Harvard-Historiker erklärt: Warum 536 das schlimmste Jahr aller Zeiten war

Seit Wochen bereitet der Vulkan auf La Palma große Sorge. Bereits vor gut 1500 Jahren bescherte ein Vulkanausbruch den Menschen damals schlimme Zeiten – die wohl schlimmsten der Menschheit, ist US-Historiker Michael McCormick der Meinung.

Die Menschheit hat so einige schwerwiegende Ereignisse durchleben müssen: Kriege, Krankheitsausbrüche, Umweltkatastrophen. In welchem Jahr traf es uns besonders hart? Möglicherweise war es 1349, als die Pest in Europa wütete und Millionen Menschen starben. Auch denkbar wäre das Jahr 1918: Die Grippe forderte laut Schätzungen 20 bis 100 Millionen Todesopfer. Oder waren es doch die Corona-Pandemie und die spürbaren Folgen des Klimawandels, die die Jahre 2020 und 2021 zu den schlimmsten der Menschheitsgeschichte machten?

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Die Antwort: keines dieser Jahre. Nach Ansicht des Harvard-Historikers Michael McCormick war 536 das „worst year being alive“ – zu Deutsch „das schlimmste Jahr, in dem man leben konnte“.

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Zwar versetzten uns in den vergangenen Jahren die Auswirkungen des Klimawandels und die zeitgleiche Corona-Pandemie in einen weltweiten Ausnahmezustand, aber „ich würde dennoch behaupten, dass 2021 ein viel besseres Jahr als 536 gewesen sein wird“, sagt Michael McCormick, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Harvard-Universität, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Das gelte „zumindest für die Teile der Welt, in denen die schriftlichen Aufzeichnungen es uns ermöglichen, Ereignisse von 536 zu beobachten“.

Was macht das Jahr 536 zum schlimmsten aller Zeiten?

Im sechsten Jahrhundert nach Christus tauchte ein Nebel Europa, den nahen Osten und Teile Asiens in eine 18-monatige Dunkelheit – Tag und Nacht. „Denn die Sonne gab ihr Licht ohne Helligkeit, wie der Mond, das ganze Jahr hindurch“, zitiert das Fachblatt „Science“ Prokopios von Caesarea, einen Historiker der Antike. Die Temperaturen sanken im Sommer bis 1,5 Grad Celsius und lösten damit das kälteste Jahrzehnt der vergangenen 2300 Jahre aus, wie es weiter in dem Artikel des Fachblattes heißt.

Ernten fielen aus, Menschen verhungerten und in China fiel im Sommer sogar Schnee. Irlands Geschichtsaufzeichnungen berichten von fehlendem Brot von 536 bis 539.

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Lange war Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Grund für die Dunkelheit unklar. Ein Team um McCormick und den Glaziologen Paul Mayewski vom Climate Change Institute der Universität Maine fand 2018 durch eine ultrapräzise Analyse des Eises eines Schweizer Gletschers die Antwort: Anfang des Jahres 536 brach in Island ein Vulkan aus und verteilte seine Asche über die Nordhalbkugel. Bricht ein Vulkan aus, schleudert er Schwefel und andere Stoffe in die Atmosphäre, wo sie einen Aerosolschleier bilden. Dieser reflektiert das Sonnenlicht und kühlt dadurch die Erde ab. Der Beginn weiterer zahlreichen Katastrophen.

Auslöser einer Pandemie, neben der Covid-19 „wie ein Kinderspiel aussieht“

„Wie die Zeitgenossen bemerkten, war 536 der Beginn einer Kette von negativen Entwicklungen“, sagt McCormick dem RND. „Wie wir heute aus westeurasischen Temperaturrekonstruktionen wissen, war 536 der Beginn einer spätantiken Kleinen Eiszeit, die bis 660/680 andauerte.“ Diese Klimaveränderung löste nicht nur wirtschaftliche und politische Unruhen aus, sondern auch eine ganze Pandemie – die justinianische Pest. Forschende gehen davon aus, dass es sich dabei um die sogenannte Beulenpest handelte.

„So schrecklich Covid-19 auch gewesen ist, es ist noch schrecklicher zu sagen, dass es neben der Pandemie der Beulenpest, die nach dem 536-Ereignis folgte, wie ein Kinderspiel aussieht“, sagt McCormick. Bis etwa 750 – also über 200 Jahre – habe die justinianische Pest angedauert. Zeitzeugen gaben an, dass circa die Hälfte der Bevölkerung durch die Beulenpest starb. Auch die moderne Forschung bestätigt eine Todesfallrate des Pestbakteriums Yersinia pestis von etwa 40 bis 60 Prozent, „während die von Covid-19 weltweit circa zwei Prozent erreicht“, sagt der Historiker.

Auf Vulkanausbrüche folgten meist kalte Sommer

In den Jahren 540 und 547 folgten zwei weitere massive Eruptionen. Ein Team um den Klima- und Umweltforscher Michael Sigl fand 2015 heraus, dass fast jedem ungewöhnlich kalten Sommer in den vergangenen 2500 Jahren ein Vulkanausbruch vorausging. Den ursprünglichen Vulkanausbruch verorteten sie zwischen Ende 535 und Anfang 536 und vermuteten dessen Ursprung – anders, als spätere Forschungen von McCormick und seinem Team zeigten – in Nordamerika.

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Das Team um McCormick und Mayewski forschte nach denselben Eruptionen in einem 72 Meter langen Eiskern, der bereits 2013 aus dem Gletscher des Colle Gnifetti in den Schweizer Alpen gebohrt wurde. Der Kern zeigt vulkanischen Niederschlag, Staubstürme der Sahara und menschliche Aktivitäten der letzten 2000 Jahre. Mit einem Laser wurden 120 Mikrometer kleine Splitter aus dem Eis gebrochen, die den Schnellfall weniger Tage oder Wochen darstellen.

Das lässt recht genaue Zeitangaben zu Stürmen, Vulkanausbrüchen und Verschmutzungen zu, heißt es im Artikel der „Science“. In dem Eis, das aus dem Frühjahr von 536 stammt, fanden die Forschenden zwei mikroskopische Partikel vulkanischen Glases. Im Unterschied zu den Erkenntnissen von Sigl ähnelten diese Partikel dem vulkanischen Gestein Islands. Ob Nordamerika oder Island, eines scheint jedoch sicher zu sein: Die Winde trieben die Eruptionswolke über Europa bis nach Asien.

Im Eis auf den Spuren der Vergangenheit

Forschende können neben vulkanischen Aktivitäten noch etliche weitere Informationen dem Eis entnehmen – wirtschaftliche Entwicklungen zum Beispiel. So zeigte sich, dass ein Jahrhundert später – etwa im Jahr 660 – Gold knapp und Silber zum neuen Währungsstandard wurde. Auch die durch die Pest von 1349 bis 1353 kollabierte Wirtschaft ließ sich durch Eisproben nachweisen. „Mit der Fähigkeit, ultrahochauflösende Umweltdaten mit ähnlich hochauflösenden historischen Daten zu kombinieren, haben wir eine neue Ära erreicht“, sagte Archäologe Christopher Loveluck, ebenfalls Autor der Studie, dem „Science“. „Das ist ein echter Gamechanger.“

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Historiker Michael McCormick sieht ebenfalls viel Potenzial in dieser Art der Forschung. „Heute stehen wir erst am Anfang, diese neu sichtbaren Aspekte der Entwirrung der antiken Welt zu verstehen“, sagt er dem RND. Um die Vergangenheit zu entschlüsseln, arbeitet der US-amerikanische Forscher auch mit dem deutschen Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie zusammen. Durch paläoklimatische Arbeiten, also die Auswertungen von Eisbohrungen oder Jahresringen von Bäumen, „entdecken wir fast täglich neue Beweise für alte Veränderungen, die früher unsichtbar waren“.

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