Gestrichene Flüge und Personalmangel

Lufthansa im Krisenmodus: Gibt’s jetzt auch noch Streik?

Eine Passagiermaschine vom Typ Boeing 747 der Lufthansa startet vor dem Tower des Flughafens Frankfurt.

Eine Passagiermaschine vom Typ Boeing 747 der Lufthansa startet vor dem Tower des Flughafens Frankfurt.

Frankfurt am Main. Die Lufthansa steht vor einem heißen Sommer. Auch im übertragenen Sinn. Zu Tausenden gestrichener Flüge könnte noch im August ein Streik der Piloten kommen. Dabei geht es vordergründig um mehr Geld. Doch wichtiger dürfte ein Konflikt über die strategische Ausrichtung des Konzerns sein.

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Klar ist, dass die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) eine Urabstimmung unter ihren Mitgliedern auf den Weg gebracht hat. Die Kapitäne und Ersten Offiziere können bis nächsten Freitag darüber abstimmen, ob sie einen Ausstand befürworten. Stimmen 70 Prozent zu, ist die VC streikfähig. Unter Branchenkennern gilt ein solches Votum als wahrscheinlich.

Arbeitskämpfe mit großer Wirkung

Der nächste Schritt wäre dann, dass die Piloten tageweise die Arbeit niederlegen. Solche Aktionen der Flugzeugführer sind höchst effizient, da sie damit unmittelbar Annullierungen auslösen. In früheren Auseinandersetzungen reichten wenigen Streiktage, um Hunderte Flüge unmöglich zu machen und dem Unternehmen Einnahmeeinbußen in Höhe von zweistelligen Millionenbeträgen zu bescheren.

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Das könnte auf das Unternehmen in einer Situation zukommen, in der es ohnehin bereits rund 6000 Flüge im Sommerflugplan absagen musste – vor allem wegen Personalmangel. Der Krankenstand bei den Beschäftigten, die im Cockpit, in der Kabine und am Boden arbeiten, ist extrem hoch. Wegen zahlreicher Covid-Erkrankungen.

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Zunehmend gingen aber auch viele Mitarbeiter wegen Überlastung in die Knie, da sie die Arbeit von fehlenden Kollegen mit stemmen und den Frust von Kunden aushalten müssen, die irgendwo unterwegs stranden oder nicht an ihren Urlaubsort kommen, heißt es in Branchenkreisen. Das Management bemüht sich derzeit, den Personalmangel zu lindern und will unter anderem Flugzeugführer, die schon in Rente sind, wieder reaktivieren.

Aus Sicht der Piloten ein günstiger Moment, um Tarifforderungen durchzusetzen. Zum 30. Juni hatte die VC den gültigen Tarifvertrag für die rund 5000 Piloten gekündigt, die in der Kerngesellschaft des Konzerns in der Passagierbeförderung und in der Frachtsparte arbeiten. Zu den Forderungen zählen unter anderem 5 Prozent mehr Gehalt rückwirkend zum 1. Juli. Und vom nächsten Jahr an soll es zudem eine automatische Angleichung der Bezahlung an die Inflation geben. Letzteres wurde bereits von einiger Zeit bei der Tochter Eurowings festgezurrt.

Flughafen Frankfurt: Luftverkehr weiter unter Druck

Die Lufthansa hat am Mittwoch bekannt gegeben, dass wegen Personalengpässen weitere 2.000 Flüge in Frankfurt und München gestrichen werden.

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Kampf um Flottengröße

Doch all das soll nach Informationen des RedaktionsNetzwerks Deutschlands nur der kleinere Teil der Forderungen sein. Es soll auch um komplexe „strukturelle und systemische Fragestellungen“ gehen – wie das bei Tarifkonflikten mit Piloten fast immer der Fall ist.

Also etwa wie die Bezahlung während Krankheitstagen geregelt wird und wie Trainingsstunden vergütet werden, die Piloten zur Schulung des Nachwuchses leisten. Es geht aber auch um eine Vereinbarung, die die VC in früheren Tarifkonflikten mit hohem Einsatz erstritten hatte: Festgeschrieben wurde, dass genau 325 Flugzeuge nur von Piloten geflogen werden dürfen, die nach den günstigen Konditionen des Tarifvertrags der Kerngesellschaft – dem sogenannten Konzerntarifvertrag – bezahlt werden. Das Lufthansa-Management hatte diesen Deal Ende vorigen Jahres aufgekündigt, mit der Begründung, dass es eine zu geringere Nachfrage gebe, um die Flottengröße zu halten – was sich inzwischen stark relativiert haben dürfte.

Den Flugzeugführern war diese Regelung deshalb so wichtig, weil sie damit eine Aushöhlung ihres Konzerntarifvertrages verhindern wollten. Sie sahen die Gefahr, dass immer mehr Verbindungen von anderen Gesellschaften unter dem LH-Dach übernommen werden, die weniger zahlen. Genau dies hat die Lufthansa bereits auf den Weg gebracht: Für europäische Flüge will das Management einen neuen Flugbetrieb mit einer eigenen Betriebsgenehmigung (AOC) und deutlich niedrigeren Personalkosten aufbauen – die Piloten der Lufthansa-Kerngesellschaft zählen zu den bestbezahlten Piloten in Europa. Wer etwa einen A320-Mittelstreckenjet steuert, kann deutlich mehr als 250.000 Euro pro Jahr verdienen.

Die Frage nach der Zukunft der Flugbetriebe könnte im aktuellen Tarifkonflikt von zentraler Bedeutung werden. Die VC will denn auch über eine Vereinheitlichung der Vergütungsstruktur verhandeln. Der Urabstimmung gingen sechs Verhandlungsrunden voraus, die offenbar kaum Bewegung gebracht haben. Die Cockpit-Leute werfen der Lufthansa eine Verzögerungstaktik vor. Die Lufthansa erklärte, man wolle Zukunftslösungen erarbeiten, die die erhöhte Inflation und die Leistungsfähigkeit des Unternehmens berücksichtigten.

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