Jubilar

Der siezende Schweiger: Ex-Dynamo-Dresden-Coach Sigfried Held wird 80

Modisch fragwürdig ging es zu, als Sigfried Held (M.) in den 1990er Jahren die Dynamos mit Detlef Schößler (r.) und Olaf Marschall trainierte – doch das war damals sicher eine seiner geringsten Sorgen.

Modisch fragwürdig ging es zu, als Sigfried Held (M.) in den 1990er Jahren die Dynamos mit Detlef Schößler (r.) und Olaf Marschall trainierte – doch das war damals sicher eine seiner geringsten Sorgen.

Dresden. In den Ansprachen vor einem Spiel blieb sich Siggi Held treu. Wenn sich die Mannschaft bei ihrem Coach aufs eins verlassen konnte, dann auf den ersten Satz: „Meine Herren, wir bekommen es mit einem sehr schweren Gegner zu tun.“ Ob dieser Rede-Einstieg der Grund dafür war, dass der Mann, der 1966 im legendären WM-Finale von Wembley stand und vier Jahre später beim noch legendäreren WM-Halbfinale Italien gegen Deutschland (4:3 n.V.), rund 30 Jahre später als Trainer in Dresden und wenig später in Leipzig vorzeitig ausgewechselt wurde?

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An diesem Sonntag wird Sigfried Held 80 Jahre alt. In der Bundesliga spielte er für Borussia Dortmund und Kickers Offenbach. Kultstatus hat der 41-malige Nationalspieler noch heute bei Dynamo Dresden. Die Elbestädter rettete er als Coach in der Saison 1993/94 trotz eines Vier-Punkte-Abzugs vor dem Bundesliga-Abstieg.

„Wir haben so viele Verletzte. Da bleiben doch viele Flaschen übrig“

Dynamo-Legende Ralf Minge – damals Co-Trainer – erinnert sich: „Siggi Held zeichnete eine fast schon stoische Ruhe aus. Gepaart mit absoluter Zuverlässigkeit war diese Tugend Gold wert in einer wilden und hektischen Nachwendezeit bei Dynamo. Er hat stets kühlen Kopf bewahrt und die Mannschaft damit durch stürmische Phasen manövriert.“ Respekt habe bei ihm über allem gestanden. Mit einer gewissen Distanz und natürlicher Autorität sei Siggi Held die personifizierte Sachlichkeit gewesen – zudem bescheiden, bodenständig und werteorientiert. Er hat zum Beispiel alle Spieler gesiezt. „Mich als Co-Trainer übrigens auch.“

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Eine Episode gibt Minge gern zum Besten: „Als der Unparteiische in einem Spiel mehrere Entscheidungen gegen unser Team traf, stand der Trainer plötzlich am Spielfeldrand und sagte: ,Herr Schiedsrichter, eine Frage: Werden uns die vier Punkte nach der Saison abgezogen oder machen Sie das gleich heute?’ Solche Aussagen müssen einem erstmal einfallen.“ Der 61-Jährige könne ein abendfüllendes Programm mit Episoden über Siggi Held erzählen. „Für mich war es eine wundervolle Zeit und ich bin sehr dankbar dafür.“

Sigfried Held (mi.) mit Stanislaw Tschertschessow (li.) und Rene Müller (re.).

Sigfried Held (mi.) mit Stanislaw Tschertschessow (li.) und Rene Müller (re.).

Detlef Schößler spielte unter dem „Schweiger“ bei Dynamo Dresden und beim VfB Leipzig. Der 59-Jährige erinnert sich: „Siggi Held war ein Profi durch und durch, der seine gewisse Lockerheit mit Strenge und Zielorientiertheit verbunden hat. Ein Dampfplauderer war er gewiss nicht, dafür mit einem wunderbaren hintergründigen Humor ausgestattet.“ Als die Dynamo-Elf bei sehr schlechtem Wetter zu einem Spiel flog, fragte er Ralf Minge in der Luft, was der gelernt habe. „Instandhaltungsmechaniker“ lautete die Antwort. Nun fragte Held, ob er auch seinen Meister gemacht habe, und stieß auf einen fragenden Blick. „Dann müssten Sie sich keine Sorgen machen, denn es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen.“ Alle lagen flach.

Bei einem Hallenturnier in Hanau fragte Kapitän Schößler, ob der Coach abends ein Bier genehmigen würde. „Ach Herr Schößler“, antwortete er, „wir haben so viele Verletzte. Da bleiben doch viele Flaschen übrig. Wem sollen wir die geben? Also lassen wir das lieber sein.“ Mit solchen Umschreibungen hat er gerne Dinge durchgesetzt. Einmal hatte er in Dresden eine wie es schien ewig dauernde Einheit Torschusstraining angesetzt. Nach einer Weile ging Schößler zu ihm und fragte, ob es nicht zu lange dauern würde. „Wenn Sie den Ball weiter weit nach hinten in den Wald schieben und ewig brauchen, bis Sie ihn holen, dauert es halt lange“, entgegnete er. Er hatte genau beobachtet, wie sich jeder verhielt, auch wenn es nicht danach aussah, weil er auf seiner Bank so teilnahmslos wirkte. Davon konnte man sich nicht leiten lassen.

„Er war nie ein Mann der vielen Worte“

Helds Bekanntheit hatte für die Profis einen angenehmen Nebeneffekt. „Immer, wenn wir auf Bayern trafen, kam Franz Beckenbauer zu uns in die Kabine, begrüßte seinen ehemaligen Auswahlkollegen freudig und hielt mit jedem von uns einen kurzen Schwatz“, so Schößler. „Das fanden wir bemerkenswert – und hatten es Siggi Held zu verdanken. Der war er immer fair und berechenbar. Fleiß und Disziplin hatten bei ihm einen hohen Stellenwert. Und lange oder zumindest länger hat er auch gerne geschlafen. Wenn wir abends spät ankamen, haben wir eben nicht um 8 Uhr, sondern zwei Stunden später trainiert. Das hat uns gefallen.“

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Torwart-Ikone René Müller erinnert sich gern an Siggi Held: „Schon bei der WM 1966 habe ich ihn bewundert. Weil er so unfassbar schnell und so mannschaftsdienlich spielte. Damals war ich zwar erst sieben Jahre alt, aber das ist mir unvergessen. Und dann bin ich ihm 1993 in Dresden begegnet. Dass wir trotz der vier Punkte Abzug und einem Saisonstart von 1:5 Punkten den Klassenerhalt geschafft hatten und 13. wurden, war sensationell.“

Zu Saisonbeginn hatte Müller ein Problem mit Dynamos berüchtigtem Präsidenten Rolf-Jürgen Otto, weshalb er auf die Tribüne musste und Stanislaw Tschertschessow im Tor stand. Als der zur russischen Nationalmannschaft musste, holte Held, der Mann mit den gardinenartigen Augenbrauen, den jahrelangen Lok-Keeper ins SGD-Tor. „Er war nie ein Mann der vielen Worte. Bei ihm ging es eher ruhig zu. Das war in dieser Situation genau richtig. Er war ein berechnender Faktor in einem unberechenbaren Umfeld, hieß es bei uns immer. Er legte nie Wert auf Show, das entsprach nicht seinem Naturell“ erinnert sich Müller. „Er spielte auch oft im Training mit, und war – obwohl über 50 – immer noch enorm schnell. Mit seiner Art zu spielen, könnte er heute noch mithalten, da bin ich mir sicher.“

Von Stefan Schramm Dominic Welters

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