„Viel seelische Energie aufgebraucht“

100 Tage Krieg in der Ukraine – sinkt die Empathie in Deutschland?

München, Bayern: Eine Gruppe von Geflüchteten aus der Ukraine steht nach ihrer Ankunft mit einem Sonderzug mit circa 400 Flüchtlingen aus der Ukraine mit Helfern vom roten Kreuz am Bahnsteig vom Münchner Hauptbahnhof.

München, Bayern: Eine Gruppe von Geflüchteten aus der Ukraine steht nach ihrer Ankunft mit einem Sonderzug mit circa 400 Flüchtlingen aus der Ukraine mit Helfern vom roten Kreuz am Bahnsteig vom Münchner Hauptbahnhof.

Es ist ein trauriger Tag: Seit genau 100 Tagen herrscht Krieg in der Ukraine. Aber berührt der Krieg, der Deutschland so nahe kommt, noch so sehr wie vor wenigen Wochen? Am 24. Februar 2022 begann die Invasion russischer Truppen in die Ukraine – der Angriffskrieg dauert bis heute an. Auch wenn genaue Opferzahlen laut der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) nicht bekannt sind, sind rund 6,6 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer auf der Flucht.

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In Deutschland wurden nach Beginn des Angriffskrieges Geld- und Sachspenden gesammelt, viele Menschen erklärten sich bereit, ukrainische Bürgerinnen und Bürger aufzunehmen. Laut dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj kontrollieren russische Truppen mittlerweile etwa 20 Prozent der Ukraine.

Krieg und Corona lösen Kontrollverlust aus

„Ich glaube, der Krieg in der Ukraine berührt uns nach wie vor“, sagt der Sozialpsychologe Ulrich Wagner. Der Krieg, der so nah ausgebrochen ist, habe bei vielen Menschen einen Kontrollverlust ausgelöst. „Jetzt gibt es aber wieder neue Probleme, die erneut einen Kontrollverlust auslösen“, erklärt Wagner und meint damit die Frage der Inflation, die Finanzierung des alltäglichen Lebens und der Energiekosten. Der Mensch könne demnach mit so viel Kontrollverlust nicht umgehen, da es sich um eine Überforderung handele. Wenn ein Bedrohungsempfinden das andere ablöst, sei es nicht unüblich, das der Mensch etwas ausblendet.

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Neben dem Krieg in Europa kämpft die Welt bereits seit Anfang 2020 gegen die Corona-Pandemie. Mehr als 530 Millionen Menschen haben sich weltweit mit dem Virus infiziert, mehr als 6,2 Millionen sind laut Johns Hopkins University daran gestorben. „Wir sind durch die Corona-Pandemie mit einem hohen Maß an psychischer Belastung in diesen Krieg gestartet“, erklärt Ulrich Wagner.

Dem Sozialpsychologen zufolge würden viele Menschen nun runterfahren, um sich nicht mit allem Elend in der Welt beschäftigen zu müssen – „was eine psychologisch absolut nachvollziehbare Reaktion ist“. Auch Benedikt Waldherr, Psychotherapeut und Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Vertragspsychotherapeuten, bestätigt, dass „die Corona-Pandemie viel seelische Energie von uns allen aufgebraucht hat“.

Weniger Gespräche über den Krieg in der Ukraine

Waldherr bemerkt eine Veränderung bei seinen Patientinnen und Patienten. „Über den Krieg in der Ukraine wird auch von meinen Patienten in der Praxis kaum mehr gesprochen – das war am Anfang des Krieges noch ganz anders“, erklärt er. Waldherr vermutet, dass der Grund dafür in der Anpassungsfähigkeit des Menschen liegt. „Unser Leben geht weiter, wir hören natürlich noch Nachrichten aber wir gewöhnen uns dran“, sagt Waldherr.

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Dem Sozialpsychologe Ulrich Wagner zufolge ist es deswegen auch normal, wenn man mal ein schlechtes Gewissen hat, „weil einem natürlich schon klar ist, dass man diese Krise irgendwo ausblendet“. Benedikt Waldherr empfiehlt dann, sich in der eigenen Umgebung umzuschauen. Gibt es Menschen aus der Ukraine, denen man helfen oder mit denen man sprechen könnte?

Laut dem Mediendienst Integration sind im Zeitraum von Ende Februar bis Ende Mai 2022 rund 802.500 Menschen aus der Ukraine im deutschen Ausländerzentralregister (AZR) erfasst worden. „Von den Schicksalen zu hören, erreicht uns viel mehr, als irgendwelche Statistiken in den Medien“, sagt Waldherr. „Wichtig ist, die Augen für den realen Menschen zu öffnen“.

Experten empfehlen, aktiv zu werden

Auch die Tatsache, dass Waffen an die Ukraine geliefert werden, gebe das Gefühl, etwas zu tun, erklärt der Psychotherapeut. „Auch wenn das vielleicht nicht reicht, fühlen wir uns als Unterstützer gegen die Bösen“, sagt Waldherr. Wagner empfiehlt, den Kontrollverlust damit zu kompensieren, indem man hilft: „Immer wenn man selber mit eingreift und sich engagiert, hilft das den Menschen in der Ukraine und auch uns – weil wir das Gefühl haben, wieder ein wenig Kontrolle zu haben“.

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