Mehr Angriffe auf Menschen und Boote

Werden Orcas und Haie durch den Klimawandel aggressiver?

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Schwertwale (Orcas) greifen seit zwei Jahren immer wieder Boote an.

Gleich zwei Urlauberinnen an einem Tag wurden in diesem Sommer in Ägypten von einem Hai getötet. Und in den USA und in Australien wurden Badende zuletzt auch dort angegriffen, wo Haie bisher nur selten vorkamen. Noch ungewöhnlicher ist die Geschichte mit den Schwertwalen: Boote vor der Küste von Spanien, Gibraltar und Portugal werden seit einiger Zeit von Orcas gerammt und in Seenot gebracht. Die Vorkommnisse erinnern an den Roman „Der Schwarm“ von Bestsellerautor Frank Schätzing – darin werden Meerestiere plötzlich zu Feinden des Menschen.

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In Schätzings Buch sind Schwertwale, Haie und Quallen von einer mysteriösen, fremdartigen Intelligenz gesteuert, die die Ozeane vor der Zerstörung durch die Menschheit schützen will. Eine Fiktion. Richtig ist aber: Auch in der Realität scheint das Verhalten der Tiere durch menschliche Eingriffe in die Natur, die Umweltzerstörung und den Klimawandel provoziert zu werden.

Orcas greifen Boote an – spielt Corona eine Rolle?

239 „Interaktionen“ zwischen Orcas und Booten wurden in den Jahren 2020 und 2021 vor Gibraltar, Spanien und Portugal gemeldet, auch in diesem Jahr gab es schon etliche Vorfälle. Das geht aus der Statistik von „Iberian Orca“ hervor, einer neu gegründeten Initiative Forschender, die die Ereignisse dokumentiert. Die Ereignisse blieben aber auf die Region begrenzt, sagt der Meeresbiologe und Tierverhaltensforscher Karsten Brensing. Bei den Orcas, die die Boote angreifen, handele es sich um eine bestimmte, gut erforschte Gruppe. Es sei auch bekannt, dass es in der Gegend schon öfter „Konflikte“ zwischen Fischern und den Tieren gegeben habe. Manche Boote würden beim Fischen Sprengstoff einsetzen, obwohl das natürlich verboten sei und eine starke Lärmbelästigung für die Orcas bedeute. Schwertwale können auch durch Boote verletzt werden und sich an diese negativen Ereignisse erinnern.

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Brensing hat aber noch eine andere Theorie: „Wir wissen natürlich nicht mit Sicherheit, was das Verhalten der Tiere auslöst. Ich glaube aber, es ist kein Zufall, dass die ersten Angriffe gegen Ende des ersten Corona-Jahres aufgetreten sind.“ Durch Lockdowns und Reisebeschränkungen war der Schiffsverkehr damals zunächst stark eingeschränkt. „Die Orcas lernten da zum ersten Mal einen stillen Ozean kennen. Wie angenehm Ruhe ist, hatten sie vorher noch nie erlebt.“ Ohne die Störgeräusche durch den Schiffsverkehr sei das Leben für die Orcas sehr viel angenehmer gewesen, auch weil sie so untereinander viel besser kommunizieren konnten. „Als dann der Schiffsverkehr wieder zunahm, haben sie vielleicht verstanden, dass wir die Ursache für den ständigen Lärm sind. Ich glaube, das hat sie sauer gemacht“, sagt Brensing. Von ihrer Intelligenz her seien die Tiere in der Lage, solche Zusammenhänge zu erkennen. Dass sie vor allem kleinere Boote angreifen, auch wenn diese weniger Lärm machen, sei nur logisch: „Gegen einen Tanker könnten sie nichts ausrichten. Aber in die Ruder von Plastikbooten können sie ohne Probleme reinbeißen.“

Orcas haben in Freiheit noch nie Menschen getötet

Brensing ist selbst Segler und weiß, dass viele nun Angst vor den Walen haben. Einige Boote setzten zur Abschreckung nun auf „harassement devices“, die für die Tiere unangenehme Geräusche produzieren. Sie waren eigentlich entwickelt worden, um Schweinswale abzuschrecken, damit diese nicht in Fischernetze geraten. Brensing rät von den Geräten ab. Er selbst hätte zwar auch „Respekt“ wenn er in der betroffenen Gegend mit dem Boot unterwegs wäre. Er würde aber genau die entgegengesetzte Taktik anwenden und jede nicht benötigte Bordelektronik ausschalten, die die Tiere durch Geräusche belästigen könnte.

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Trotz der Vorfälle habe übrigens noch nie ein Orca in freier Natur einen Menschen im Wasser getötet, betont Brensing. „Obwohl wir theoretisch auf ihren Speiseplan passen würden“. Brensing glaubt, dass es sich dabei um eine bewusste Entscheidung der Tiere handelt, um eine Form von Respekt vor den Menschen. Beweisen könne er das aber natürlich nicht.

Anders ist es bei einigen Haiarten. Immer wieder fallen Menschen ihren Bissen zum Opfer. In Ägypten wurden Anfang Juli an einem Tag gleich zwei Touristinnen bei Haiangriffen getötet, in einer Region, in der Attacken normalerweise sehr selten sind. In Sydney gab es in diesem Jahr den ersten Toten durch einen Haiangriff seit 60 Jahren. Auch vor der Küste im Raum New York hatten Haie zuletzt mehrfach Badende gebissen.

Der Statistik des International Shark Attack File (ISAF) lässt sich entnehmen, dass Haiangriffe mit jedem der vergangenen Jahrzehnte zugenommen haben. Wurden während der gesamten Achtzigerjahre insgesamt 226 verzeichnet, so waren es in den Neunzigerjahren 500, und im Zeitraum von 2010 bis 2019 über 800. Dabei ist zwar zu berücksichtigen, dass sich im Internetzeitalter Meldungen viel stärker verbreiten und wahrscheinlich auch mehr Angriffe bekannt werden. Es ist aber gut möglich, dass es die Haie tatsächlich öfter in Küstennähe treibt. Und dass dies auch mit dem menschlichem Verhalten und mit dem Klimawandel zusammenhängt.

Lebensraum der Haie verändert sich

So wurde in Ägypten vermutet, dass Haie von Ausflugsbooten aus „gefüttert“ worden waren, was verboten ist. Oder dass der Untergang eines Schiffs mit Schafskadavern die Raubfische angelockt hatte. Eine Studie von Forschenden des Monterey Bay Aquariums in Kalifornien konnte aber zum Beispiel auch zeigen, dass sich durch die Erwärmung der Ozeane die Lebensräume der Haie verändern. Demnach kommen junge weiße Haie an der östlichen Pazifikküste immer weiter nördlich vor, wo das Wasser kühler ist. Es sei noch unklar, ob es dadurch auch verstärkt zu Begegnungen zwischen Menschen und Haien kommen werde, so die Forschenden.

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In Australien war es bereits 2020 zu einer auffälligen Häufung von tödlichen Haiangriffen gekommen. Damals hatten Meeresbiologen und Meeresbiologinnen vermutet, dass dies indirekt mit dem Wetterphänomen La Nina zusammenhängt. Die La Nina – Wetterlage hält seit 2020 an und verschärfte sich in diesem Frühjahr noch einmal. Sie sorgt unter anderem für kühlere Oberflächentemperaturen im Zentralpazifik, was Lachse als beliebte Beute von Haien und die Haie selbst vor die Küsten locken kann. La Nina geht außerdem mit starken Regenfällen einher, die den Salzgehalt im Meer verringern. Das könnte neue Gebiete für Bullenhaie erschließen, die sich auch im Süßwasser wohlfühlen. Wetterereignisse wie La Nina werden in Folge des Klimawandels künftig häufiger auftreten, vermuten einige Forschende. Das würde bedeuten: Auch die Wahrscheinlichkeit einer Haibegegnung würde dann in Australien vermutlich weiter steigen.

Auch Orcas könnten in Zukunft in Gebieten vorkommen, in denen sie bisher selten waren. Vor der dänischen Küste folgte eine ganze Gruppe der Tiere vor kurzem einem Segelboot, obwohl sie dort zuvor nur äußerst selten beobachtet werden. Bedrohlich wie die Angriffe bei Gibraltar war der Vorfall aber offenbar nicht. Es sei durchaus möglich, dass sich auch der Lebensraum der Orcas durch den Klimawandels verändern werde, sagt Meeresbiologe Brensing. Und dass diese dann auch vermehrt in der Ostsee auftauchen. Orcas seien nicht wählerisch, sie gingen dorthin, wo es Nahrung gibt. „Wir müssen uns aber nicht die Sorge machen, dass sich die Orcas zu stark ausbreiten. Es gibt ja leider immer weniger von ihnen. Wir sollten uns eher die Sorge machen, dass es sie überhaupt noch gibt.“

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