Tourismusboom

Warum wir das Reisen lieben

Die Monitore mit den Abflügen in London-Heathrow lassen die Pandemie schnell vergessen. An dem Airport - einem der größten Europas - heben die Maschinen beinahe wieder im Minutentakt ab. Die Bars und Cafés in Terminal 5 sind gefüllt wie zuletzt im März 2020, als alle hektisch versuchten, die letzten Flüge vor dem nahenden Lockdown zu erreichen. Die Normalität kam schneller zurück, als viele dachten – auch für die Flughafenverantwortlichen, die so schnell gar nicht wieder ihr Personal aufstocken konnten.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

So bat der Flughafen Manchester Passagierinnen und Passagiere kürzlich, bereits drei bis vier Stunden vor Abflug zum Check-in zu erscheinen. Andernfalls liefen sie Gefahr, die Sicherheitskontrollen nicht rechtzeitig passieren zu können. Ähnliche Appelle gab es auch andernorts, etwa an den Airports in Düsseldorf und Hannover. Nach zwei Jahren der Zurückhaltung scheinen plötzlich alle wieder reisen zu wollen.

Szenen wie vor der Pandemie: Passagiere checken über Ostern im Terminal 2 des Flughafens Heathrow ein.

Szenen wie vor der Pandemie: Passagiere checken über Ostern im Terminal 2 des Flughafens Heathrow ein.

Der Flugverkehr erholt sich

Laut einer Untersuchung der Onlineplattform Statista planen mehr als 62 Prozent der Deutschen für die nächsten zwölf Monate wenigstens einen Trip. Vor allem im Flugverkehr ist die Erholung deutlich sichtbar – nicht nur wegen der Schlangen an den Sicherheitskontrollen: Dem Bundesverband der Luftverkehrswirtschaft zufolge bieten Airlines in diesem Jahr 3 Prozent mehr Kapazitäten für Passagierinnen und Passagiere an als im letzten Vor-Corona-Sommer 2019. Die stärksten Wachstumsraten prognostizieren die Forschenden jedoch für Kreuzfahrten (plus 180 Prozent) und das größte Marktsegment im Tourismus, die Hotels (plus 57 Prozent).

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die Reiselust wurde während Corona größer, nicht kleiner.

Prof. Martin Lohmann, Reiseforscher

Ein Trend, der international spürbar ist: Statistas Branchenprognose Mobility Market Outlook sagt für dieses Jahr ein weltweites Wachstum der Reisebranche um rund 48 Prozent vorher. Mehr als 637 Milliarden Dollar sollen demnach in diesem Bereich umgesetzt werden. Gleiches erwarten die Forschenden für 2023: Mit fast 756 Milliarden Dollar soll die Reisebranche dann das Vorkrisenniveau um rund 5 Prozent übertreffen. Die Menschen reisen, als hätte es die Pandemie nie gegeben. Und auch alle guten Vorsätze des „Teams Vorsicht“ scheinen vergessen.

Viele träumten davon, wieder Urlaub machen zu können

„Die Reiselust wurde während Corona größer, nicht kleiner“, unterstreicht der Psychologe und Reiseforscher Professor Martin Lohmann im Gespräch. Viele hätten davon geträumt, endlich wieder Urlaub machen zu können.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wer an die Lockdownwochen zurückdenkt, wird sich erinnern: Der Spaziergang im Park, die Sofaabende vor dem Fernseher, die morgendliche Joggingrunde um den Teich – das alles hat es vielleicht ein bisschen erträglicher gemacht. Doch ertappte sich mancher schnell beim Durchscrollen der letzten Urlaubsbilder auf dem Smartphone: Der abendliche Rotwein am Gardasee war dann doch angenehmer in Erinnerung als das Glas daheim auf der Couch. Und auch an die Joggingrunde in Greenwich Park dachte man erfreuter zurück als an die immer gleiche Strecke vor der eigenen Haustür. Eine alte Erkenntnis stellte sich ein: Das, was sie nicht haben, vermissen viele umso mehr. Oder war da vielleicht noch mehr in unserer während der Pandemie oftmals auf wenige Quadratmeter zusammengeschrumpften Welt?

Die Welt, so wie sie ist, verstehen wir erst, wenn wir rausgehen und reisen.

Christian Schüle, Autor und Philosoph

„Die Welt, so wie sie ist, verstehen wir erst, wenn wir rausgehen und reisen“, meint der Philosoph und Autor Christian Schüle. In seinem gerade erschienenen Buch „Vom Glück, unterwegs zu sein – Warum wir das Reisen lieben und brauchen“ (Siedler-Verlag, 256 Seiten, 22 Euro) plädiert er für bewusstes Reisen. Globalisierung rufe geradezu nach Reisen, sagt er im Gespräch. Sonst lerne man die zusammenwachsende Welt gar nicht kennen.

Christian Schüle, Autor und Philosoph.

Christian Schüle, Autor und Philosoph.

Eine Sehnsucht danach, die Welt zu verstehen

Manchen ist dieser Gedanke unlängst bei den ersten Kriegsszenen aus Kiew aufgefallen: Wer an die Ukraine dachte, sah viele Jahre zunächst die Fernsehbilder aus Tschernobyl vor seinem inneren Auge. Aber wer wusste wirklich von der Eleganz der Städte in dem Land? Von den Menschen, die dort leben?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.

Johann Wolfgang von Goethe

Auch China ist ein geradezu prototypischer Fall. Viele verbinden das fernöstliche Land sofort mit Technik und Schweinefleisch süß-sauer. Aber wer wissen will, wie es dort wirklich ist, wird erst durch die Städte und Dörfer reisen müssen und mit den Menschen in Kontakt kommen. Selbst über die klassischen europäischen Reiseländer wie Spanien, Italien oder Portugal lernen wir erst wirklich etwas bei einem Besuch. Eine Erkenntnis, die schon Johann Wolfgang von Goethe beschrieb: „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“ Hegen wir also eine Sehnsucht danach, die Welt zu verstehen?

Für Schüle bedeutet Reisen auch eine Einführung ins Unbekannte: „Ich lerne auf Reisen, wieder neugierig zu sein.“ Oder, wie er in seinem Buch schreibt: „Auf einer Reise wächst man an dem, was man vorfindet, ohne es gesucht zu haben.“

Gegen Rassismus und Diskriminierung

Der Autor unterscheidet dabei ganz bewusst zwischen Reisen und Urlaub: das Erste als Erlebnis des Neuen, des Unbekannten, das Zweite als Form der Erholung. In seinem Buch geht es ihm vor allem um den ersten Aspekt. „Reisen ist immer eine sinnliche Überwältigung“, sagt Schüle – und stellt die These auf: „Ich werde, indem ich reise.“ Der Mensch werde dabei offener statt kleingeistiger. Er könne, statt befangen zu bleiben, unbefangener werden. Könnte Reisen also gar Entwicklungen wie Rassismus und Diskriminierung entgegenwirken und helfen, Vorurteile abzubauen? Unbedingt, sagt Schüle. „Es ist eine ganz wichtige Erfahrung, dabei zu sehen, dass kein Mensch besser ist als der andere.“

Prof. Martin Lohmann ist Geschäftsführer des Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa in Kiel.

Prof. Martin Lohmann

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

„Auf Reisen entwickeln wir eine größere Gelassenheit“, unterstreicht Reiseforscher Lohmann. Zudem habe es einen positiven Effekt auf den Einzelnen, wenn er oder sie etwa auf Italienisch etwas zu essen bestelle. Der und die Reisende wächst mit seinen oder ihren Aufgaben – und sie oder er regeneriert sich dabei.

Laut der aktuellen Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen kommen 77 Prozent der befragten Urlauber nach eigenen Aussagen erholt von einer Reise zurück. 50 Prozent gaben an, auf ihrer Reise echte Glücksmomente erlebt zu haben. Und immerhin 47 Prozent glauben, dass sich ihre Reise positiv auf die körperliche Gesundheit ausgewirkt habe.

Alltag schlägt Erholung relativ schnell.

Prof. Martin Lohmann,

Reiseforscher

Aber wie lange hilft ein Urlaub im anschließenden Alltag? „Üblicherweise ist die Erholung nach drei Wochen dahin“, sagt Lohmann. „Alltag schlägt Erholung relativ schnell.“ Der Erholungseffekt sei jedoch größer, wenn man mehrfach kürzer verreise als einmal lang.

Nun kostet Reisen üblicherweise Geld – doch auch dieser Aspekt scheint durch Corona für viele zumindest derzeit nachrangig zu sein, trotz der vielen aktuellen Preissteigerungen im Alltag. „Manche haben in den zwei Jahren der Pandemie anderweitig nicht viel Geld ausgegeben“, hat Reiseforscher Lohmann beobachtet. Dies stehe nun auch fürs Reisen zur Verfügung.

Aus Sicht Christian Schüles ist dieser Faktor bei der Grundidee des Reisens ohnehin nicht der entscheidende. „Um gut zu reisen, braucht man nicht viel Geld“, sagt er, „sondern man braucht Zeit.“ Zeit, um zu warten, um spontan mit Menschen zu sprechen, kurzfristig einen Abstecher zu machen. „Der Reisende erobert einen Ort, indem er sich von diesem Ort erobern lässt“, beschreibt er es in seinem Buch.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Das Internet hat das Reisen verändert

Diese Art zu reisen wird freilich zunehmend erschwert. Die Onlinerecherche vor der Abreise beeinflusst die Unbefangenheit, mit der man zum ersten Mal an einem Reiseziel eintrifft. Beiträge bei Instagram schaffen schon vor der Abreise ein Bild im Kopf – auch wenn es vor Ort mitunter wieder revidiert werden muss, weil Filter und Perspektiven nur allzu oft die Realität verfälschen. Aber auch Bewertungen bei Internetportalen wie Tripadvisor oder Get­your­guide prägen uns bei der Urlaubsplanung. Reiseportale, Blogs und Youtube-Videos tun ihr Übriges dazu. Wie neutral kann man da noch aus einem Zug oder einem Flugzeug steigen und sich auf einen letztlich doch noch unbekannten Ort einlassen?

„Vor 30 Jahren hatten wir, die damals heranwuchsen und zu den ersten Reisen aufbrachen, zwei Privilegien“, schreibt Christian Schüle. „Erstens hatten wir das historische Glück, dass die sich öffnende Welt noch nicht in ihre Erschöpfung hinein erobert war – obwohl immer schon und immer intensiver gereist wurde.“ Zweitens habe die Welt wegen des Endes des Ost-West-Konflikts, der begonnenen Globalisierung und dem Schengener Abkommen den Menschen in einer Weise offen gestanden wie kaum davor und danach.

Dennoch reisen die Menschen weiter, sie entdecken auch heute noch Neues, sie revidieren In­sta­gram-Eindrücke oder sehen sich bestätigt. Und sie tun dies heute öfter als je zuvor. Kann Reisen am Ende sogar süchtig machen? Schüle bejaht dies umgehend. „Ich komme von einer Reise zurück, weil ich zurückkommen möchte und werde wegen des Erlebten relativ schnell demütig“, beschreibt er es. „Trotzdem möchte ich gleich wieder los.“

Christian Schüle: „Vom Glück, unterwegs zu sein – Warum wir das Reisen lieben und brauchen“. Siedler-Verlag, 256 Seiten, 22 Euro.

Christian Schüle: „Vom Glück, unterwegs zu sein – Warum wir das Reisen lieben und brauchen“. Siedler-Verlag, 256 Seiten, 22 Euro.

Christian Schüle: „Vom Glück, unterwegs zu sein – Warum wir das Reisen lieben und brauchen“. Siedler-Verlag, 256 Seiten, 22 Euro.

Mehr aus Reise

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen

 
 
 
 
 
 
 
 
 

Spiele entdecken