Das Problem mit der Passform

Kleidergröße 42 ist nicht gleich Kleidergröße 42: Je nach Hersteller, können die Größen sehr unterschiedlich ausfallen.

Kleidergröße 42 ist nicht gleich Kleidergröße 42: Je nach Hersteller, können die Größen sehr unterschiedlich ausfallen.

Hannover. Nadja Klug ist Stylistin und hadert mit den Konfektionsgrößen. Ihre Kunden betreut sie online. Die 49-Jährige arbeitet für Zalon, eine von inzwischen vielen Online-Stilberatungen. Klug wählt für Menschen, von denen sie die übliche Kleidergröße, ein paar Körpermaße und Stilvorlieben kennt, ein passendes Outfit aus und schickt es ihnen zu. Ähnlich verfahren auch die Berater der Seiten Modomoto, Outfittery oder 3compliments.

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Doch die Online-Modeberater haben ein Problem: „Die Kunden schwanken oft zwischen zwei Größen“, sagt Klug. Und das ist kein Wunder. Eine Frau mit einem Taillenumfang von 78 Zentimetern muss bei Vero Moda oder S. Oliver ein Oberteil in Größe L kaufen, passt bei H&M oder Mango aber problemlos in eines der Größe M oder 40. Genauso ist es bei den Männern: Wem ein H&M-Hemd in Größe L passt, braucht bei Tom Tailor eines in XL. Wie kann das sein, fragt man sich.

Größentabellen werden den Zielgruppen angepasst

Simone Morlock weiß, warum. Die gelernte Schneiderin und Bekleidungstechnik-Ingenieurin leitet am Hohenstein Institut für Textilinnovation das Forschungsteam Scanning, Passform und Ergonomie. Seit 17 Jahren beschäftigt sie sich mit Größentabellen und Körpermaßen. „Es gibt in Deutschland einheitliche Standardtabellen, die die Firmen auch anwenden“, sagt sie. „Aber es gibt keine Muss-Norm. International erst recht nicht.“ Rund 80 Prozent der deutschen Hersteller arbeiten laut Morlock mit den Größentabellen. „Aber sie passen sie auf ihre Zielgruppen an.“

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Und daher rührt das eigentliche, das Passform-Problem. „Die Größe 38 gibt es eigentlich neunmal“, sagt Morlock, „denn unsere Körperformen sind unglaublich unterschiedlich.“ In kurz, normal und lang und jeweils für schmal- normal- und starkhüftige Figuren. Jeder Hersteller passe seine „Normalgröße“ den Maßen seiner Zielgruppe an. Produziert ein Unternehmen vor allem für junge Frauen, sind die Schnitte an der Taille schmaler und an der Hüfte breiter als bei Kleidung, die vornehmlich für ältere Frauen hergestellt wird. „Aber bei beiden steht die gleiche Größe im Etikett“, sagt Morlock.

Männer und Frauen sind vom Passform-Problem betroffen

Dass nicht jedes Kleidungsstück in allen Passformen produziert und im Handel angeboten wird, ist nur ein Faktor, der die Suche nach der richtigen Größe erschwert. „Unterschätzt wird auch der Einfluss der Materialien.“ Ein Kleidungsstück aus Baumwolle sitzt anders als eines aus Seide, Leinen oder Leder. Vom Passform-Problem sind Frauen und Männer nach Aussage Morlocks gleichermaßen betroffen. „Aber Frauen nehmen es erfahrungsgemäß stärker wahr.“ Ohnehin seien Konfektionsgrößen bei Frauen das sensiblere Thema. „Manche würden sich nie eine Hose eine Nummer größer als für sie üblich kaufen.“ Deshalb wachsen die Größen mit.

Die Deutschen haben in den vergangenen Jahrzehnten zugelegt. Das ergab die bisher größte Reihenmessung, die die Hohenstein-Institute von 2007 bis 2009 durchführten (siehe Kasten). Aus Angst, Kunden zu verprellen, nähen laut Morlock viele Firmen die Kleidung weiter. Das Größenetikett bleibt aber das gleiche. „Schmeichelgrößen“ heißt das im Fach-Jargon. Gleichzeitig drängen noch größere Größen auf den Markt. „Viele Firmen erweitern ihr Spektrum um Plus-Size-Kollektionen“, sagt Morlock. Doch es gibt auch einen gegenläufigen Trend. „Young-Fashion-Labels setzen oft auf Schnitte, in die man mit ein bisschen Kurven nicht mehr reinkommt.“

Vereinheitlichung der Größen ist nicht in Sicht

Wäre ein bisschen mehr Einheit beim Einkaufen nicht hilfreich? „Unbedingt!“, findet Online-Stylistin Nadja Klug. „Das würde uns und den Kunden sehr helfen.“ Aktuell müsse sie auf ihre Erfahrung zurückgreifen, je nach Firma die Größen hoch- oder runterrechnen. „Weil auch firmenintern manchmal Schwankungen in Größe und Passform auftreten, muss ich jede Saison Erfahrungen mit den Kunden machen und in der nächsten Saison prüfen, ob sich etwas geändert hat.“

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Tatsächlich gibt es seit den Neunzigerjahren immer wieder Bestrebungen, die Größen zu vereinheitlichen. Doch die scheiterten stets an den unterschiedlichen Vorstellungen der Unternehmen. „Die, die auf Schmeichelgrößen gesetzt haben, können ja schlecht zurück“, sagt Simone Morlock. Nadja Klugs Erfahrung nach sind das vor allem die hochpreisigen Marken. „Sie verkaufen einer Kundin lieber eine 36, auch wenn sie eigentlich eine 38 trägt.“ Günstigere und vor allem südeuropäische Marken hingegen fielen tendenziell kleiner aus. „Bei deutschen Firmen ist die Passform in der Regel recht genau und eher reichlich.“

Erfahrung ist also das A und O, wenn es ans Einkleiden geht. „Am besten sucht man sich eine Marke, von der man dann weiß, dass sie in der Regel gut passt“, empfiehlt Morlock. Eine Vereinheitlichung der Größen sei nicht in Sicht – und ihrer Meinung nach auch nicht Lösung aller Kundenprobleme. „Ich plädiere für mehr Gelassenheit.“ Immerhin lebe die Mode von Individualität. „Das modische Produkt ist so variabel. Ich werde immer anprobieren müssen.“

Von Merle Schaack/RND

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