Drohende Gas-Krise

Sparen für den Notfall: Wie große Firmen den Energieverbrauch senken wollen

Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 und der Übernahmestation der Ferngasleitung OPAL.

Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 und der Übernahmestation der Ferngasleitung OPAL.

Hannover/Berlin. Im Winter droht eine Gaskrise, auch beim Strom bestehen Risiken. Politiker und Experten rufen zum sparsamen Umgang mit Energie auf, damit die Speicher und Kraftwerkskapazitäten für den Fall weiterer russischer Lieferkürzungen ausreichen. Neben Privathaushalten und öffentlichen Einrichtungen kommt dabei großen Unternehmen eine Schlüsselrolle zu. Eine Auswahl aktueller Planungen:

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Stahl: Die rohstoffintensive Branche sorgt sich um ihren Gaseinkauf. So bereitet sich der größte deutsche Hersteller Thyssenkrupp „in verschiedenen Szenarien“ auf Unterbrechungen oder Einschränkungen vor. In der Stahlindustrie wird Erdgas zur Wärmeerzeugung benötigt, etwa beim Walzen oder in der Kokerei. Weniger Gas bedeutet weniger Produktion. Das könne „bis zu einer bestimmten Schwelle begleitet werden“, erklärt eine Konzernsprecherin. Ein Mindestbezug sei zur Aufrechterhaltung der Abläufe aber unverzichtbar, ansonsten könne man Stilllegungen und Anlageschäden nicht ausschließen. Einsparpotenziale sieht Thyssenkrupp beim Gas kaum: „Eine Umstellung auf Erdöl oder Kohle ist in unseren Produktionsprozessen nicht möglich.“

Die Nummer zwei, die Salzgitter AG aus Niedersachsen, betont ebenso: „In der Stahlherstellung gibt es mehrere Verarbeitungs- und Hilfsprozesse, die auf Erdgas angewiesen sind.“ Ziel sei es, dessen Einsatz „auf ein Minimum zu beschränken“. Teilmengen ließen sich mit Öl ersetzen. Außerdem nutze man verstärkt die sogenannten Kuppelgase, die als Nebenprodukte anfallen. Salzgitter will die Gewinnung des Roheisens mittelfristig von Kokskohle auf Wasserstoff umstellen - übergangsweise werden aber auch hier Erdgasgemische mitverwendet.

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Automobilbau: Die deutsche Vorzeigeindustrie braucht bisher große Mengen an Gas für viele Verfahren und die Energieversorgung ihrer Fabriken, zusätzlich wird Strom teilweise in eigenen Anlagen erzeugt. Der Volkswagen-Konzern etwa rüstete gerade das Kraftwerk am Stammsitz Wolfsburg von Kohle auf Gas um. „Wir sind in der Situation, dass wir beide Energieträger nutzen können“, sagte Finanzvorstand Arno Antlitz im Frühjahr kurz nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Zu den Folgen kompletter Liefer- oder Importstopps hält man sich bei VW bedeckt.

Der Konkurrent Mercedes-Benz betonte jüngst, ein drohender Gasmangel bereite ihm erhebliche Sorgen. Die Stuttgarter richten sich darauf ein, den Verbrauch an den deutschen Standorten falls nötig um bis zu die Hälfte zu drosseln. Laut Vorstandschef Ola Källenius gibt es einen Notplan: „Wir wären in der Lage, diese Maßnahmen dieses Jahr umzusetzen.“ Strom aus Gasverbrennung soll möglichst häufig durch Elektrizität aus erneuerbaren Quellen abgelöst werden. Zudem sind generelle Energieeinsparungen geplant, auch könnte bei Bedarf Öl zum Einsatz kommen. Källenius gibt sich vorsichtig: „Wir wissen nicht, was passieren wird.“ Gespräche mit der Bundesnetzagentur liefen.

Als Autozulieferer ist Continental desgleichen von der Energiekrise betroffen. Der Gasanteil im Energiemix sei bedeutend, heißt es bei den Hannoveranern. Einzelne Standorte seien unterschiedlich stark verwundbar - „von gar keiner Betroffenheit über die Nutzung von Erdgas rein zu Heizzwecken, zur Erzeugung von Prozesswärme bis zur Verwendung von Gas direkt im Produktionsprozess“. Details wollte Conti nicht nennen. „Die aktuelle Lage beobachten wir genau.“

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Chemie und Pharma: Die Branche ist mit einem Anteil von 15 Prozent größter Gasverbraucher in Deutschland. Hier ist Erdgas nicht nur ein bisher unerlässlicher Energieträger, sondern auch ein Rohstoff, der in viele Endprodukte einfließt. Der Verband VCI sieht nur noch wenig Senkungspotenzial: Durch den Einsatz anderer Brennstoffe ließen sich kurzfristig nur 2 bis 3 Milliarden Kilowattstunden (kWh) an Energie aus Gas einsparen - pro Jahr bräuchten die Firmen rund 135 Milliarden kWh. VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup sagte Mitte Juli: „Für unsere Unternehmen gilt, dass wir aktuell noch einmal alles geben, um auch die allerletzten Gas-Einsparpotenziale zu heben.“

Zuletzt hörte man aber wieder etwas optimistischere Stimmen. BASF rechnet auch bei Ausrufung der Gasnotfallstufe mit dem Weiterbetrieb des Stammwerks Ludwigshafen. Das noch erhältliche Gas dürfte demnach ausreichen, um den Betrieb mit verringerter Last aufrechtzuerhalten, so Vorstandschef Martin Brudermüller. Der Darmstädter Merck-Konzern sieht sich für einen Mangel gerüstet. „Wir sind darauf vorbereitet, dann unsere Produktionsprozesse unter anderem auf Erdöl zu verlagern, sagte Chefin Belén Garijo der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Maschinenbau: Auch in dem stark mittelständisch geprägten Gewerbe - oft als „Rückgrat“ der deutschen Wirtschaft bezeichnet - variiert die Betroffenheit je nach Betrieb. Für die Gesamtbranche schätzt Matthias Zelinger, Energieexperte des Verbands VDMA, dass die Unternehmen für eine kurze Zeit mit 20 bis 40 Prozent weniger Gas auskommen könnten.

Ende Juni gab fast ein Drittel der Maschinenbauer in einer Umfrage an, sich auf eine Verknappung vorzubereiten. Etwa drei Viertel dieser Firmen prüfen, welche Möglichkeiten sie selbst haben - zum Beispiel über die Installation elektrischer oder ölbefeuerter Back-up-Systeme. Ein Drittel hatte bereits gestaffelte Notfallpläne in der Schublade.

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Deutsche Bahn: Mit einem Jahresverbrauch von rund 10 Milliarden kWh ist der bundeseigene Konzern der größte einzelne Stromabnehmer in Deutschland. Erdgas hatte im vorigen Jahr einen Anteil von 6 Prozent am Strommix, Kohle mehr als 20 Prozent und regenerative Energieträger etwa 62 Prozent. Personalvorstand Martin Seiler verweist auf Maßnahmen wie energiesparendes Fahren im Fern- und Regionalverkehr oder den Austausch fossiler Wärme- durch alternative Heizanlagen.

Die Bahn setzt außerdem auf die Motivation ihrer Angestellten. Die Belegschaft soll einen Bonus von 100 Euro pro Kopf erhalten, der auf 150 Euro aufgestockt wird, wenn alle genügend Energie sparen. Dabei geht es etwa um einen besonders schonenden Umgang mit Beleuchtung, dem Heizen, der Klimaanlagen-Nutzung oder der Betankung. Mit dem Anreizsystem soll vor allem der Energieverbrauch in Gebäuden und an Bahnhöfen gesenkt werden. Wie hoch das Potenzial ist und welchen Umfang die Einsparungen konkret haben sollen, sagt die Bahn nicht.

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Deutsche Telekom: Der Bonner Konzern ist als eines der größten IT- und Dienstleistungsunternehmen im Land ein Energie-Großverbraucher. Initiativen für mehr Energieeffizienz nehme man sehr ernst, heißt es. „Das gilt für die mit Strom betriebene Netzinfrastruktur, unsere IT wie auch für unsere Bürogebäude. Ein potenzielles Gasembargo haben wir im Blick und bereiten uns auf verschiedene Szenarien vor.“

In den Büros greife die gültige Arbeitsstättenrichtlinie mit entsprechenden Temperaturen, für leichte Tätigkeiten im Sitzen liege diese etwa bei 20 Grad Celsius. „Sollten sich Veränderungen an der Verordnung ergeben, würden wir diese natürlich berücksichtigen.“ Zulässige Mindesttemperaturen beim Heizen oder Höchsttemperaturen beim Klimatisieren sind ein Thema in zahlreichen Unternehmen. Bei der Telekom läuft vieles - wo dies möglich ist - aber auch im Homeoffice.

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Kleinere Betriebe und regionale Kammern: Die Industrie- und Handelskammern (IHK) haben in mehreren Ländern Mitglieder zu den Sorgen um künftige Gaslieferungen befragt. In Niedersachsen etwa sehen gut zwei Drittel der oft auch kleineren Firmen Möglichkeiten, den Strombedarf um bis zu ein Zehntel zu senken. Beim Erdgas sind es 62 Prozent. Behörden und Politik müssten nötige Umbauten dann rasch genehmigen. In Sachsen stellen sich viele Unternehmen nach Angaben der IHK Dresden darauf ein, Erdgas einzusparen oder durch Flüssiggas und Ölfeuerung zu ersetzen. Eine Mahnung aber auch hier: Umfangreiche Anforderungen und Fristen dürften dabei jetzt kein Bremsklotz sein.

RND/dpa

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