Ausstieg aus russischem Erdgas

Alternativen vor der Haustür: Lieber Biogas als Fracking

Die Politik hat bislang keine Antworten darauf geliefert, wie der steigende Energie-Hunger angesichts sinkender Energie-Quellen schon in naher Zukunft gestillt werden soll, meint Redakteur Jens Rosenkranz.

Biogas-Anlagen mit Speicher sind unter heimischen Ressourcen der größte Hoffnungsträger.

München. Wer raschen Ersatz für russisches Erdgas sucht, wird auch vor der eigenen Haustür fündig. Zwei Alternativen gibt es. Zum einen sind das rund 9.700 bestehende und zuletzt nicht ausgelastete Biogasanlagen zwischen Kiel und Garmisch-Partenkirchen, zum anderen fossile Lagerstätten für Erdöl und Erdgas vor allem im Norden der Republik. „Wir könnten unser Energieangebot sehr kurzfristig um ein Fünftel steigern“, sagt Sandra Rostek und meint damit bis Ende des Jahres. Sie vertritt das Hauptstadtbüro Bioenergie, ein Dach für verschiedene Verbände wie dem für Biogas. Damit ließen sich vier Prozent der russischen Erdgasimporte ersetzen, rechnet die Expertin vor. Grund für die kurze Reaktionszeit sei eine gute Biomasseernte 2021, die noch auf Lager liegt. Aber das ist noch nicht alles.

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Durch Zubau größerer Gasspeicher an Biogasanlagen lasse sich eine flexible Leistung von 18 Gigawatt erreichen, was 60 herkömmlichen Erdgaskraftwerksblöcken entspricht. Auf die EU übertragen könne man die Biogas-Kapazitäten damit sogar um die Hälfte erhöhen und das ebenfalls noch 2022, sagt Rostek. Die Anbauflächen für Energiepflanzen müssten dazu nicht einmal ausgeweitet werden.

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Grundsätzlich hilft gegen die steigenden Energiepreise, seine Ausgaben zu kalkulieren und einen Überblick über die Fixkosten zu haben.

Das ist wichtig, um nicht in einen Tank-Teller-Konflikt zu geraten. Denn der Krieg in der Ukraine sorgt auch für weniger Weizen auf den Weltmärkten. Landwirtschaftliche Fläche wird deshalb derzeit mehr denn je vor allem zur Lebensmittelproduktion benötigt. Bis 2030 könnten Biogasanlagen dann bis zu 42 Prozent russischer Gasimporte ersetzen, sagt Rostek. Kurzfristig wäre das aber nicht.

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Bundestagsparlamentarier Markus Hümpfer ist angetan. „Biogas kann durchaus eine Brückentechnologie sein“, findet der Politiker, der für die SPD im Ausschuss für Klimaschutz und Energie sitzt. Ziel müsse es sein, mehr als heute rund 250 Biogasanlagen ans deutsche Gasnetz anzuschließen. Dazu muss investiert werden, was derzeit durch Baugesetze noch gehemmt wird. Eine Vereinfachungen von Baugesetzen für Biogasanlagen und beschleunigte Genehmigungsverfahren seien aber in Arbeit, versichert der SPD-Energieexperte.

Deutscher Egoismus

Für eher keine gute Idee hält er verstärktes Anzapfen fossiler deutscher Lagerstätten vor allem, wenn Fracking ins Spiel kommt. Die BASF-Tochter Wintershall Dea, ihres Zeichens größter Öl- und Gasförderer der Republik, hat dazu einige Anmerkungen. Vor der Ostfrieseninsel Borkum gebe es Erdgaslagerstätten, die ein niederländischer Konzern fördern will, erzählt Wintershall-Sprecher Michael Sasse. Das zuständige Bundesland Niedersachsen verweigere das bislang. Zugleich fordere Deutschland das Nachbarland aber auf, unter der Stadt Groningen weiter Erdgas zu fördern und es nach Deutschland zu leiten, obwohl das vor Ort Böden absacken lässt und Häuser instabil macht. „Das wird als deutscher Egoismus gesehen“, beschreibt Sasse die Stimmung.

Insgesamt sitze Deutschland noch auf 32 Milliarden Kubikmeter sicher förderbarer Erdgasreserven und Öllagerstätten, deren Ausbeutung beschleunigt werden könne. Bedeutender aber wäre ein anderes Reservoir. Das ist Erdgas, das in Schiefergestein schlummert, aber nur per Fracking gefördert werden könnte. Diese ungesicherten Reserven werden auf 2,3 Billionen Kubikmeter geschätzt. Zumindest geologisch untersucht werden müsse das, findet Wintershall Dea.

Gasmärkte

Wenn es um Gasmärkte geht, ist der Report der Internationalen Energieagentur eine gute Quelle. In der aktuellen Ausgabe sagt er der globalen Gasnachfrage 2022 minimale Rückgange im Jahresvergleich voraus. Auch in der EU dürfte er trotz Sparversuchen weitgehend konstant bleiben. Zwar sinkt der Gasverbrauch von Haushalten und Industrie EU-weit 2022 wohl um sechs Prozent. Das wird aber durch das Auffüllen von Gasspeichern kompensiert. Innerhalb des Gasmarkts dagegen sind die Bewegungen enorm. So hat die Nachfrage nach Flüssiggas (LNG) im ersten Quartal 2022 global um sieben Prozent und in Europa als treibender Kraft um satte 70 Prozent zugenommen. Da LNG-Produktionskapazitäten nicht so schnell ausgeweitet werden können, kauft die EU derzeit vor allem asiatischen Nachfragern die begehrte Ware weg. LNG ist derzeit übrigens billiger als Pipelinegas.

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Politisch ist die umweltschädliche Technologie zur Gasgewinnung aber auch in der Not nicht vermittelbar. „Über unkonventionelles Fracking können wir nicht reden, selbst wenn die Krise noch so groß ist“, stellt Hümpfer klar. Mit Biogas allein ist sind aber kurzfristig nur relativ geringe Mengen russischen Erdgases zu ersetzen, weshalb andere Stellschrauben nötig sind. Gas sparen ist eine davon.

Auf Ebene deutscher Stadtwerke hat die großes Potential, glaubt man Berechnungen des Fraunhofer-Instituts für angewandte Systemtechnik. Um bis zu 60 Prozent könnten die ihren Gasbezug senken und Strom als alternative Energiequelle nutzen, haben Fraunhofer-Forscher in einer Studie ermittelt. Technisch machbar sei das, auf der Kostenseite aber mit Steigerungen von bis zu 35 Prozent verbunden. Eine schmerzfreie Lösungen kennt derzeit wohl niemand.

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