Palmöl-Preis um 200 Prozent höher

Krieg in der Ukraine lässt weltweit Preise für Speiseöl ansteigen

Speiseöl in halbleerem Supermarktregal (Symbolfoto)

Speiseöl in halbleerem Supermarktregal (Symbolfoto)

Istanbul. Monatelang hat das Istanbuler Restaurant Tarihi Balikca versucht, die rapide gestiegenen Kosten für Sonnenblumenöl nicht an seine Gäste weiterzugeben. Aber als es Anfang April im Vergleich zu 2019 vier Mal so viel für das Öl bezahlen musste, mit dem dort Fisch, Muscheln und Tintenfisch gebraten werden, ging es nicht mehr anders: Die Preise auf der Speisekarte wurden erhöht. Jetzt kommt es vor, dass sogar langjährige Kunden nicht mehr kommen.

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„Wir haben versucht, es zu vermeiden. Wir sagten, "lasst uns etwas warten, vielleicht wird sich der Markt verbessern, vielleicht werden sich die Preise stabilisieren"“, sagt Mahsun Aktas, der im Restaurant kocht und bedient. „Aber wir haben keine Verbesserung erlebt.“

Bereits seit der Corona-Pandemie Preise gestiegen

Schon seit Beginn der Corona-Pandemie sind die Preise für Speiseöl weltweit gestiegen, aus verschiedenen Gründen - von schlechten Ernten in Südamerika über einen virusbedingten Mangel an Arbeitskräften bis hin zu wachsendem Bedarf der Biokraftstoff-Industrie. Und nun hat auch noch Russlands Krieg in der Ukraine Lieferungen unterbrochen und damit die Preise geradezu in die Höhe katapultiert. Fast die Hälfte des Sonnenblumenöls auf der Welt kommt nämlich aus dem osteuropäischen Land und ein weiteres Viertel aus Russland.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Es ist die jüngste Folge des russischen Angriffskrieges für die globale Nahrungsmittelversorgung und eine weitere Belastung für Haushalte und Unternehmen, die ohnehin schon unter hoher Inflation leiden - insbesondere im Lebensmittel- und Energiebereich. Und die Ärmsten trifft es am härtesten. So hat der Krieg die Lieferungen von wichtigem Getreide wie etwa Weizen und Gerste aus der Ukraine sowie Russland unterbrochen und einen ohnehin schon vorhandenen Mangel an Düngemitteln verschärft - was wiederum eine Verteuerung von Essen und Verkleinerung des Angebots bedeuten wird.

Das könnte zu Nahrungsmittelknappheit und politischer Instabilität in nahöstlichen, afrikanischen und einigen asiatischen Ländern führen, wo Millionen von subventioniertem Brot und billigen Nudeln abhängig sind.

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Bei der Frühlingsarbeit auf den Äckern in der Südukraine bewegen sich Jurij und Oleksii, sowie viele Kollegen, fast nur noch mit Schutzkleidung.

Pflanzenöl auf Rekordhöhe

Preise für Pflanzenöl hatten bereits im Februar eine Rekordhöhe erreicht, dann legten sie im März noch einmal um 23 Prozent zu, wie die Ernährungs-und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen berichtet. Sojabohnenöl, das 2019 für umgerechnet etwa 720 Euro pro Tonne erhältlich war, kostete der Weltbank zufolge im März durchschnittlich 1835 Euro. Die Preise für Palmöl waren um 200 Prozent höher.

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Einige Supermärkte in der Türkei begrenzen die Mengen Öl, die ein Haushalt jeweils kaufen kann, nachdem Befürchtungen einer drohenden Knappheit Panikkäufe ausgelöst hatten. Einige Läden in Spanien, Italien und Großbritannien rationieren ebenfalls. Käufer in deutschen Geschäften posteten in den sozialen Medien Bilder von leeren Regalen, die sonst mit Sonnenblumen- und Rapsölflaschen gefüllt waren. Und in einem jüngsten Tweet berichtete Kenias Hauptstromversorger von Dieben, die giftige Flüssigkeit aus elektrischen Transformatoren abließen und sie dann als Speiseöl verkauften.

Frau in Simbabwe: „Die Tage der Bratpfanne sind vorbei“

„Wir werden jetzt einfach alles kochen müssen, die Tage der Bratpfanne sind vorbei“, sagt Glaudina Nyoni in einem Supermarkt in Simbabwes Hauptstadt Harare. Die Preise für Speiseöl im Land haben sich seit Beginn des Ukraine-Krieges am 24. Februar verdoppelt.

Emiwati betreibt einen Essensstand im indonesischen Jarkarta. Sie verbrauche täglich 24 Liter Pflanzenöl, so etwa zur Zubereitung eines traditionellen Gerichts mit frittiertem Trockenrindfleisch. Seit Januar hat sie Mühe, die nötigen Mengen an Öl aufzutreiben, und was sie kaufen kann, ist viel teurer. Ihre Einkünfte sind geringer, aber sie fürchtet, dass sie Kunden verliert, wenn sie die Preise für ihre Speisen erhöhen würde.

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Große Firmen bekommen das Problem auch zu spüren, so wie Unilever, der in London ansässige Mischonzern, der Dinge herstellt wie Seifen und Mayonnaise. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben die Versorgung mit wichtigen Zutaten wie Palmöl für die erste Hälfte dieses Jahres sichergestellt, aber es warnt Investoren, dass seine Kosten in der zweiten Hälfte deutlich ansteigen könnten.

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Entlastung im Herbst - wenn das Wetter mitspielt

Preise könnten bis zum Herbst niedriger werden, wenn Landwirte in der nördlichen Hemisphäre Mais, Sojabohnen und anderes ernten, wie Forscher Joseph Glauber vom International Food Policy Research Institute in Washington sagt. Aber dazu muss das Wetter mitspielen. Im vergangenen Jahr hat Dürre beispielsweise die Ernte von Raps in Kanada und von Sojabohnen in Brasilien dezimiert, während schwerer Regen in Malaysia die Produktion von Palmöl beeinträchtigte.

Landwirte könnten auch zögern, mehr anzubauen, um die Ausfälle aus der Ukraine und Russland auszugleichen, denn sie wüssten nicht, wann der Krieg zu Ende gehe, sagt Steve Mathews von Gro Intelligence, einer Agrardaten-und Forschungsfirma. „Wenn es einen Waffenstillstand oder Ähnliches gäbe, würden die Preise sicher kurzfristig nachgeben.“

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Biokraftstoff könnte hinterfragt werden

Längerfristig könnte die Krise einige Länder dazu veranlassen, ihre Biokraftstoff-Vorschriften zu überdenken. In den USA beispielsweise werden 42 Prozent des Sojabohnenöls für die Biokraftstoff-Produktion verwendet, wie Glauber sagt.

Derweil strampeln sich Unternehmen und Verbraucher ab. Harry Niazi, Besitzer des Londoner Fischrestaurants The Famous Olley's Fish Experience, hat früher etwa umgerechnet 26 Euro für einen 20-Liter-Behälter mit Sonnenblumenöl bezahlt. Seit Kurzem sind es 50 Euro. Niazi benötigt pro Woche bis zu acht Kanister.

Aber was ihn noch mehr Sorgen macht als die steigenden Kosten ist der Gedanke, dass ihm eines Tages das Öl ganz ausgehen könnte. Er denkt darüber nach, seinen Kleinlaster zu verkaufen, um sich mit dem Geld Ölvorräte anzulegen. „Es ist sehr, sehr erschreckend“, sagt er. Bislang hat Niazi seine Preise aber nicht erhöht, weil er keine Kunden verlieren will.

RND/AP

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