Billig-Konkurrenz aus Fernost

Wie China die deutsche Windindustrie bedroht

Dunkle Wolken stehen trotz Energiewende über der europäischen Windindustrie.

Dunkle Wolken stehen trotz Energiewende über der europäischen Windindustrie.

München. Windstrom gilt nicht nur als umweltfreundlich, er ist mit dem Lieferstopp von russischem Gas auch in den Rang einer Freiheitsenergie erhoben worden – von FDP-Chef Christian Lindner persönlich. Doch auch diese Freiheit scheint inzwischen gefährdet – dieses Mal allerdings nicht durch Russland, sondern durch China.

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„Wenn alles über Preise geht, werden die europäische und die US-Windindustrie nicht überleben können“, sagt Christian Bruch. Der Chef des Kraftwerksbauers Siemens Energy spielt auf die Niedrigstpreise an, die zuletzt für neue Windkraftanlagen vor allem in Deutschland aufgerufen wurden. Auch deshalb schreibe die ganze Windindustrie Europas rote Zahlen. Dem widerspricht niemand in der Branche. Was Bruch noch mehr sorgt, ist die vor Kraft strotzende Windkraftkonkurrenz aus China, die mit Macht nach Europa drängt und hiesige Anlagenbauer vom Markt fegen könnte.

Das weckt düstere Erinnerungen. Die Solarindustrie wurde vor einigen Jahren global von deutschen Firmen dominiert. Dann hat die Politik per Rahmengesetzgebung dafür gesorgt, dass der Heimatmarkt, massiv eingebrochen ist. Den Solarmarkt beherrschen heute Firmen aus China.

Wiederholt sich die Geschichte? Der Windindustrie droht ähnliches, glaubt man einer Analyse von Siemens Gamesa, der Windkrafttochter von Siemens Energy.

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Verfassungsrichter kippen generelles Windrad-Verbot im Wald

Bloß keine Windräder im Wald – diese Haltung ist für Bundesländer nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts passé.

„Europas Energiesouveränität ist in unmittelbarer Gefahr“, titelt sie und appelliert an die Staatenlenker. „Regierungen sollten verhindern, dass sich wiederholt, was europaweit mit der Solarindustrie passiert ist“, fordert das Papier.

Diese Gefahr sei real, urteilt Leonard Krampe, Branchenexperte der Strategieberatung Prognos. „In Italien haben chinesische Windkraftfirmen erstmals Turbinen für Anlagen auf EU-Gebiet errichtet“, berichtet er. In Belgien und Schottland hätten sie weitere Aufträge an Land gezogen. Chinesische Windkraftfirmen seien in letzten Jahren verlässlich gestützt vom boomenden Windmarkt im eigenen Land stark geworden, während europäische Konkurrenz immer stärker unter Druck kam.

Auch Gewerkschaften sind alarmiert. „Die Gefahr ist real, wir haben bereits viel Substanz verloren“, sagt Daniel Friedrich, Chef der IG Metall Küste. So gebe es seit dem jüngsten Aus der Rotorblatt-Fertigung von Nordex in Rostock niemanden mehr, der in Deutschland diese Komponente baut, bedauert Friedrich. Gleiches gelte bei Plattformen für Offshore-Windanlagen, die europaweit nur noch in Spanien gefertigt würden. „Wenn es so weiterläuft, geht das grüne Jobwunder an uns vorbei“, warnt der Gewerkschafter mit besorgtem Blick auf die grüne Windindustrie.

„Wir haben schwierige Jahre hinter uns“, stellt Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Bundesverbands Windenergie, klar. Bis 2017 seien in Deutschland im Schnitt jährlich 4500 Megawatt (MW) Windenergie zugebaut worden, 2018 waren es noch 2800 MW. Eine politisch verordnete Halbierung des Markts sei das gewesen. Die Auftragsflaute habe allein in der deutschen Windindustrie zum Abbau von fast 40.000 auf heute noch rund 130.000 Jobs geführt, rechnen Axthelm und Friedrich vor.

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Von China und den USA in die Zange genommen

Nun wollen Bund und EU aber die Energiewende vorantreiben, und setzen dabei vor allem auf Windstrom. „Dazu müssten wir jetzt in neue Kapazitäten investieren“, sagt Martin Volker Gerhardt, Deutschland-Chef von Siemens Gamesa. Von Marktverfall und Preisdrückereien ausgezehrte europäische Firmen seien dazu kaum in der Lage, warnt er.

In dieser prekären Lage locken nun die USA über ihr neues Inflationsreduktionsgesetz zur hochsubventionierte Ansiedelung grüner Energien. Rund 160 Milliarden Dollar sind allein Anlagen zu deren Erzeugung wie etwa Windparks reserviert. „Wir werden von China und den USA in die Zange genommen“, warnt Friedrich. Die EU und Deutschland liefen Gefahr, auch bei der Zukunftsenergie Wind von Drittstaaten abhängig zu werden.

Windmarkt

Westliche Hersteller erinnern sich. Vor knapp 20 Jahren hat die europäische Windindustrie noch den Weltmarkt und auch den in China beherrscht. Heute kommt dort keine Firma aus dem Ausland mehr zum Zug. Mehr als die Hälfte aller 2021 weltweit neu gebauten Windräder wurden in China als aktuellem Weltleitmarkt der Branche errichtet. Im gegenüber Windurturbinen auf See größeren Onshore-Markt für solche an Land sind unter den zehn größten Herstellern der Welt heute sechs chinesische Firmen, eine aus den USA und noch drei aus Europa. Deutschland und Europa haben in den letzten Jahren dagegen Stellenabbau und Pleiten erlebt. 2019 ging die deutsche Senvion als erstes größeres Unternehmen der Branche in Insolvenz. Dieses Jahr musste Nordex ein Werk in Rostock schließen und Konkurrent Enercon Staatshilfe beantragen. Auch in Spanien und Dänemark haben Firmen aus der Branche in den letzten zwei Jahren Fabriken dicht machen. Siemens Gamesa hat auch wegen hausgemachter Probleme soeben den Abbau von fast 3.000 Stellen angekündigt, die meisten davon in Europa.

Die Preisvorteile chinesischer Anbieter sind enorm. „Bei Windrädern an Land sind sie um etwa die Hälfte billiger als europäische Konkurrenten“, verrät ein Insider. Europäer drohten ihre technologische Führerschaft zu verlieren. „Es gibt kaum bis gar keine qualitativen Unterschiede mehr zwischen chinesischen und europäischen Herstellern“, bestätigt Prognos Experte Paul Wendring. Das leistungsstärkste Windrad der Welt mit einer 16 Megawatt-Turbine und 260 Metern Höhe etwa baut derzeit Mingyang aus China.

Gerhardt widerspricht. „Technologisch sind wir weiter führend, aber der Abstand hat sich verringert“, räumt er ein. Recycelbare Rotorblätter wie Siemens Gamesa könne kein Chinese bauen. Man fertige überhaupt klar nachhaltiger als dortige Konkurrenz und sorge anders als diese für Wertschöpfung in Europa. Dennoch würde die in China bei Forschung und Entwicklung weit stärker subventioniert als Europas Windindustrie.

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Freiheitsenergie hat ein Preisschild

Als Folge können sich Windkonzerne aus China im Export Kampfpreise leisten, auch aus dem strategischen Kalkül heraus, dass europäische Konkurrenten nicht mehr lange durchhalten. Die raren Aufträge für neue Windparks speziell in Deutschland seien zuletzt nur nach dem Preis vergeben worden, bedauern Manager, Gewerkschafter und Branchenexperten. Bleibt das so, sei klar, wer das Rennen bei künftigen Aufträgen macht.

Gerhardt stellt die Schlüsselfrage. „Wollen wir billigen Strom oder akzeptieren wir ein Preisschild dafür, Europa bei dieser erneuerbaren Energie unabhängig zu machen?“ Zu spät sei es für die heimische Windindustrie noch nicht, meint Axthelm.

Für 2023 seien in Deutschland knapp 13.000 MW Ausbau bei Windenergie geplant, in Folgejahren jeweils 10.000 MW. „Es gibt jetzt wieder eine Perspektive“, findet er. Die Frage sei, an wen neue Aufträge gehen und auf Basis welcher Kriterien. „Wir brauchen eine über Jahre verlässliche Projektpipeline und beschleunigte Genehmigungsverfahren“, fordert Gerhardt und schon für 2023. Von politischen Zielen allein könne seine Branche nicht leben. Andernfalls würden Windräder in der EU von chinesischen Herstellern gebaut.

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