Nord Stream 1

Gazprom liefert weniger Gas: Ist wirklich die Wartung einer Siemens-Turbine in Kanada schuld?

Das Logo des russischen Energieunternehmens Gazprom. Das russische Unternehmen reduziert erneut die Gasliefermengen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland.

Das Logo des russischen Energieunternehmens Gazprom. Das russische Unternehmen reduziert erneut die Gasliefermengen durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 nach Deutschland.

Berlin. Der russische Energiekonzern Gazprom hat in der Nacht zu Donnerstag seine Gaslieferungen nach Deutschland durch die Ostseepipeline Nord Stream 1 weiter reduziert. Die gelieferte Gasmenge entspricht inzwischen ungefähr 40 Prozent der technischen Kapazität. Laut Gazprom sollen täglich nur noch maximal 67 Millionen Kubikmeter durch die Leitung gepumpt werden.

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Bereits am Dienstag hatte Gazprom die Reduktion des bisher geplanten Tagesvolumens von 167 Millionen um rund 40 Prozent auf 100 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag verkündet. Die erneute Minderung auf 67 Millionen Kubikmeter bedeutet eine Drosselung um rund 60 Prozent innerhalb von zwei Tagen.

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Auch Tschechien und Österreich sind inzwischen von den Lieferausfällen betroffen. Der russische Staatskonzern begründet sie mit einer im kanadischen Montreal gewarteten Siemens-Gasturbine, die aufgrund der westlichen Sanktionen gegen Moskau nicht ausgeliefert werden dürfe.

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Experten zweifeln an der Stichhaltigkeit dieser Begründung. Also: Worum geht es eigentlich? Was wissen wir – und was nicht?

Was hat es mit der Turbine auf sich?

Siemens Energy hat 2009 Gasturbinen für eine Verdichterstation der Nord Stream 1 Gaspipeline in Russland geliefert, bestätigte das Unternehmen. Die Anlagen treiben Verdichter an, die für die Druckerhöhung des Erdgases in der Pipeline erforderlich sind. Die sogenannten aeroderivativen Gasturbinen wurden in Kanada gefertigt und sind seit mehr als zehn Jahren im Einsatz. Um den Betrieb der Pipeline aufrechtzuerhalten, so eine Sprecherin von Siemens Energy in München, sei es notwendig, diese Turbinen regelmäßig zu überholen. Dies sei aus technischen Gründen ausschließlich in Kanada möglich.

Wie ist der Stand?

Dazu gibt es unterschiedliche Aussagen. In einem Statement von Siemens Energy, Stand Dienstag, heißt es: „Die Turbine wird derzeit in Montreal überholt.“ Es ist im Unternehmen aber auch zu hören, dass die Wartung der Turbine eigentlich abgeschlossen ist. Siemens Energy sei es jedoch aufgrund der von Kanada verhängten Sanktionen gegen Russland derzeit nicht möglich, überholte Gasturbinen an den Kunden zu liefern.

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Verhindern die Sanktionen die Lieferung?

Sie behindern die Lieferung sicherlich. Ob jedoch wirklich ein Verhinderungsgrund vorliegt, darüber sprechen laut Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grüne) deutsche und kanadische Behörden seit mindestens zwei Tagen. Ausgang ungewiss.

Ist der Einbruch der vereinbarten Liefermenge auf 40 Prozent mit der geplanten Wartung erklärbar?

Branchenkenner und Branchenkennerinnen sagen: in der Höhe niemals. Jedenfalls technisch nicht. Auch die Bundesnetzagentur nannte das Vorgehen Moskaus „technisch nicht zu begründen“. Habeck sagt: „Die Begründung der russischen Seite ist schlicht vorgeschoben. Es ist offenkundig die Strategie, zu verunsichern und die Preise hochzutreiben.“ Für ihn ist der Fall klar, es handle sich um eine politische Entscheidung. „Wir müssen wachsam sein. Wir müssen konzentriert weiterarbeiten. Vor allem dürfen wir uns nicht spalten lassen. Denn das ist das, was Putin vorhat.“

Habeck: Energieeinsparung für Haushalte „zur Not“ per Gesetz

Robert Habeck schließt als Konsequenz auf gesenkte Gaslieferungen durch Russland auch gesetzliche Maßnahmen zu Energieeinsparungen nicht aus.

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Wie lange halten wir die Drosselung der Gaslieferung aus?

Das ist schwer vorherzusagen und von vielen Faktoren abhängig. Im Moment sei die Versorgungssicherheit gewährleistet, beteuert Habeck. Er rief jedoch erneut zum Energiesparen auf. Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, warnt in der „Rheinischen Post“: Wenn Gazprom über Wochen nur 40 Prozent durch Nord Stream 1 liefere, bekomme Deutschland ein Problem. „Das würde unsere Situation erheblich verschlechtern. Über den Sommer könnten wir das vielleicht aushalten, denn die Heizsaison ist ja vorbei. Allerdings müssen wir jetzt zwingend die Speicher füllen, um den Winter zu überstehen – auch mit russischem Gas.“

Wie hoch ist der aktuelle Füllstand der deutschen Gasspeicher?

Am 16. Juni dieses Jahres waren die deutschen Gasspeicher zu 56 Prozent gefüllt, sagte eine Sprecherin des Bundeswirtschaftsministeriums auf RND-Anfrage am Donnerstag. Komplett gefüllt decken die Speicher den deutschen Gasbedarf für drei Monate. Zuletzt stiegen die Speicherstände netto um etwa einen halben Prozentpunkt pro Tag. Dafür war in etwa so viel Gas nötig, wie nun durch die Drosselung wegfällt.

Was passiert, wenn die Speicher bis zum Winter nicht gefüllt sind?

Das wäre aus Sicht der Bundesregierung das schlechteste Szenario, weil Deutschland dann vollständig abhängig von der Gunst Wladimir Putins wäre. In Regierungskreisen mutmaßt man, dass es der russische Präsident genau darauf anlegt und deshalb nun die Liefermengen drosselt. Derzeit ersetzen zusätzliche Einkäufe am Weltmarkt die wegfallenden russischen Lieferungen. Diese sind aber nur bis zu einer begrenzten Größenordnung möglich und sehr teuer.

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Wie wichtig ist die Gaspipeline Nord Stream 1 für die Versorgung Deutschlands?

Für Deutschland ist Nord Stream 1 die Hauptversorgungsleitung mit russischem Gas. Zuvor war schon die Leitung Jamal-Europa, die durch Polen führt, nicht mehr befüllt worden. Den Transit über die Ukraine hatte Gazprom bereits Mitte Mai gedrosselt. Auch am Donnerstag werden den Daten des staatlichen Gasnetzbetreibers zufolge nur etwas weniger als 40 Prozent der vertraglich vorgesehenen 109 Millionen Kubikmeter Erdgas nach Westen fließen. Unter anderem durch die bisherigen Einschränkungen hatten sich die Energiepreise erhöht, weil insgesamt weniger Gas von Russland nach Europa fließt.

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