Sojaalternative: Deutsche Unternehmen verarbeiten Fliegenlarven zu Futter

Christian Benning, einer der beiden Geschäftsführer der Probenda GmbH, hält am Unternehmenssitz Larven (l) der Schwarzen Soldatenfliege (lat. hermetia illucens) nach der Ernte und den proteinhaltigen Presskuchen nach der Entfettung und Trocknung in den Händen.

Pfungstadt/Ahaus-Alstätte. Rund 600.000 Nutztiere tummeln sich in einem kleinen Käfig. Nach wenigen Tagen fallen sie tot auf den Boden. Bis dahin machen sie das, was von ihnen erwartet wird: Sie paaren sich. Und auf den Nachwuchs kommt es Luisa und Christian Benning an. Seit vergangenem November darf das Ehepaar nach einer vorangegangen Änderung einer EU-Verordnung aus den Larven der schwarzen Soldatenfliege (hermetia illucens) Tierfutter auch für Hühner und Schweine herstellen. „Das Mehl hat einen Proteingehalt von 55 bis 60 Prozent“, sagt Christian Benning.

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„Ein Vorteil von Insekten gegenüber pflanzlichen Proteinquellen ist die biologische Wertigkeit des Proteins aus Insekten und der Anteil an essenziellen ungesättigten Fettsäuren“, heißt es beim Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie IME in Gießen. Zudem könnten die Insekten auf den Resten der Agrar- und Lebensmittelindustrie gezüchtet werden, die sonst als Abfall entsorgt würden.

Regionale Reststoffe verwerten

„Der große Vorteil liegt daran, dass wir regionale Reststoffe verwerten können“, sagt Luisa Benning. Die Larve können aus minderwertigen Reststoffen hochwertige Rohstoffe machen. Ein weiterer Vorteil sei der geringe Flächenverbrauch, zudem müssten Futtermittel wie zum Beispiel Soja nicht über den Atlantik hergeschafft werden und es gebe keine saisonalen Schwankungen, sagt die 37 Jahre alte studierte Agrarwissenschaftlerin und frühere Produktmanagerin für Tiernahrung in einer Erzeugergemeinschaft von Bio-Landwirten. So könnten bei ausreichender Produktion auch Abholzungen im Amazonas-Gebiet für den Soja-Anbau vermieden werden.

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Die Soldatenfliege sei für die Züchtung optimal, sagen die Bennings. Dem Larvenstadium entronnen frisst sie nicht mehr, überträgt keine Krankheiten und ist nicht invasiv.

Christian und Luisa Benning, die beiden Geschäftsführer der Probenda GmbH, stehen am Unternehmenssitz vor dem Flugkäfig, in dem die Schwarze Soldatenfliege (lat. hermetia illucens) ihre Eier ablegt. Das Unternehmen verarbeitet seit Frühjahr 2021 die Larve der Schwarzen Soldatenfliege zu hochwertigem Proteinmehl und Fett.

Christian und Luisa Benning, die beiden Geschäftsführer der Probenda GmbH, stehen am Unternehmenssitz vor dem Flugkäfig, in dem die Schwarze Soldatenfliege (lat. hermetia illucens) ihre Eier ablegt. Das Unternehmen verarbeitet seit Frühjahr 2021 die Larve der Schwarzen Soldatenfliege zu hochwertigem Proteinmehl und Fett.

Der weitaus kleinste Teil der Produktion ist das mit Gittern umfasste Gehege der schwarzen Fliegen in der Werkshalle der Probenda GmbH im hessischen Pfungstadt. In rund 35 Kubikmetern Raum sitzen Abertausende der kleinen Insekten an den Gittern und paaren sich. Die toten Tiere fallen einfach auf den Boden und werden jeden Tag ausgekehrt. Den Nachwuchs – 400 bis 500 Eier – legen die Fliegen in Plastikwabenplatten, die dann von einem der acht Mitarbeiter aus dem Gehege geholt werden. „Man gewöhnt sich dran“, sagt Biologe Frank Schubert, der hier arbeitet. Übersät mit den schwarzen Tieren kehrt er tausende tote Insekten vom Boden auf.

Preislich noch nicht konkurrenzfähig

Der Fliegennachwuchs wird mit einer von Christian Benning selbst gebauten Produktionsstraße verarbeitet. In Kisten werden je rund 12.000 Larven bis kurz vor die Verpuppung gefüttert und dann bei großer Hitze getrocknet, gepresst und gemahlen. Die hier geplante Produktion soll auf 150 Tonnen steigen. „Das ist eine reine Pilotanlage“, sagt der 43-Jährige. Es gehe darum, das nötige Know-how aufzubauen für größtmögliche Ernten. Derzeit ist der Futterzusatz preislich noch nicht konkurrenzfähig mit Soja oder Fischmehl. „Abnehmer sind Gartenhühner-Besitzer bis hin zu einigen größeren Kunden“, sagt Luisa Benning. Die Produktion ist nach den Worten ihres Mannes aber bis Ende 2023 ausverkauft.

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Damit die Bennings überhaupt mit dem Verkauf des Tierfutters in der EU starten konnten, mussten zunächst rechtliche Hürden wegfallen. „Die Verfütterung von tierischen Proteinen an Wiederkäuer ist in der EU infolge der Tierseuche BSE verboten“, sagt eine Sprecherin des Bundeslandwirtschaftsministerium. In Folge der Seuche vor rund 20 Jahren sei dieses Verbot auch auf andere Nutztiere ausgedehnt worden. „Die Europäische Union hat dieses Verfütterungsverbot schrittweise auf der Grundlage von wissenschaftlichen Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit gelockert.“ Im vergangenen Jahr sei dies auch bei Schweinen und Hühnern der Fall gewesen.

Mehl und Fett aus Larven

Die Agravis Raiffeisen AG, einer der größten Futtermittelhersteller Deutschlands, will in die Produktion von Futtermittel aus Fliegenlarven für Hühner und Schwein mit einsteigen. Als strategischen Partner hat sich das Unternehmen die Illucens GmbH aus Ahaus-Alstätte in Nordrhein-Westfalen ins Boot geholt. Deren Geschäftsführer Dirk Wessendorf arbeitet seit 2009 mit den Fliegen und hat auch die Lizenz, Zusätze für Schweine- und Hühnerfutter herzustellen.

Biologe Frank Schubert, der einen Imkerhut trägt, tauscht im Flugkäfig der Probenda GmbH Plastikwaben aus, in der die Schwarze Soldatenfliege (lat. hermetia illucens) ihre Eier ablegt.

Biologe Frank Schubert, der einen Imkerhut trägt, tauscht im Flugkäfig der Probenda GmbH Plastikwaben aus, in der die Schwarze Soldatenfliege (lat. hermetia illucens) ihre Eier ablegt.

Bei dem Bedarf an Futtermitteln seien die Fliegenlarven noch ein Tropfen auf den heißen Stein, sagt Wessendorf. Seiner Schätzung nach gibt es in Deutschland derzeit nur eine handvoll Unternehmen mit Lizenzen. „Mit Agravis sind in diesem Jahr drei Pilotanlagen geplant“, sagt Wessendorf. „Wir liefern die Larven, holen sie wieder ab und machen daraus Mehl und Fett.“ Es gehe auch darum, neue Einkommensmöglichkeiten für die Landwirte zu erschließen. Wessendorf kann derzeit rund 1000 Tonnen Futtermittel im Jahr aus den Larven produzieren. Im Bau sei eine 5000-Tonnen-Anlage. Für die kommenden Jahre sieht er ein „gigantisches Wachstumspotenzial“ bei der Futterherstellung aus den Fliegenlarven.

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Auch Probenda will mit Hilfe von neuen Investoren die Produktion drastisch ausbauen, auch damit das Larvenfutter billiger angeboten werden kann und für größere Hühner- oder Schweinemäster eine Alternative wird. „Man kann dann deutlich günstiger produzieren“, sagt Christian Benning über den geplanten Ausbau der Kapazität. So sollen im kommenden Jahr eine Anlage für rund 1000 Tonnen und perspektivisch drei weitere mit noch größeren Kapazitäten folgen.

RND/dpa

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