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Nach der Abstiegsnacht

Dynamo Dresden verurteilt Übergriffe gewalttätiger Fans

Der kaufmännische Geschäftsführer Jürgen Wehlend (56) hat bei Dynamo Dresden einen riesigen Berg an Arbeit vor sich.

Der kaufmännische Geschäftsführer Jürgen Wehlend (56) hat bei Dynamo Dresden einen riesigen Berg an Arbeit vor sich.

Dresden. Am Tag nach den Abstieg aus der 2. Fußball-Bundesliga hat Dynamo Dresden die während und nach dem 0:2 gegen den 1. FC Kaiserslautern vorgefallenen Übergriffe einiger gewalttätiger Dresdner Fans scharf verurteilt. Der kaufmännische Geschäftsführer Jürgen Wehlend meldete sich am Mittag über die Homepage des Absteigers zu Wort. Der Funktionär sagte: „Die große Enttäuschung, der Frust und auch die Wut unserer Fans über den bitteren Abstieg in die 3. Liga sind absolut nachvollziehbar. Sie standen und stehen immer bedingungslos hinter dem Verein und haben unsere Mannschaft mit viel Leidenschaft und Herz in der 2. Bundesliga unterstützt – und das trotz der sportlichen Talfahrt der Rückrunde, die uns schlussendlich in die jetzige Situation geführt hat. Diese Treue wurde mit der gestrigen 0:2-Niederlage ultimativ enttäuscht. Bei allem Verständnis über diesen Frust, den alle Beteiligten im Verein teilen und genauso fühlen, ist das Verhalten einiger Dynamo-Fans gegen Ende des Spiels und um Besonderen danach völlig inakzeptabel. Mit dem gewaltsamen Eindringen in den Kabinentrakt, bei dem zwei Ordner verletzt wurden, und der Bedrohung von Spielern, Betreuern sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde eine klare Grenze überschritten. Wir werden die Geschehnisse gründlich aufarbeiten und im Ergebnis entschieden Konsequenzen ziehen.“

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Zwei Ordner beim Sturm des Kabinentraktes verletzt

In einer kurzfristig einberufenen Medienrunde nahm Wehlend gegen 14 Uhr noch einmal detailliert Stellung und beschrieb, was genau sich speziell im Kabinentrakt, im Foyer sowie im Mannschaftsbus abgespielt hatte. Der sichtlich schockierte Geschäftsführer berichtete, dass etwa 30 Unbekannte nach Spielende ins Foyer eingedrungen seien. Diese Personen aus der harten Dynamo-Fanszene hätten einen kleinen Moment genutzt, als ViP-Gäste das Stadion verließen und eine Tür am Haupteingang gestürmt. Dabei sei ein Ordner regelrecht überrannt worden, er habe sich eine Schulterverletzung zugezogen. Ein zweiter Ordner habe einen Kreislaufkollaps erlitten, sei zusammengebrochen. Die aggressiven Chaoten seien dann über die Mixed-Zone bis in den Kabinentrakt vorgedrungen, wo die SGD-Mannschaft aber nicht mehr anwesend war. Die Spieler seien bereits im Mannschaftsbus gewesen, um zurück ins Mannschaftshotel zu fahren.

Ein Chaot beschimpfte die Mannschaft in deren Bus

Über offene Feuerschutztüren und Fluchtkorridore hätten die Gewalttäter den Bus kurz vor dessen Abfahrt noch erreichen können. Eine Person sei sogar noch in den Bus gelangt, habe dort eine verbale Auseinandersetzung provoziert und die Spieler übel beschimpft: „Ihr seid es nicht wert, unser Wappen zu tragen!“ Zum Glück habe es keine tätlichen Übergriffe mehr gegeben, der aggressive Fan habe den Bus dann wieder verlassen. Der Schock bei den Spielern, besonders bei den jüngeren, sei aber groß gewesen, so Wehlend. Teammanagerin Marie Jenhardt und die älteren Spieler hätten alles versucht, die jüngeren zu beruhigen. Wehlend sagte: „Das war eine sehr traumatische Situation. Das ist eine Erfahrung, die brauchst du wie ein Loch im Kopf!“

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Dynamo will Anzeige erstatten

Der SGD-Geschäftsführer bekräftigte, alles unternehmen zu wollen, um die Geschehnisse aufzuklären und die Chaoten mithilfe der Polizei zu identifizieren. Sie sollen ihrer Strafe nicht entgehen: „Wir werden sämtliche uns zur Verfügung stehenden Quellen nutzen.“ Er hofft dabei auf Zeugenaussagen, aber auch Bilder aus den Überwachungskameras im Stadionbereich. Und er stellte klar: „Wir werden natürlich Anzeige erstatten.“ Wehlend bedauerte sehr, dass es nur unzureichend gelungen sei, die Spieler und Mitarbeiter zu schützen: „So etwas darf eigentlich nicht passieren.“ Mit so einer Eskalation hatte vorab keiner gerechnet, auf einen möglichen Platzsturm war man indes vorbereitet.

Verein und Polizei verboten Spielern die Rückkehr auf den Platz

Bewusst habe die Vereinsspitze gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden auch entschieden, dass die Mannschaft nach dem Spiel nicht noch einmal raus auf den Platz gehen durfte, so Wehlend. Man habe vermeiden wollen, dass ausrastende Fans noch auf den Rasen stürmen oder erneut Pyrotechnik aufs Feld schießen. Wehlend verurteilte auch den Einsatz von Feuerwerkskörpern durch die Fans beider Lager während des Spiels. Er war sehr froh, dass zum Glück niemand verletzt wurde, als Lauterer Fans zu Beginn der Partie eine Leuchtrakete in den Familienblock abschossen. Die Personen dort hätten die Gefahr rechtzeitig bemerkt. Auch da sei schon eine rote Linie überschritten worden. Der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) kündigte derweil bereits an, gegen beide Vereine zu ermitteln.

Aufsichtsrat muss über Konsequenzen im sportlichen Bereich entscheiden

Unterdessen bedauerte Jürgen Wehlend, der sich erst kürzlich von einem Herzinfarkt erholt hatte, den sportlichen Abstieg sehr. Ein „wirtschaftlicher Absturz“ werde den Verein als Drittligist nun auch ereilen. Wie es in der sportlichen Leitung weitergeht, konnte er noch nicht sagen: „Die Gespräche laufen.“ Entscheiden könne er das nicht, das sei Sache des Aufsichtsrates. Der 56-Jährige mahnte aber eine schnelle Entscheidung an. Von den Spielern seien am Mittag nicht nur alle in den Urlaub verabschiedet worden, sondern auch einige ohne Drittliga-Vertrag auf lange Sicht. An Urlaub kann Wehlend selbst jetzt nicht eine Sekunde denken, denn es liegt ein Berg an Arbeit vor ihm und seinen Mitarbeitern. Ein riesiger Scherbenhaufen muss zusammengekehrt werden, allein die Schadensbegrenzung nach Dynamos Horrornacht wird enorme Kraft kosten.

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Von Jochen Leimert

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