ist kaum möglich, der Anziehungskraft der Bilder zu entgehen, in denen die Kraft einer langen Liebe beschworen wird. Und dennoch weiß man, dass dieses Glück bald einer Bedrohung ausgesetzt sein wird. Die Bedrohung hat einen Namen: François (Grégoire Colin).
Weit entfernt über den Platz hinweg sieht sie ihn, kurz bevor er den Motorradhelm auf den Kopf setzt. Das nur Sekunden kurze Ereignis lässt Sara am ganzen Körper zittern. Es ist eine unkontrollierbare, körperliche Reaktion auf den Mann, den sie vor Jean liebte und dessen unzuverlässige Zuneigung sie zu zerstören drohte.
Der ehemalige und der aktuelle Geliebte sind alte Freunde. Es dauert nicht lange, bis François sich meldet und Jean einen Job in seiner neu gegründeten Sportleragentur anbietet. Als Sara ihrem Ex schließlich auf einer Party begegnet, brennt die alte Liebe lichterloh.
Dramatisch zeigt Claire Denis den rasanten Zerfall einer scheinbar stabilen Liebesbeziehung. Im Mittelpunkt steht eine herausragende Juliette Binoche als Frau zwischen zwei Männern, die sich von ihren Gefühlen überwältigen lässt, auch wenn sie sich deren zerstörerischer Wirkung bewusst ist.
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Zur vollständigen AnsichtEine ungewöhnliche Rolle für Juliette Binoche
Es ist eine ungewöhnliche Rolle für Binoche, die zumeist als klare Sympathieträgerin unter Vertrag genommen wird, aber hier die Integrität ihrer Figur mit aller Kraft unterminieren darf. Ihr gegenüber steht der wunderbar verwitterte Vincent Lindon als betrogener Geliebter, der schon tief in die Abgründe des Lebens geblickt hat und gerade deshalb bis zum bitteren Ende an der Loyalität zu Sara festhält.
Bei aller Leidenschaft, die sich vor der Kulisse eines mit Maskenmenschen bevölkerten Pandemie-Paris entfaltet, bewahrt der Film Nüchternheit gegenüber seinen Figuren. Sie wirken wie Gefangene ihrer eigenen Persönlichkeit. „Es ist gar nichts mehr drauf“, sagt der Techniker am Ende zu Sara, als er ihr das Smartphone zurückgibt, das in die Badewanne gefallen ist. Ohne Back-up bleibt ihr nur ein erzwungener Neuanfang.
„Mit Liebe und Entschlossenheit“, Regie: Claire Denis, mit Juliette Binoche, Vincent Lindon, Grégoire Colin, 116 Minuten