Gespräch mit einem Experten

Wie sicher sind die ukrainischen AKW?

Das stillgelegte Kernkraftwerk von Tschernobyl wurde vom russischem Militär besetzt.

Das stillgelegte Kernkraftwerk von Tschernobyl wurde vom russischem Militär besetzt.

Lutz Küchler ist Diplom-Ingenieur für Kernkraftwerkstechnik bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS). Küchler war als Experte an mehreren Projekten zur Verbesserung der Sicherheit in Tschernobyl und anderen kerntechnischen Anlagen in der Ukraine beteiligt und dabei auch selbst vor Ort in Tschernobyl tätig.

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Rund um das ehemalige Kraftwerk von Tschernobyl gab es in den vergangenen Tagen Brände. Welche Gefahr geht von solchen Feuern aus, Herr Küchler?

Es gab Brände in der Sperrzone um das Kraftwerk, die als nicht permanent bewohnbar gilt. Der radioaktive Fallout des Unfalls von 1986 befindet sich dort im Boden, das heißt, Pflanzen nehmen Teile davon auf. Wenn diese Pflanzen verbrennen, wird Radioaktivität freigesetzt. Dabei kann für die nähere Umgebung eine Gefährdung bestehen. Wie hoch sie ist, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Der Art der Pflanzen, aber auch der Windrichtung. Hier macht es einerseits schon einen Unterschied, ob bewohnte oder unbewohnte Gebiete in der Nähe der Sperrzone betroffen sind. Andererseits wissen wir aus den Erfahrungen mit größeren Bränden aus früheren Jahren sicher, dass zum Beispiel Kiew oder gar Westeuropa dadurch nicht gefährdet sind. Bei den inzwischen gelöschten Bränden wurde nur eine relativ geringe Radioaktivität festgestellt. Es waren wohl auch nicht die Gebiete mit der höchsten Kontamination betroffen.

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Das AKW in Tschernobyl ist seit vielen Jahren stillgelegt. Welche Quellen von Radioaktivität gibt es dort noch?

Nachdem von den vier Reaktoren in Tschernobyl einer bei dem Reaktorunfall zerstört wurde, wurden die anderen zunächst noch weiterbetrieben – der letzte bis zum Jahr 2000. Um die Beschäftigten nicht unnötig Strahlung auszusetzen, wurde dort alles so gut wie möglich dekontaminiert. Momentan gibt es noch das Nasslager ISF-1, in dem etwa 22.000 abgebrannte Brennelemente in Wasserbecken lagern. Vor dem Krieg wurde bereits damit begonnen, diese in ein neues Trockenlager zu transportieren. Dann gibt es noch den zerstörten Reaktor, in dem sich Reste von Brennelementen befinden. Über die Ruine des Reaktors wurde kurz nach dem Unfall und eher provisorisch ein „Sarkopharg“ aus Beton und Stahl errichtet. Seit 2018 ist dieser von einer neuen Schutzhülle umgeben, dem „New Safe Confinement.“

Die russischen Truppen haben zwar auch ein paar Experten dabei, die vielleicht wissen, was Strahlung ist. Aber mit konkreten Betriebsabläufen sind sie nicht vertraut.

Müssen diese Anlagen aktiv gesichert werden, zum Beispiel durch eine Kühlung?

Weil Brennelemente auch nach Jahrzehnten noch Wärme entwickeln, werden diese im Nasslager gekühlt. Außerdem gibt es dort eine Lüftungsanlage, die verhindert, dass die Konzentration an Wasserstoff zu hoch wird – denn dann würde eine Knallgasreaktion drohen. Der zerstörte Reaktor muss nicht gekühlt werden, aber hier gibt es in der Umhüllung, dem Confinement, eine Lüftungsanlage. Diese stellt einen leichten Unterdruck her, um zu verhindern, dass radioaktive Partikel nach außen gelangen.

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In Tschernobyl war in den vergangenen Tagen mehrfach die Stromversorgung unterbrochen. Können die Sicherungsanlagen ohne Strom noch funktionieren? Welche Gefahren drohen?

Wenn es zum Stromausfall kommt, kann dort offiziellen Dokumenten zufolge eine Notstromversorgung trotzdem sieben Tage lang gewährleistet werden. Was das Lager ISF-1 angeht, glaube ich, dass selbst ohne Stromversorgung mit großer Wahrscheinlichkeit keine Gefahr davon ausgeht. Das liegt daran, dass die Brennelemente nach so langer Zeit nur noch relativ wenig Wärme erzeugen. Auch wenn vorübergehend die Lüftung im „New Safe Confinement“ nicht funktioniert, würde ich das nicht unbedingt als kritisch beurteilen, da das Confinement als solches schon eine hohe Schutzfunktion hat.

Es wurde auch bekannt, dass das ukrainische Personal, das noch vor Ort ist, überarbeitet ist. Die Russen können es ja sicher nicht so einfach ersetzen?

Überarbeitetes Personal ist selbstverständlich auch ein Sicherheitsfaktor. Die russischen Truppen haben zwar auch ein paar Experten dabei, die vielleicht wissen, was Strahlung ist. Aber mit konkreten Betriebsabläufen sind sie nicht vertraut. Das gilt sowohl in Tschernobyl als auch im von den Russen eingenommenen aktiven Atomkraftwerk in Saporischschja. Das ukrainische Personal hält dort die Sicherheit aufrecht. Die meisten Menschen, die in Tschernobyl arbeiten, wohnen in Slawutitsch. Diese Stadt liegt im Kampfgebiet, die Zugverbindung ist unterbrochen. Deshalb gab es Schwierigkeiten, einen Schichtwechsel zu organisieren. Die Arbeiter stehen da natürlich enorm unter Druck. Inzwischen sind die Arbeiter wohl teilweise ausgetauscht worden. In Saporischschja soll es normale Schichtwechsel geben.

Auch im Atomkraftwerk Saporischschja, das noch in Betrieb ist, hat es Stromausfälle und sogar einen Brand gegeben. Das dürfte um einiges gefährlicher gewesen sein als die Vorfälle in Tschernobyl?

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Die Gefährdung ist bei solchen Vorfällen in einem Atomkraftwerk, das noch in Betrieb ist, natürlich größer. Wenn dort die Stromversorgung komplett unterbrochen wird und der produzierte Strom auch nicht weggeleitet werden kann, fährt das Kraftwerk automatisch herunter. Dabei kann es sich selber noch teilweise mit Strom versorgen, damit die Kühlung weiterhin funktioniert. Auch verfügen die Anlagen über Notstromdiesel, die dafür sorgen, dass der Reaktor weiter gekühlt werden kann. Das ist wichtig, denn genau wie zum Beispiel ein Wasserkocher heizt ein Reaktor noch nach, auch wenn er abgestellt wurde.

Dass es immer wieder Vorfälle in den AKW in der Ukraine gibt, macht vielen Menschen Angst. Es lässt sich doch nicht vollständig ausschließen, dass dabei Radioaktivität austreten kann?

Die größte Gefahr geht nicht von den Kraftwerken selbst, sondern von den Kampfhandlungen in der Umgebung mit schwerer Militärtechnik aus. Es wird vermutlich niemand bewusst ein Atomkraftwerk angreifen, aber es besteht ein Risiko, dass Querschläger Kollateralschäden anrichten. Die Reaktoren selbst haben dicke Betonwände, sie sind darauf ausgerichtet, einem Flugzeugabsturz standzuhalten. Aber es kann versehentlich die Wasser- und Stromversorgung beschädigt werden. Die eigentliche Gefahr ist also der Krieg. Um die Sicherheit wiederherzustellen, sollte deshalb der Krieg so schnell wie möglich beendet werden.

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