„Peng, peng!“: Müssen Eltern sich sorgen, wenn Kinder Schießen spielen?
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Am spielerischen Rumballern haben Kinder oft einen Heidenspaß.
© Quelle: Rik Rey/Westend61/dpa-tmn
Hennef/Meerbusch. Sie rufen so etwas wie „Peng, Peng“ und drücken auf Plastikwaffen ab oder auch nur auf ein Stückchen Holz. Das Gegenüber muss sich sozusagen tot stellen. Für kleine Kinder ist das oft ein Heidenspaß. Sie fühlen sich, als hätten sie die Macht über die Menschen um sich herum und jeder höre auf ihr Kommando.
Viele Erwachsene hingegen verziehen das Gesicht. Sie finden Waffen doch eigentlich furchtbar und das Spiel überhaupt nicht lustig. Sollte man es verbieten? Weil es vielleicht die Tür dafür öffnet, dass aus den Kleinen gewaltbereite Jugendliche werden?
Kinder verarbeiten im Spiel Erlebtes
Stellt man Kinderpsychologen oder Erziehungsberatern diese Fragen, schütteln sie beruhigend mit dem Kopf. Schießen spielen ist – solange es mit Plastikpistolen oder anderem Spielzeug gespielt wird – per se nicht gefährlich. Denn: „Kinder kompensieren im Spiel das Erlebte und das, was sie beschäftigt“, sagt Kerstin Lüking, Hebamme und siebenfache Mutter. Sie kennt aus eigener Erfahrung, dass Eltern irgendwann mit herumballernden Kindern in Kontakt kommen.
Die Psychologin Annika Rötters aus Hennef, mit der Lüking für die Homepage mutterkutter.de arbeitet, weiß auch, dass Erwachsene meist erstmal besorgt reagieren. Sie sagt jedoch: „Kinder sind im Gegensatz zu Erwachsenen nicht dazu in der Lage, die Konsequenzen hypothetisch vollständig durchzudenken.“ Sie wollten nicht wirklich, dass jemand stirbt. „Sie spielen es vielmehr durch, um den Gedanken daran – etwa, wenn die Oma gestorben ist – anders zu begreifen und sortieren zu können“, erklärt Rötters.
Schießen spielen könne für sie verschiedene „Zwecke“ erfüllen – im Extremfall habe ein Kind etwas Traumatisches erlebt oder gesehen, was es über das Spiel verarbeiten möchte. „Vielleicht hat es aber auch nur einen Onkel, der im Schützenverein aktiv ist oder eine Mutter, die bei der Polizei arbeitet“, so Rötters. Also: Wenn ein Kind ab und zu mit Gegenständen zielt und schießt, dann will es dem Gegenüber nicht wehtun und bringt das damit normalerweise auch nicht in eine direkte Verbindung.
Mal eine Rolle einnehmen, die man sonst nicht hat
Bettina Meisel, Vorsitzende der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten aus Meerbusch sagt: „Spielen hat für Kinder oft einen Als-Ob-Charakter.“ Dabei nehmen Kinder im Spiel eine Rolle oder eine Fähigkeit ein, die sie in der Realität nicht haben. Oder sie spielen etwas aus der Realität nach, um es zu verarbeiten.
Denkbar sei laut Familientherapeut Peter Thiel aus Fulda aber auch, dass das Kind mit dem Schießen spielen stellvertretend für Erwachsene – also in der Regel für die Eltern oder einen Elternteil – Aggressionen auslebt. „Hierbei würde es sich um eine ungesunde Verantwortungsübernahme handeln“, sagt er.
Es gibt aber auch eine Form des Spiels, bei der Sorgen von Eltern berechtigt sein können: „Nämlich dann, wenn das Kind während des Spiels hasserfüllt auftritt“, sagt Meisel. Dann sollten Eltern hellhörig werden und schauen, woher dieser Hass kommt. Die freudvolle Komponente dürfe nicht in den Hintergrund treten.
Andauernde Aggressionen hinterfragen
Wenn ein Kind jedoch immer nur schießen will und dabei vielleicht sogar seine Mitspieler zu genau diesem Spiel zwingt, dann sollte geschaut werden, warum dieses Kind dauernd so voller Aggressionen ist. Der Blick auf das Verhalten sei in den allermeisten Situationen wesentlich wichtiger und wertvoller als ein einfaches Verbot.
„Passiert das Spiel aber nicht verbissen, ohne harte Emotionen und ohne Zwang, dann ist Ballern prinzipiell nichts Schlimmes“, findet Meisel. Also sollten Eltern das Schießen mit Stöcken oder Spielzeugwaffen gar nicht verbieten? „Nun ja, Kinder suchen meist einen Ausweg oder eine Alternative, wenn sie das verboten bekommen, was ihnen Spaß macht“, so Meisel.
Ähnlich sieht das Rötters: „So lange Waffen ein Bestandteil dieser Welt und dieser Realität sind, und Kinder in Büchern, Geschichten, Hörspielen und Filmen damit konfrontiert werden, halte ich es nicht für empfehlenswert, ein generelles Spiel-Schießverbot auszusprechen.“ Etwas anders sei das Verbot, mit echten Waffen zu hantieren.
Reden und vertrauen statt verbieten
Sinnvoll könne sein, Baller-Spiele zeitlich und örtlich zu begrenzen. Etwa: „Im Wohnzimmer wird nicht mit Wasserpistolen geschossen.“ Das könne eine Familienregel sein. Und Lücking sagt: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nie sinnvoll ist, den Kindern etwas zu verbieten, nur, weil es sich nicht schickt und einem bestimmten Klischee unterliegt. Ich sage immer: Reden hilft!“
Dazu zähle, den Kindern zuzuhören, sie ernst zu nehmen und ausreden zu lassen: „Sie machen lassen und Vertrauen in sie zu haben, ist das Beste, was ich als Mutter oder Vater machen kann.“ Das hieße nicht, dass man alles akzeptieren muss: „Aber der Reiz am verpönten Spielzeug verfliegt nur dann, wenn die Kleinen es einfach mal ausprobieren durften.“
Und wer soll dir das Abendessen machen?
Eltern, die ein Problem mit dem Rumgeballere haben, empfiehlt Bettina Meisel, das Spiel auf eine reale Ebene zu ziehen. So könnte man beispielsweise sagen: „Wenn du mich erschießt, bin ich tot und kann dir kein Abendessen mehr machen.“ Das grundsätzliche Verbieten sieht aber auch sie kritisch: „Es besteht die Gefahr, dass sich das Kind in Heimlichkeit übt. Die fatale Folge könnte sein, dass es für seine Eltern irgendwann gar nicht mehr erreichbar sein wird.“
Annika Rötters bringt noch eine Sichtweise ein: „Für die Entwicklung der Empathie-Fähigkeit könnten wir argumentieren, dass es wichtig ist, dass Kinder im Spiel auch Situationen von ungleichen Machtverhältnissen nachspielen – und sich selbst im Spiel in alle möglichen Rollen begeben.“ In Familien könnten Machtverhältnisse so mal bewusst außer Kraft gesetzt werden – wenn jedes Familienmitglied eine Wasserpistole bekommt und Wasserschlacht spielt.
Kerstin Lüking rät, klare Regeln bei Spielen etwa mit der Wasserspritzpistole aufzustellen: Zum Beispiel nicht in die Augen zielen. Und wer klar äußert, dass er nicht dabei ist, wird auch nicht nass gemacht. Wenn sich jemand nicht an die Regel hält, werden die Pistolen sofort eingesammelt.
RND/dpa