Fachkräfte fehlen

Recruiting 2.0: Firmen bewerben sich heutzutage um Personal

Der Bewerbungsmarkt hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Hundert­achtzig­grad­wende durchlebt.

Der Bewerbungsmarkt hat in den vergangenen Jahrzehnten eine Hundert­achtzig­grad­wende durchlebt.

Ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer können sich noch erinnern: Für sie war es oft schwer, beruflich Tritt zu fassen. Viele Ausbildungs­plätze waren heiß begehrt, von manchen Studien­gängen wurde wegen mangelnder Einstellungs­chancen regelrecht abgeraten, bei Bewerbungen war die Konkurrenz groß. Arbeitgeber hingegen konnten aus einer Vielzahl von qualifizierten Kandidatinnen und Kandidaten auswählen.

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Das hat sich inzwischen deutlich geändert. In vielen Branchen herrscht Fachkräftemangel – insbesondere im Handwerk, Gesundheits­wesen und IT-Bereich. Immer häufiger hängen in Geschäften Stellengesuche aus, Unternehmen werben auf ihren Fahrzeugen um Nachwuchs. „Es ist für Firmen viel schwieriger, Arbeitskräfte zu finden, als vor 15 Jahren“, sagt Enzo Weber, von Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Zuzana Blazek vom Kompetenz­zentrum Fachkräfte­sicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft erkennt sogar eine Umbruchphase: „Aus einem Arbeitgebermarkt wird zunehmend ein Arbeitnehmermarkt.“

Häufig suchen sich die Bewerber heutzu­tage selbst das Unternehmen aus

Das hat Auswirkungen auf Bewerbungen: Während sich qualifizierte Fachkräfte teilweise Jobs aussuchen können, müssen Unternehmen um sie buhlen. „Früher war es der Kampf der Talente, heute ist es der Kampf um die Talente“, sagt Fabian Prudencia De Almeida, Geschäfts­führer des Personal­services Dahmen. „Das Recruiting hat sich stark verändert“, bestätigt Blazek: „Nur Unternehmen, die mutig sind und neue Wege gehen, werden es in Zukunft schaffen, Menschen zu einer Bewerbung zu bewegen.“

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Um bei der Stellenbesetzung erfolgreich zu sein, können und müssen viele Unternehmen an verschiedenen Stellschrauben drehen. Es genüge oft nicht, Stellengesuche in der Zeitung zu veröffentlichen, sagt Jochen Mai, Autor der „Karrierebibel“. Unternehmen müssten etwa auf Jobmessen, Online­jobbörsen und in den sozialen Medien präsent sein und sich auf Bewerber­daten­banken wie Xing oder Linkedin umschauen. Stellengesuche sollten zudem möglichst offen formuliert werden, um auch Bewerberinnen und Bewerber anzusprechen, die nicht exakt auf das Jobprofil passen, rät Weber.

Das Bewerbungsverfahren, oder neudeutsch die „Candidate Journey“, sollte zudem vereinfacht werden, empfiehlt Blazek. So könne mitunter auf ein Anschreiben verzichtet werden. Wichtig sei es außerdem, schnell zu reagieren: „Kandidatinnen und Kandidaten wollen nicht ewig warten“, betont sie. Auch Transparenz sei hilfreich – etwa konkrete Angaben zum Gehalt. Die klassische Bewerbungs­mappe habe zwar nicht ausgedient, ergänzt Mai. Aber zunehmend sei es üblich, Bewerbungen per E-Mail zu versenden. Einige Unternehmen verwendeten bereits Onlineformulare. „In 20 Jahren wird es nur noch One-Click-Verfahren geben“, ist Blazek überzeugt.

Der beste unter den Arbeitgebern sein – und das auch zeigen

Arbeitgeber, die es besonders schwer haben, Fachkräfte zu finden, müssten sich für potenzielle Bewerberinnen und Bewerber attraktiv machen, führt die Expertin weiter aus.

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Auf einer Karrierewebsite könnten sie sich zum Beispiel mit der Kultur und den Werten, die im Unternehmen gelebt werden, präsentieren. Das Schlagwort dafür lautet „Employer Branding“. Firmen sollten als Marke erkennbar sein, ein positives Image ausstrahlen und die eigenen Vorteile herausstellen. Hilfreich sei es dafür, Geschichten zu erzählen und zum Beispiel Videos zu präsentieren, die ein Gefühl dafür vermitteln, wie es ist, in dem Unternehmen zu arbeiten, so Blazek. Außerdem sollten Arbeitgeber die Persönlichkeit der Jobsuchenden in den Mittelpunkt stellen und durch ihre Brille schauen. Vielen seien etwa Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie Weiterbildungs- und Karriere­möglichkeiten wichtig.

Und die Arbeitssuchenden? Hat sich ihre Einstellung zur Bewerbung geändert? Bei manchen sei zumindest ein Wandel in der Haltung zum künftigen Job zu beobachten, sagt Weber: „Sie möchten etwas haben, das zu ihnen passt, und sich nicht passend machen.“ Viele wollten im Job eigen­verantwortlich gestalten und auf die Arbeits­weise selbst Einfluss nehmen können. Das betreffe zum Beispiel die Möglichkeit, Zeiten im Homeoffice zu verbringen.

Jobsuchende wählen zudem immer häufiger digitale Medien für ihre Bewerbungen. Sie verschicken Videos oder Schreiben mit QR-Codes, die auf weitere Informationen verweisen und auf Social-Media-Kanäle verlinken. „Die Firmen sind bei der Suche ohnehin im Netz unterwegs. Die Frage ist deshalb nicht, ob, sondern wie ich mich dort präsentiere“, betont Weber. Auch Bewerbungs­gespräche erfolgten zunehmend digital. Der Vorteil für die Bewerberinnen und Bewerber sei, dass sie sich zu Hause oft wohler fühlten, so der Arbeitsmarkt­experte: „Sie sollten aber trotzdem professionell auftreten, und auch die Technik muss gut funktionieren.“

Mehr Arbeit, weniger Arbeitskräfte

Trotz der derzeitigen Corona-Delle: Die Wirtschaft in Deutschland boomt. Die Zahl der versicherungs­pflichtigen Beschäftigten ist seit 2010 um gut sechs Millionen auf 33,63 Millionen gestiegen. In immer mehr Branchen herrscht Fachkräfte­mangel: Die Agentur für Arbeit stellte 2019 Engpässe bei 185 Berufsgattungen fest. Der demo­graphische Wandel macht eine Verschärfung des Problems wahrscheinlich, denn in den kommenden Jahren treten Beschäftigte aus geburtenstarken Jahrgängen in den Ruhestand. Da die Situation in anderen Ländern vergleichbar ist, können dort kaum Arbeitskräfte rekrutiert werden. Kleinere Firmen haben es meist besonders schwer, Personal zu finden. Hinzu kommt, dass viele Mitarbei­terinnen oder Mitarbeiter abgeworben werden: Inzwischen werden fast 50 Prozent aller Stellen nicht aus einer Arbeitslosigkeit, sondern aus einem anderen Job besetzt.

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RND

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