Zimmermädchen verzweifelt gesucht

In Frankreich fehlt es an Servicekräften – trotz Millionen Arbeitsloser

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An der Côte d'Azur mangelt es an Servicepersonal in Hotels, Restaurants und Cafés (Symbolbild).

Paris/Fréjus. Es sind komfortable Hotelzimmer am südfranzösischen Küstenort Fréjus mit Blick aufs Meer und eigenem Zugang zum Strand. Doch ausgerechnet jetzt in der Hauptsaison bleiben drei von ihnen geschlossen. Nicht weil es an Gästen fehlen würde, um im Schnitt 300 Euro pro Zimmer und Nacht zu bezahlen. Doch Laure Steverlynk, im Vier-Sterne-Hotel Saint Aygulf für das Personal zuständig, findet trotz intensiver Suche nicht genügend Zimmermädchen. „Ich rufe sogar Leute an, die im letzten Jahr bei uns gearbeitet oder die sich vor zwei Jahren beworben haben, um sie zu bitten, wenigstens ein paar Schichten zu übernehmen“, sagt Steverlynk.

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Die Pandemie sorgt für Personalmangel

Nach zwei Sommern, die von der Coronavirus-Pandemie geprägt waren und deutlich weniger Besucherinnen und Besucher als sonst in die französischen Urlaubsgebiete wie die Côte d‘Azur lockten, könnte die Tourismusbranche endlich wieder aufatmen. Nun aber fehlt es auch in Frankreich an Personal in Hotels, Restaurants und Cafés. Steverlynk beziffert die Verluste für die drei seit Juni geschlossenen Zimmer auf mehr als 20.000 Euro.

„Ich zahle 30 bis 40 Prozent mehr als vorher, damit meine Leute nicht woandershin gehen.“

Bernard Bernert,

Besitzer des Restaurants Vach’ et moi in Fréjus

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Eine Alternative sieht die Personalmanagerin nicht. „Wir haben 50 unbefristet Angestellte und doppelt so viele mit befristeten Verträgen – ich kann es mir nicht erlauben, ein Zimmermädchen 2000 Euro netto im Monat zu bezahlen.“ Kleinere Betriebe gehen hingegen den Weg der Gehaltserhöhungen. „Ich zahle 30 bis 40 Prozent mehr als vorher, damit meine Leute nicht woandershin gehen“, sagt Bernard Bernert, Besitzer des Restaurants Vach’ et moi in Fréjus.

Servicekräfte orientieren sich beruflich um

Noch vor Beginn der Hauptsaison hieß es seitens der französischen Vereinigung der Hotelberufe und -industrien UMIH, zwischen 200.000 und 300.000 Stellen könnten in diesem Sommer unbesetzt bleiben. Als Gründe wurden unattraktive Arbeitszeiten oder auch die hohen Mietpreise in Touristenorten genannt. Infolge der Coronavirus-Zeit orientierten sich viele bisherige Servicekräfte beruflich um.

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Lange Schlangen am Flughafen, vermisste Koffer und gestrichene Flüge: Die Urlaubssaison beginnt in diesem Jahr im Chaos. Wie lässt sich das Problem lösen?

Dennoch erscheint der Notstand paradox angesichts der Arbeitslosigkeit in Frankreich, die in den vergangenen Jahren zwar gesunken ist, aber immer noch bei 7,3 Prozent liegt. Präsident Emmanuel Macron rief das Ziel der Vollbeschäftigung bis zum Ende seiner Amtszeit 2027 aus. Hat er bereits eine Arbeitsmarktreform mit Verschärfungen für den Bezug von Arbeitslosengeld umgesetzt, so möchte er weiter gehen und dieses an Bedingungen wie gemeinnützige Arbeit knüpfen.

„Wenn ich durch Frankreich reise, sagen mir die Gastronomen, dass sie am Wochenende zumachen müssen“, sagte Macron bei einem Interview Mitte Juli. Überall fehle es an Personal. Er könne es nicht akzeptieren, wenn manche die „nationale Solidarität“, nämlich das Arbeitslosengeld, ausnutzten, „um über ihr Leben nachzudenken“.

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Saisonarbeiter aus Tunesien

Die Opposition kritisierte den Staatschef: Er rede über die angespannte personelle Lage in manchen Bereichen, „ohne ein Wort über die Notwendigkeit der Gehältererhöhung oder die Verbesserung schlechter Arbeitsbedingungen zu verlieren“, so der Vorsitzende der französischen Grünen, Julien Bayou. Die Hotel- und Gastronomiebranche vor allem in Urlaubsgebieten versucht derweil, ausländische Arbeitskräfte anzuziehen. So hat die UMIH eine Vereinbarung mit Tunesien geschlossen, um über eine neue Plattform 4000 Saisonarbeiter und ‑arbeiterinnen aus dem nordafrikanischen Land anzuwerben. „Es gibt dort eine Menge Leute, die große Lust haben, bei uns zu arbeiten“, sagte Franck Chaumes, UMIH-Vorstand im südwestfranzösischen Departement Gironde.

Insgesamt seien die Gehälter erhöht worden, sodass sie über dem normalen französischen Mindestlohn von 1300 Euro für 35 Stunden pro Woche liegen: Ein Tellerwäscher erhalte 1700 Euro netto, eine Bedienung 2000 Euro. Flüchtende mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus anzustellen stellt sich oft allerdings als administrativer Hürdenlauf heraus, wie Restaurant- oder Hotelbetreiber in französischen Medien erzählen. Die Anfragen häufen sich trotzdem, berichtet Gabrielle Gramont vom Flüchtlingshilfe-Verein Etorkinekin im südwestfranzösischen Bayonne: „Für uns ist es ganz neu, in diesem Rahmen kontaktiert zu werden.“

Kreative Lockmittel für Personal

Manche Gastronomen lassen sich sogar Lockmittel einfallen, um an Personal zu kommen. Das Pariser Restaurant Chocho versprach eine Essenseinladung im Wert von 300 Euro für Empfehlungen, die zu einer Anstellung führten. Boris Leclercq, Besitzer der Pizzeria Le Bambino Rocco in Montpellier stellte der Person, die ihm einen Pizzabäcker findet, 1000 Euro in bar in Aussicht – auszahlbar nach einer einmonatigen Probezeit.

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