Neue Pannenhilfe für Fahrräder

Sinneswandel im Autoclub: Was wirklich hinter der Fahrradoffensive des ADAC steckt

Ab Juni dieses Jahres wird es die ADAC Pannenhilfe bundesweit auch für Fahrradfahrer geben.

Hannover. Es klingt zu nachhaltig, um wahr zu sein: Der ADAC, bislang reiner Autofahrerclub, will künftig auch Radfahrerinnen und Radfahrern mit seinen Werkzeugen aus der Patsche helfen. Ab dem 1. Juni sollen die „gelben Engel“ auch dann ausrücken, wenn einem Mitglied etwa der Fahrradreifen platzt, die Kette abspringt oder die Speiche bricht. Auch Akkuprobleme von E-Bikes stehen auf der möglichen Reparaturliste. In Berlin und Brandenburg läuft seit Längerem ein Pilotprojekt – offenbar erfolgreich.

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Nach offiziellen Angaben will der Verband mit dem Schritt „eine Mitgliedschaft im ADAC attraktiver machen“ – so formuliert es dessen Präsident Christian Reinicke zum Start des Angebots. „Wir wollen als ADAC weiter wachsen.“ Der Verband sage „Ja zum Mobilitätswandel“ und wolle seine Mitglieder dabei begleiten. Ein eigener Tarif ausschließlich für Radfahrer ist offenbar zunächst nicht geplant.

Die Pläne mögen zunächst überraschen. Über Jahrzehnte hinweg galt der ADAC vor allem als Interessenverband und Sprachrohr der Autofahrerinnen und Autofahrer – mehr als 21 Millionen Mitglieder hat der Verein. Zu diesem Zweck pflegte er Kontakte zur Politik und zu Organisationen, gab Studien in Auftrag, rührte, wo es nur ging, die Werbetrommel für die Branche, stemmte sich gegen das Tempolimit oder die Pkw-Maut. Als „gelbe Vollbremsung für jede Veränderung auf Deutschlands Straßen“ wurde der Lobbyverband einmal von der „taz“ bezeichnet. Nun setzt offenbar ein Umdenken ein.

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Sinneswandel im ADAC

Schon vor ein paar Jahren waren aus der Führungsetage des ADAC immer mal wieder ungewöhnliche Töne zu hören. Anfang dieses Jahres dann stellte der ADAC seinen eigens angefertigten Mobilitätsindex vor – und forderte darin mehr Dynamik „in Richtung nachhaltiger Mobilität“. In dem Bericht spricht sich der ADAC auch überraschend für den Ausbau von Radwegen und öffentlichen Verkehrsmitteln aus. Die Untersuchung zeige, dass sich das Verkehrssystem viel zu langsam verändere.

„Die Verbraucher müssen ihr Mobilitätsverhalten ändern, sie müssen dazu aber auch in der Lage sein. Ohne einen schnelleren Ausbau des öffentlichen Verkehrs, der Ladeinfrastruktur oder von Radwegen wird dies nicht gelingen“, wird Gerhard Hillebrand in dem Bericht zitiert. Er ist im Präsidium des Clubs für den Verkehr zuständig.

Der neue Präsident des ADAC, Christian Reinicke, machte zu Beginn der Spritpreiskrise dieses Jahres mit einem ungewöhnlichen Statement auf sich aufmerksam. Er forderte seine Mitglieder auf, das Auto auch mal stehen zu lassen. „Jeder gesparte Liter Treibstoff kann dazu beitragen, die Abhängigkeit von Ölimporten zu reduzieren, und damit mittelbar auf die weitere Entwicklung des Krieges Einfluss nehmen“, so Reinicke im April gegenüber der Funke-Mediengruppe. Es sei auch möglich, „zum Bäcker mit dem Fahrrad anstatt mit dem SUV“ zu fahren. Und: „Für viele Kurzstrecken ergibt die Autofahrt keinen Sinn. Bei anderen Strecken kann man auch mal den ÖPNV nutzen.“

Woher kommt der Sinneswandel? Und was genau bezweckt der ADAC nun mit seinem neuen Fahrradservice?

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Mitgliedergewinnung und Imagepflege

Der Markensoziologe Oliver Errichiello, Professor und Dozent an den Hochschulen in Mittweida, Hamburg und Luzern, hat auf diese Frage zwei Antworten. Ein Punkt ist aus Sicht des Experten die Stagnation von Neumitgliedern im Verein. „Zum ersten Mal seit 20 Jahren ist die Anzahl der Mitglieder beim ADAC nicht gewachsen“, sagt Errichiello gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „In der Regel löst dies in den Chefetagen von Unternehmen Unbehagen, manchmal auch Panik aus. Oft wird dann vermutet, dass die ‚Marke verbraucht‘ sei oder aber veraltet.“ Da sei es ein üblicher Reflex, unmittelbar nach neuen „Potenzialen“ zu suchen – in diesem Fall nach einer Fahrradpannenhilfe.

Eine weitere Theorie: „Man möchte weg von der Wahrnehmung als Interessenverband für ‚böse Autos‘. Inzwischen haben wir alle mitbekommen, dass der Autofahrer immer mehr als egoistische, umweltzerstörende Antiperson wahrgenommen wird. In diesem ‚Shaming-Umfeld‘ versucht der ADAC, die öffentliche Wahrnehmung zu verändern und auf positiv aufgeladene Träger zu setzen.“ Das Fahrradfahren sei genau das.

Das Problem bei beiden Ansätzen, so der Experte: Sie funktionierten nicht so einfach. „Das Geschäftsmodell ADAC basiert auf Autos und nicht auf Fahrrädern“, sagt Errichiello. „Von daher ist die Fahrradpannenhilfe eine smarte Marketingmaßnahme, die aber eher einen symbolischen Charakter hat.“ Ob der überzeugte Radfahrer tatsächlich Mitglied im Autofahrerclub wird, hält er für fraglich. „Marken entstehen nicht über Nacht, sondern sie beruhen auf geteiltem Wissen – manchmal über Generationen.“ Der ADAC sei im Gedächtnis fest verankert als Pannenhilfeservice für Autos.

Das Problem mit Fleisch und Autos

Dass Deutschlands größter Verein so agiert, überrascht Errichiello aber nicht. Ähnliche Muster seien bei vielen Unternehmen zu beobachten, die mit als „problematisch“ wahrgenommenen Produkten hantieren – also etwa Autos. „Heutzutage reicht es nicht aus, einfach nur gute Leistungen in der jeweiligen Qualitätsliga zu bieten. Es geht vielmehr um die Frage, wie sich Unternehmen zu politischen Fragen, zu gesellschaftlicher Teilhabe, Antirassismus und – als größten Faktor – Nachhaltigkeit positionieren.“

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McDonald‘s etwa habe in den vergangenen Jahren seine vegetarisch-veganen Produkte ins Zentrum der Werbeversprechen gerückt. Auch die Rügenwalder Mühle habe sich konsequent umpositioniert – zum Anbieter von veganen Ersatzprodukten. Wer heute auf die Website des Unternehmens geht, sieht zunächst ausschließlich Produkte aus dem Veggie-Sortiment, erst viel weiter unten folgt ein Beitrag über Fleisch. Und in dem geht es, natürlich, um Nachhaltigkeit.

Ganz ähnlich wie Fleisch ist auch das Auto zu einem schwierigen Werbeobjekt geworden. „Automobilhersteller verkaufen schon lange keine Autos mehr, sondern in der Regel ‚Mobilitätslösungen‘ und zeigen eigentlich nur noch ihre Elektromodelle, obwohl diese gerade einmal 3 bis 5 Prozent ihrer Neuverkäufe ausmachen“, beobachtet Errichiello. Auf der großen Automobilmesse IAA stehe dann plötzlich ein Pavillon mit „Fahrradlösungen“. „Keiner traut sich mehr, über die Produkte zu sprechen, die das Unternehmen überhaupt lebensfähig machen.“

Der große Irrtum

Mit der Realität klaffe diese Imagepflege meilenweit auseinander. „Jeder vierte Deutsche ist Mitglied im ADAC. Auf Deutschlands Straßen fuhren 2021 circa 59 Millionen Pkw – eine unglaubliche Menge, mit steigender Tendenz, trotz aller Appelle an Umwelt- und Klimaschutz“, sagt Errichiello.

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In den Marketingabteilungen und Werbeagenturen hingegen finde man kaum Menschen, die die 40 überschritten haben. „Gerade aber die deutschen Premiummarken werden von Menschen im Alter von 50 aufwärts gekauft. Hier kommt es zu einer massiven Wahrnehmungslücke, denn den Kunden wird klargemacht, dass sie und ihr Interesse gar nicht mehr zählen.“

Ob der ADAC sich vom Automobilclub zum nachhaltigen Fahrradpannenhelfer wandeln kann, ist für Errichiello mindestens zweifelhaft. Der wichtigste Schritt für einen Markenwandel sei Authentizität. „Marktkraft ist das Ergebnis eines Prozesses, der Jahre in Anspruch nimmt. Aufmerksamkeit erzielen ist einfach, aber Vertrauen zu gewinnen und zu halten gelingt nicht über Nacht.“

Schlüsseldienst und Gesundheits-App

Klar ist: Alternativen zum aktuellen Geschäftsmodell muss sich der ADAC langfristig ohnehin suchen. Ein weiterer möglicher Grund für den Wandel: Auf den deutschen Straßen nimmt der Anteil an Elektroautos allmählich zu – diese gelten als weniger störanfällig als Diesel- und Benzinmodelle. Neben dem Fahrradpannenservice arbeitet der Verband auch an anderen Geschäftszweigen, die auf den ersten Blick wenig mit Nachhaltigkeit zu tun haben. In mehreren Städten wird inzwischen ein Schlüsseldienst getestet, Premiummitglieder erhalten eine Gesundheits-App mit telemedizinischer Beratung durch deutschsprachige Ärztinnen und Ärzte auf Auslandsreisen.

Das Pilotprojekt der Fahrradpannenhilfe sei in Berlin und Brandenburg bislang gut angelaufen, lässt der Verband durchblicken. Rund 400 Radelnden sei seit Juli vergangenen Jahres geholfen worden, meist sei es um platte Reifen gegangen.

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Dass der ADAC im Kern aber doch noch immer ein Autoclub ist, zeigt sich in einer kleinen Einschränkung des neuen Angebots. Denn wer mitten im Nirgendwo mit seinem Drahtesel liegen bliebt, muss diesen erst einmal zur nächsten Straße schieben. Voraussetzung für die Hilfe ist nämlich, dass der Pannenort für den „gelben Engel“ auch erreichbar ist. Und zwar mit dem Auto.

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