Explodierende Energiekosten

Nudging: Was ein Anstupser beim Energiesparen bewirken kann

Mit positiven Anreizen lässt es sich leichter Energiesparen.

Mit positiven Anreizen lässt es sich leichter Energiesparen.

Frankfurt am Main. Ein Anglizismus macht Karriere: Nudging ist in. Das bedeutet auf Deutsch so viel wie „anstoßen“ oder „anstupsen“. Gemeint sind damit, dass Verbraucher durch gezielte Anreize und Feedback ihr Verhalten auf die sanfte Art zum Besseren verändern können. Das kann auch in der aktuellen Energiekrise helfen. Angesichts von 21 Millionen Gasheizungen in privaten Haushalten könnten rund 30 Terawattstunden, knapp drei Prozent des Verbrauchs im Jahr 2021, auf diese Weise eingespart werden. Dies geht aus einer aktuellen Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) vorliegt.

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Die IW-Experten Malte Küper und Jennifer Potthoff verweisen auf ein Feldexperiment in Großbritannien, bei der Nudges gezielt eingesetzt wurden. 569 Haushalte in der Stadt Camden wurden nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen unterteilt. Eine Gruppe erhielt Informationen über den eigenen Gasverbrauch und den von Haushalten mit vergleichbarer Größe in der Nachbarschaft. Bei der zweiten Gruppe kamen noch Spar-Tipps hinzu. Die dritte war die Kontrollgruppe. Haushalte in Gruppe zwei, die sowohl über die „soziale Norm“ als auch über Wege zur Verbrauchsreduktion informiert wurden, senkten den Gasverbrauch um durchschnittlich 9,6 Prozent im Vergleich zur Kontrollgruppe. Und dieser Effekt war überdies länger anhaltend.

Einsparungen von 420 Euro für eine Familie

Küper und Potthoff haben errechnet: Auf die aktuelle Situation in Deutschland übertragen, würde ein durchschnittlicher Zwei-Personen-Haushalt (Jahresverbrauch 16.400 Kilowattstunden) knapp 1600 Kilowattstunden weniger verbrauchen, was einer Einsparung von 280 Euro entspreche. Bei einem Vier-Personen-Haushalt kämen sogar 420 Euro zusammen. Private Haushalte könnten durch Selbstverpflichtung und konkrete Zielsetzungen, Feedback und soziale Vergleich motiviert werden: „Mit Nudging wird das Gassparen erleichtert und kann sogar Spaß machen, beispielsweise mit Gamification-Elementen wie einem Wettstreit beim Duschen von Kindern, Nachbarschaftsvergleichen oder konkreten Zielsetzungen und Plänen zum Gassparen“, heißt es in der Studie.

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Nudges könnten so „zusätzliche und vor allem positive Motivation“ zur Verringerung des Erdgas-Verbrauchs schaffen. Als weitere Vorteile benennen Küper und Potthoff: „Sie können relativ unkompliziert und ohne hohe Kostenbelastung für Haushalte implementiert werden, wodurch die Sozialverträglichkeit gewährleistet und die Akzeptanz dieser Maßnahmen tendenziell relativ hoch ist.“ Die Einführung sei sowohl zentral vom Bund als auch dezentral durch Länder, Kommunen, einzelne Städte oder Stadtteile möglich. So könnten bestimmte Gruppen gezielt adressiert werden.

Verdi-Chef Werneke droht mit Gewerkschaftsprotesten gegen Energiepreispolitik

Wegen der hohen Energiepreise fordert Verdi-Chef Frank Werneke weitere Entlastungen. Es brauche unter anderem einen Energiepreis-Deckel für Gas und Strom.

Empirische Studien hätten nämlich gezeigt, dass die Erstellung von Plänen mit konkreten Zielsetzungen bei Haushalten mit einem bereits geringen Ausgangsverbrauch am wirksamsten sei – dabei werden häufig Verbraucher angesprochen, die ohnehin schon sparsam sind und ihre Bemühungen noch einmal intensivieren. Für Haushalte mit einem hohen Ausgangsverbrauch sei hingegen ein sozialer Vergleich mit der Nachbarschaft am effektivsten.

Eine Ergänzung zu Sparanreizen über den Preis

Die IW-Experten machen aber auch darauf aufmerksam, dass „verhaltensökonomische Instrumente nicht die einzige und allumfassende Lösung“ für die aktuelle Notlage darstellten. Sie sollten vielmehr ergänzend zu klassischen marktlichen Instrumenten wie dem Preis eingeführt werden. Küper und Potthoff empfehlen deshalb der Politik eine Kombination aus Preis- und Verhaltensanreizen.

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Über die sogenannten Preissignale ist in jüngster Zeit viel diskutiert worden. Inzwischen gehen renommierte Ökonomen davon aus, dass die Signalwirkung hoher Preise längst überreizt ist. Gaskunden müssen in den nächsten Monaten mit mindestens einer Verdopplung ihrer Ausgaben für den Brennstoff rechnen. Energiearmut droht insbesondere für Haushalte mit geringen Einkommen. Die Bundesregierung will zügig ein weiteres Entlastungspaket für Verbraucher vorlegen.

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