Vermehrte Infektionen im Sommer

Lyme-Borreliose: Das immer wiederkehrende Risiko durch Zecken

Eine Zecke läuft über eine Hand.

Eine Zecke läuft über eine Hand.

Berlin. Malaria, Dengue, West-Nil-Fieber – dass Stechmücken vielfach gefährliche Krankheiten übertragen, ist weithin bekannt. Weltweit am zweithäufigsten übertragen Zecken krankmachende Mikroben auf den Menschen – in Europa übertrumpfen sie die Mücken sogar. Neben der Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), gegen die es eine wirksame Impfung gibt, spielt in Deutschland vor allem die Lyme-Borreliose eine Rolle.

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Zu Infektionen kommt es gerade jetzt im Sommer – und das nicht nur, weil sich besonders viele Menschen in kurzer Kleidung in der Natur aufhalten. „Das liegt vor allem an der Zeckendichte, die stark von der Temperatur abhängig ist“, erklärt Hendrik Wilking vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin.

Die Lyme-Borreliose ist die weltweit häufigste durch Zecken übertragene Infektion überhaupt, wie Forschende im Fachmagazin „BMJ Global Health“ schreiben. In der Übersichtsarbeit zu Studien der vergangenen Jahre errechneten sie, dass etwa jeder siebte Mensch weltweit Antikörper gegen die Infektion im Blut hat, also schon mindestens einmal infiziert war. Mittel- und Westeuropa zählen demnach neben Ostasien zu den am stärksten betroffenen Regionen. Besonders gefährdet seien Männer über 50 Jahre, die in ländlichen Gebieten leben.

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Die meisten Infektionen laufen unbemerkt

In Deutschland lassen sich Antikörper nach Daten des RKI in der Altersgruppe der 70- bis 79-Jährigen bei etwa jeder sechsten Frau und fast einem Viertel der Männer feststellen. Etwa 3 Prozent der 3- bis 6-Jährigen und 7 Prozent der 14- bis 17-Jährigen wurden demnach schon mindestens einmal von einer mit Borrelien infizierten Zecke gestochen. Die meisten Infektionen beim Menschen verlaufen dabei unbemerkt.

Die Lyme-Borreliose wird vom Bakterium Borrelia burgdorferi verursacht. Benannt ist sie nach dem Ort Lyme (Connecticut, USA), wo in den 70er-Jahren auffällig häufig Erkrankungsfälle mit Gelenkentzündungen nach Zeckenstichen auftraten. Die Infektion ist ausschließlich in der nördlichen Hemisphäre – Nordamerika, Europa und Asien – verbreitet. In Deutschland tritt die Lyme-Borreliose von Juni bis August gehäuft auf.

Ringförmige Rötung

Zwar gibt es im Gegensatz zu FSME keine Impfung gegen Borreliose, sie ist aber mit einer zweiwöchigen Antibiotikagabe im frühen Stadium gut behandelbar. Häufigstes Symptom ist das sogenannte Wandererythem, auch Wanderröte genannt – eine ringförmige Rötung, die meist an der Stelle des Zeckenstichs auftritt. Sie bildet sich Tage bis Wochen nach dem Stich. Der Erreger kann sich bei einer in diesem Frühstadium nicht mit Antibiotika behandelten Infektion auch auf andere Gewebe und Organe ausbreiten und irreparable Langzeitschäden verursachen, etwa an Nervensystem, Gelenken, Herz oder Haut. Spätformen können Monate oder sogar Jahre nach dem Zeckenstich auftreten.

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Borrelien tragende Zecken gibt es überall in Deutschland. Die Wahrscheinlichkeit, ein solches Exemplar zu erwischen, ist nicht klein: Regional kann rund ein Drittel der Tiere damit infiziert sein. Die Verteilung ist kleinräumig: An der einen Seite eines Waldes oder einer Brachfläche kann für den Menschen ein hohes Risiko von Zecken ausgehen, während es auf der anderen Seite verschwindend gering ist. „Das ist sehr, sehr variabel“, sagt RKI-Experte Wilking. Auch die Witterung hat demnach einen Einfluss: In warmen, feuchten Monaten kommen Borrelien in Zecken häufiger vor.

Osten und Süden sind Hochburgen

Und es gibt Borreliosehochburgen: So diagnostizierten die Vertragsärzte in Sachsen im Jahr 2020 je 100.000 Versicherte 927-mal eine Lyme-Borreliose. Auch in Thüringen (780), Brandenburg (707), Bayern (637) und Sachsen-Anhalt (615) gab es viele Erkrankungen, wie aus Zahlen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) hervorgeht. Insgesamt wurden bundesweit knapp 360.000 Lyme-Borreliosen von den Kassenärzten diagnostiziert. Hinzu kommt eine große Dunkelziffer nicht erkannter Infektionen. Und: Eine überstandene Borreliose schützt nicht vor einer erneuten Infektion.

Während die FSME verursachenden Viren im Stechapparat der Zecke sitzen, befinden sich Borrelien in ihrem Magen – übertragen werden sie darum anders als die Viren erst nach einigen Stunden Saugzeit. Wird eine Zecke innerhalb der ersten zwölf Stunden nach dem Andocken entfernt, ist die Wahrscheinlichkeit dem RKI zufolge deutlich verringert, dass sie Borrelien auf den Menschen überträgt. Bei geschätzt drei bis sechs von 100 Zeckenstichen werden demnach in Deutschland Borrelien übertragen. Im Mittel ungefähr einer von 100 Stichen führt dazu, dass die gestochene Person auch an Borreliose erkrankt.

RKI: „Warten in einer Höhe von weniger als einem Meter“

Die Lyme-Borreliose wird hauptsächlich durch die bundesweit häufigste Zeckenart, den Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus), übertragen. Er kommt praktisch überall vor, wo es Pflanzen gibt, auch in Gärten und Parks, wie es beim RKI heißt. Anders als häufig angenommen lassen sich die achtbeinigen Spinnentiere nicht von Bäumen fallen, auch springen können sie nicht. Sie sitzen vielmehr auf Grashalmen, im Gebüsch oder auf Totholz. Kommt ein Tier oder ein Mensch vorbei, werden sie bei Kontakt abgestreift und halten sich fest. „Die meisten Zecken warten in einer Höhe von weniger als einem Meter, häufig sogar nur zwischen 10 und 50 Zentimeter über dem Boden“, so das RKI.

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Gewählt werden für den Stich oft Stellen wie Achsel, Ellenbeuge, Bauchnabel, Genitalbereich oder Kniekehle. Wird die Zecke nicht entfernt, kann sie länger als eine Woche an ihrem Opfer saugen und auf das 200-Fache ihres Ausgangsgewichts anschwellen.

Zusammenhang von Tierbeständen und Zeckenzahl?

Dabei ist der Mensch bei weitem nicht das einzige Ziel des Holzbocks: Nagetiere und andere Kleinsäuger, Vögel, Eidechsen, Igel, Wild sowie Hunde und Katzen zählen ebenfalls zum Beutespektrum. Veränderungen im Bestand solcher Tiere können Einfluss auf die Zeckenzahl und die Borrelienträgerschaft haben. So wird angenommen, dass die Explosion des Hirschbestands nach der Beseitigung von Pumas in den USA die Ursache für einen beobachteten Anstieg der Borreliosezahlen beim Menschen war – weil mit der Zahl der Hirsche auch die der Zecken zunahm.

„Durch die jahreszeitlichen Änderungen wird sich auch die Zeitspanne der Zeckenaktivität – und der Outdooraktivität des Menschen – verändern.“

Hendrik Wilking vom Robert Koch-Institut (RKI) zum Einfluss des Klimawandels

Inwiefern die hohe Rehdichte oder die Entwicklung anderer Tierbestände in Deutschland einen ähnlichen Einfluss haben könnten, ist unklar. „Wir haben keine Zahlen oder Informationen, die eine direkte Assoziation zwischen Borrelioserisiko und Rehvorkommen in Deutschland beweisen“, erläutert Wilking. „Als Reservoirtiere spielen häufig auch Nagetiere eine wichtige Rolle.“

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Einfluss des Klimawandels

Noch weitgehend unklar ist auch, wie sich der Klimawandel auf die Zeckenpopulation auswirken wird. In Deutschland sind Zecken im Zuge der Erderwärmung früher im Jahr und länger aktiv – zugleich gibt es aber häufiger lange Trockenphasen, was Zecken schadet. Auszutrocknen ist eines der größten Risiken für Zecken. „Durch die jahreszeitlichen Änderungen wird sich auch die Zeitspanne der Zeckenaktivität – und der Outdooraktivität des Menschen – verändern“, sagt Wilking. Trockenheit wirke dem entgegen. „Es ist plausibel, dass sich dies regional auswirken wird. Inwiefern sich dies bundesweit auswirkt, lässt sich momentan schwer abschätzen.“

Es gebe Hinweise darauf, dass die weltweite Zahl der Lyme-Borreliose-Fälle zunimmt, erläutert das Team um Fukai Bao und Aihua Liu von der Kunming Medical University in China in „BMJ Global Health“. Zu den möglichen Erklärungen gehörten Faktoren wie längere Sommer und wärmere Winter, die Fragmentierung von Naturflächen und mehr Zeit, die mit Haustieren im Freien verbracht wird.

Riesenzecke: Gezielte Suche, schlimmere Krankheiten

Eine Folge der Klimakrise ist in Deutschland jetzt schon zu sehen: die Verbreitung der ursprünglich hauptsächlich in den Trocken- und Halbtrockengebieten Afrikas, Asiens und Südeuropas beheimateten Zeckenart Hyalomma rufipes. Die bis zu zwei Zentimeter große Riesenzecke profitiert von den milderen Wintern. Anders als der Gemeine Holzbock braucht sie kaum Wasser, hat Augen und verfolgt aktiv potenzielle Opfer – wohl bis zu etwa 100 Meter weit. Vor allem aber kann sie schlimmere Krankheiten als die Borreliose übertragen: Krim-Kongo-Fieber und Zecken-Fleckfieber.

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Analysen der Universität Hohenheim zufolge trägt fast jede zweite in Deutschland gefundene Hyalomma-Zecke den Zecken-Fleckfieber-Erreger. Bisher erfasst ist ein Verdachtsfall aus dem Jahr 2019, bei der ein Mann aus Nordrhein-Westfalen nach dem Stich einer Hyalomma-Zecke vermutlich an Zecken-Fleckfieber erkrankte. Typisch für die auf bestimmte Bakterien – Rickettsien genannt – zurückgehende Infektion ist ein Hautausschlag, der der Krankheit den Namen gab. Zecken-Fleckfieber-Erkrankungen verlaufen anders als klassische Fleckfiebererkrankungen meist vergleichsweise mild.

Eine Zecke mit dem Erreger des Krim-Kongo-Fiebers, das mit potenziell tödlichen Blutungen einhergehen kann, wurde in Deutschland bisher nicht gefunden.

Wachsendes Problem für die öffentliche Gesundheit

Das Vorkommen durch Zecken übertragener Infektionen allgemein habe sich in den vergangenen zwölf Jahren verdoppelt, wie zahlreiche Untersuchungen zeigten, schreiben die Forscher in „BMJ Global Health“. Betroffen sind vor allem Nordeuropa und Kanada, wahrscheinlich aufgrund des Klimawandels. Solche durch lebende Organismen übertragene Krankheiten, die sich durch eine spezifische geografische Verbreitung und ein häufiges Auftreten und Einschleppen von Erregern auszeichnen, stellten ein erhebliches und wachsendes Problem für die öffentliche Gesundheit dar.

Weltweit sind über 900 Zeckenarten bekannt, in Deutschland sind inzwischen 16 Arten heimisch. 15 davon gehören zu den sogenannten Schildzecken. Die einzige Lederzecke in Deutschland ist die Taubenzecke (Argus reflexus), die Berichten zufolge wohl mehr als zehn Jahre ohne Nahrung überleben kann.

RND/dpa

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