Umgang mit Krisen

Krisencoach Petra Bock: „Wir setzen uns mehr für eine bessere Welt ein, wenn es uns gut geht“

Bevor wir die Welt verändern, müssen wir bei uns anfangen.

Bevor wir die Welt verändern, müssen wir bei uns anfangen.

Fundamentale Krisen, wie wir sie gerade erleben, verändern nicht nur Gesellschaften, sondern auch Menschen, sagt Petra Bock. Als Historikerin erforschte sie die Systemumbrüche des 20. Jahrhunderts. Heute begleitet sie Menschen und Unternehmen bei Veränderungsprozessen. In Deutschland zählt sie zu den einflussreichsten Coaches und Managementberatern.

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Zuletzt erschien von ihr das Buch „Der entstörte Mensch“. Darin erklärt Bock, warum wir zuerst bei uns selbst anfangen müssen, bevor wir die Welt verändern und uns um andere kümmern können. Denn nur psychisch und emotional stabile Menschen seien in der Lage, die Herausforderungen der Zukunft anzugehen. Im RND-Interview erklärt sie, auf welche Fähigkeiten es dabei ankommt und wie wir lernen, unsere individuellen Grenzen zu achten.

Frau Bock, Sie haben als Historikerin die Systemumbrüche des 20. Jahrhunderts erforscht. Heute befinden wir uns wieder in einer Phase großer Veränderungen. Wie reagieren Menschen auf Krisensituationen, wie wir sie gerade erleben?

Viele wollen einfach schnell zurückkehren zur Tagesordnung. Andere denken nach und nutzen die Krise als Katalysator für Themen, die schon länger im Hintergrund schwelten und nun geklärt werden sollen.

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Für einige gilt also wirklich, dass eine tiefgreifende Krise wie etwa die Pandemie eine Gelegenheit ist, das Leben neu auszurichten, für andere aber nicht?

Genau. Es gibt Menschen, die in der Krise einfach versucht haben zu funktionieren, sich vielleicht sogar in dieser Stresssituation zurückentwickeln, noch mehr Sicherheit suchen und ins Alte zurückstreben. Aber es gibt immer mehr Menschen, die sich öffnen und nach Möglichkeiten suchen, sinnvoll zu leben und zu arbeiten. Sie möchten etwas dazu beitragen, dass die Welt besser wird. Auch der Ukraine-Krieg hat diese Haltung offenbart: Wir können nicht einfach hier sitzen und weitermachen wie immer.

In Ihrer Arbeit als Coach geht es um individuelle Entfaltung. Gleichzeitig sprechen Sie in Ihrem Buch „Der entstörte Mensch“ von der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen. Wie hängt beides zusammen?

Das ist eine neue Entwicklung, dass die Suche nach Lebensqualität ernstgenommen wird. Gleichzeitig entsteht das Bewusstsein, dass individuelle Lebensqualität und gesellschaftliche Entwicklungen zusammenhängen. Früher gab es eine starke Unterscheidung zwischen denen, die sich engagiert und ihr Leben für eine politische Idee geopfert haben und anderen, die sich abgeschirmt oder angepasst haben. Heute möchten viele Menschen beides haben: ein erfülltes Leben und eine politische Idee, die sie aktiv unterstützen. Das halte ich für den richtigen Weg.

Petra Bock gehört zu den bekanntesten Coaches in Deutschland. Gerade erst erschien von ihr das Buch „Der entstörte Mensch“.

Petra Bock gehört zu den bekanntesten Coaches in Deutschland. Gerade erst erschien von ihr das Buch „Der entstörte Mensch“.

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Wir setzen uns mehr für eine bessere Welt ein, wenn es uns gut geht?

Ja. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wann gebe ich eher etwas ab, wenn ich satt bin oder wenn ich hungrig bin? Und deshalb ist es wichtig, dass wir bei uns anfangen: Geht es mir gut? Lebe ich das Leben, das ich wirklich haben will? Wenn ich das tue, achte ich automatisch darauf, dass es anderen auch gut geht und respektiere ihre Bedürfnisse.

Manche würden das als egoistisch bezeichnen, wenn wir bei uns selbst anfangen, bevor wir uns um die Bedürfnisse anderer kümmern.

Das ändert sich gerade. Wir kommen alle aus einer Welt, in der wir früh darauf konditioniert wurden, nicht an uns zu denken, sondern zu funktionieren. Unsere Großeltern und Urgroßeltern haben unter ganz anderen Umständen gelebt. Sie waren geprägt von einem Not- und Mangeldenken, das an spätere Generationen weitergegeben wurde. Da ging es um Angst, Selbstverleugnung, Misstrauen und Druck. In unserem Denken gibt es so etwas wie ein mentales Dinosaurierskelett. Ich nenne es provokant „Mindfuck“. Es ist wie eine veraltete Software. Wir brauchen heute aber etwas anderes, um mit den Herausforderungen produktiv umgehen zu können.

Was denn?

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Viele Menschen malen sich Katastrophenszenarien aus. Das ist leicht in der Welt, mit der wir es gerade zu tun haben. Natürlich bin ich der Meinung, dass wir uns mit den schlimmen Themen unserer Zeit auseinandersetzen müssen. Gleichzeitig brauchen wir die Fähigkeit, in unserem eigenen Leben stabil und in Balance zu bleiben. In dem Moment, wo wir die Probleme nicht mehr von uns trennen und keine Verantwortung für uns selbst und unsere eigentlich mögliche Lebensqualität übernehmen, blockieren wir uns selbst. Wir werden schwächer und das hilft niemandem.

Auf welche Fähigkeit wird es bei der Krisenbewältigung in Zukunft besonders ankommen?

Eigentlich müssen wir nur freilegen, was immer schon da war, aber durch veraltetes Denken blockiert wird: neugierig sein, hinschauen, lernen wollen. Möglichst offen und unvoreingenommen mit Dingen und Menschen umzugehen. Fairness, Großzügigkeit und nicht immer in die gleichen bipolaren Denkmuster von Gut-Böse, Wahr-Falsch zu rutschen. Das sind Haltungen, die es uns schon einmal sehr viel leichter machen würden. Dann ist es wichtig sich zu fragen: Wo sollte ich mich einsetzen und Energie reinstecken – und wo muss ich auch auf mich achten?

Wie lernen wir, unsere eigenen Grenzen besser zu achten?

Ein gutes Leben ist ein Gefühl. Das ist nichts, was man im Kopf konstruieren kann. Menschen wissen eigentlich genau, wann es ihnen gut geht und wann nicht. Dafür wieder ein Gespür zu bekommen und sich zu verabschieden von Kategorien, was ein gutes Leben ausmacht, halte ich für ganz wichtig. Diese Intuition, was stimmig für uns ist, das muss man erst einmal wieder wahrnehmen. Und dann geht es darum, diesem Gefühl immer öfter zu folgen. Es ist ein Prozess, wieder in Einklang mit dem zu leben, was ich wirklich möchte und was mir guttut und was mich langfristig gesund und auch leistungsfähig hält. Diesem Gefühl zu folgen, verändert alles.

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Buchdaten: Petra Bock: „Der entstörte Mensch“. Droemer. 320 Seiten, 20 Euro.

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