Wegen „Null Covid“-Politik

Chinas Wirtschaftsmotor stottert

Chinas Exportwachstum brach im April ein, nachdem Shanghai und andere Industriestädte wegen der Bekämpfung von Virusausbrüchen geschlossen wurden.

Chinas Exportwachstum brach im April ein, nachdem Shanghai und andere Industriestädte wegen der Bekämpfung von Virusausbrüchen geschlossen wurden.

Peking. An einem sonnigen Mai-Nachmittag wie diesem wäre das Einkaufszentrum im Pekinger Sanlitun-Viertel gerappelt voll. Doch stattdessen gleicht die gläserne Einkaufsmeile längst einer Geisterstadt: Massive Stahlschlösser hängen vor den Dachterrassen-Bars, auch die Flagship-Stores von Apple und Adidas sind geschlossen. Es ist, als sei der Konsum in der Hauptstadt zum Erliegen gekommen.

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Auch die neuesten Handelsdaten für den Monat April untermauern den ökonomischen Abwärtstrend. Das landesweite Importvolumen ist im Vergleich zum Vorjahr unverändert geblieben, die Exporte sind mit 3,9 Prozent so langsam gewachsen wie seit dem Corona-Schock Anfang 2020 nicht mehr. Doch tatsächlich täuschen die Zahlen, da sie in US-Dollar angegeben und durch die Abwertung des chinesischen Renminbis künstlich aufgeblasen sind. Vom Wechselkurs bereinigt, ergibt sich ein akkurateres Bild: Demnach sind die Exporte um etwa 2 Prozent geschrumpft.

Anleger ziehen sich zurück: „Nach wie vor in schwierigem Fahrwasser“

Kurskapriolen an Europas Börsen: Dax und EuroStoxx50 haben ihre Verluste am Vormittag kurzzeitig auf bis zu 2,9 Prozent ausgeweitet.

„Zusammen mit dem sehr niedrigen Einkaufsmanagerindex von letzter Woche deutet alles auf eine Rezession im zweiten Jahresquartal hin“, sagt Alicia García-Herrero, Chefökonomin für den Asien-Pazifik-Raum bei der Investmentbank „Natixis“. Für die Weltgemeinschaft seien die chinesischen Handelsdaten „schreckliche Nachrichten“.

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Und zwar aus gleich mehreren Gründen: Export-Länder wie Deutschland leiden massiv unter dem eingebrochenen Konsum in China. Die chinesischen Importe deutscher Waren sind im April um fast 10 Prozent eingebrochen. Dieser Trend wird wohl angesichts der anhaltenden Lockdown-Politik so schnell nicht nachlassen. Laut einer Schätzung des Newsletters „Soapbox“ dürften die chinesischen Wareneinfuhren aus dem EU-Raum für 2022 nur 250 Milliarden US-Dollar betragen. Das wäre eine Rückkehr zum Niveau von vor vier Jahren.

Doch auch Staaten, die vor allem von Zulieferungen aus China abhängen, ächzen aufgrund der schwachen Produktion aus der Volksrepublik. Im Grunde betrifft dies in Europa sämtliche Volkswirtschaften, da fast ein Fünftel des globalen Fertigungssektors in China angesiedelt ist. Kurzum: Wenn Chinas Wirtschaftsmotor stottert, bremst dies die gesamte Weltwirtschaft aus.

Die falsche Strategie gewählt

Dabei ist der derzeitige Sand im Getriebe vor allem ein hausgemachtes Problem. Chinas zuvor erfolgreiche „Null Covid“-Strategie verhindert spätestens seit der hochinfektiösen Omikron-Variante eine Rückkehr zur Normalität. Mit immer strikteren Lockdowns wird versucht, das Infektionsgeschehen in den Griff zu bekommen. Dabei hat man wertvolle Zeit verstreichen lassen, sich um eine nachhaltige Exit-Strategie zu kümmern: indem man die älteren Bevölkerungsschichten mit wirksamen Vakzinen boostert und auch die Anzahl an Notfallbetten erhöht. Stattdessen ist das Reich der Mitte auf absehbare Zeit in internationaler Isolation gefangen.

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Und die Folgen treten immer offener zu Tage. Nach der europäischen Handelskammer in der letzten Woche legt nun auch die amerikanische Kammer in Peking mit einer ernüchternden Geschäftsumfrage nach: Knapp 60 Prozent aller Firmen haben demnach ihre Gewinnprognosen für das laufende Jahr nach unten korrigiert, über die Hälfte geplanter Investitionen verschoben.

HONG KONG, CHINA - APRIL 13: Former chief secretary John Lee waves at media after meeting with members of Democratic Alliance for the Betterment and Progress of Hong Kong on April 11, 2022 in Hong Kong, China. Lee submitted his application with 786 nominations for the upcoming chief executive election, representing more than half of Election Committee members. (Photo by Anthony Kwan/Getty Images)

John Lee: Xi Jinpings Hardliner für Hongkong

John Lee ist Pekings neuer Mann in der ehemals britischen Kronkolonie: Er soll in Hongkong vor allem für „Stabilität“ sorgen – ganz im Sinne der Parteiführung.

Zuvor hatte der deutsche Sportartikelhersteller Adidas, der traditionell auf dem chinesischen Markt die höchsten Renditen erzielt, eine Hiobsbotschaft zu vermelden: Im ersten Quartal sind die Umsätze in der Volksrepublik um 35 Prozent eingebrochen.

Auch innerhalb des Pekinger Führungszirkels wächst längst der Unmut über die drohende Rezession im Land. Doch offene Kritik an der epidemiologischen Strategie ist de facto unmöglich, da diese eng mit der Person Xi Jinpings verknüpft ist. Der 68-jährige Staatschef gilt jedoch in der offiziellen Propaganda als unfehlbar. Dabei ist sein zunehmend radikaler Viruskampf ein immer offensichtlicherer Irrtum.

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