Top-Ökonom im RND-Interview

DIW-Chef Fratzscher: „Der Staat kann nicht alle Unternehmen retten“

Der Präsident des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher

Der Präsident des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher

Berlin. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschafts­forschung (DIW), Marcel Fratzscher, rechnet mit einem tiefen und lang anhaltenden Abschwung, den viele Unternehmen nicht überstehen werden. „Die Rezession wird unvermeidbar sein, wir befinden uns schon in einem Abschwung“, sagte Fratzscher im Interview mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND).

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
DIW-Chef Fratzscher: „Wir werden einen riesigen Strukturwandel in der deutschen Wirtschaft erleben“

Der Ökonom rechnet mit einem tiefen und lang anhaltenden Abschwung, den viele Unternehmen nicht überstehen werden.

Auch die langfristigen Aussichten sind nach Meinung des Ökonomen düster. „Meine Sorge ist gar nicht so sehr, dass wir in den nächsten zwei Quartalen schrumpfen werden, sondern dass es auch danach keine Erholung geben wird“, so Fratzscher weiter. „Wir rechnen mit einer schrumpfenden Wirtschaft für das Gesamtjahr 2023, und auch 2024 wird nicht so ein gutes Jahr werden“, warnte der DIW-Chef. „Wir werden uns auf einige Jahre Stagflation einrichten müssen.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Wir werden einen riesigen Strukturwandel erleben“

Die aktuelle Situation sei mit der Corona-Krise nicht vergleichbar. Einen zweistelligen Einbruch der Wirtschaft wie im zweiten Quartal 2020 werde es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht geben. „Aber wir werden auf breiter Front weniger Aktivität sehen“, so Fratzscher. Das Besondere an dieser Krise sei der Rückgang des privaten Konsums, weil viele Menschen den Gürtel enger schnallen müssten. „Das ist ein flächen­deckendes Problem und trifft letztendlich die gesamte Wirtschaft.“

Eine Zunahme der Insolvenzen lasse sich in dieser Lage nicht vermeiden, sagte Fratzscher. „Die bittere Wahrheit ist, wir werden einen riesigen Strukturwandel in der deutschen Wirtschaft erleben. Viele energieintensive Unternehmen werden es nicht überleben“, fügte er hinzu. Die Kosten für Gas und andere fossile Energieträger seien nicht nur temporär erhöht. „Das wird sich so lange fortsetzen, bis wir den Umstieg auf erneuerbare Energien ausreichend gemacht haben“, prognostizierte er.

Das wird sich so lange fortsetzen, bis wir den Umstieg auf erneuerbare Energien ausreichend gemacht haben.

Marcel Fratzscher,

Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)

„Viele Unternehmen werden insolvent gehen, und der Staat kann nicht alle retten“, so der DIW-Chef. Das sei allerdings auch gar nicht wünschenswert. „Man muss jetzt aufpassen, dass eine so tiefe Krise nicht die falschen Unternehmen trifft, sagte er und nannte Start-ups und andere innovative Firmen ohne große Rücklagen als Beispiel. „Vor allem diese Unternehmen sollte der Staat unterstützen.“ Bei allen anderen sei es sinnvoller, die Energiekosten zu begrenzen und die Unternehmen bei der Transformation durch Technologie­förderung sowie eine gute Infrastruktur zu unterstützen.

ARCHIV - 27.11.2019, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Der Schriftzug «Wir schliessen» steht am Schaufenster eines Geschäftes. (Zu dpa "Statistisches Bundesamt zu Insolvenzen im Mai 2022 ") Foto: Martin Gerten/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

In der Wirtschaft wächst die Angst: Deutschland droht eine Insolvenzwelle

Mit einer missverständlichen Fernsehäußerung über Produktions­einstellungen bringt Wirtschafts­minister Robert Habeck Bäckereibetriebe, Konservative und den Boulevard gegen sich auf. In vielen Betrieben liegen die Nerven angesichts der exorbitanten Energie­preise inzwischen blank. Auf Deutschland kommt ein Sturm zu.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Volumen der Entlastungspakete reicht nicht aus

Fratzscher warb dafür, in der aktuellen Debatte einen anderen Schwerpunkt zu setzen. „Wir reden viel über Unternehmens­insolvenzen, meine größte Sorge aber sind Privat­insolvenzen“, sagte er. „Viele Bürgerinnen und Bürger werden wegen der explodierenden Strom- und Gaspreise ihre Rechnung nicht bezahlen können“, warnte er. Die bisherigen Entlastungspakete der Bundes­regierung hätten zwar gute Elemente, würden aber von ihrem Volumen her nicht ausreichen, so Fratzscher. „Die Bundes­regierung wird die jetzigen Hilfen über die nächsten sechs Monate verdoppeln oder sogar verdreifachen müssen“, so der DIW-Chef.

Finanziell könne sich der Staat das leisten, wenn der Bundestag erneut die Regelungen der Schuldenbremse aussetze, betonte Fratzscher. „Ich würde mir von der Bundes­regierung wünschen, dass sie sich ehrlich macht. Die Schulden­bremse ist mal gemacht worden, damit der Staat in schlechten Zeiten handeln kann. Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Mehr aus Wirtschaft

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken