Mehr als 50.000 Mitarbeiter streiken

Verkehrschaos in Großbritannien: Größter Bahnstreik seit 30 Jahren

Menschen stehen in einer Warteschlange an der Bushaltestelle Station Liverpool Street bei einem landesweiten Streik von Mitgliedern der Gewerkschaft Rail, Maritime and Transport (RMT).

Menschen stehen in einer Warteschlange an der Bushaltestelle Station Liverpool Street bei einem landesweiten Streik von Mitgliedern der Gewerkschaft Rail, Maritime and Transport (RMT).

Es galt für Bahnhöfe in Plymouth im Südwesten Großbritanniens bis Glasgow im Norden: Wo sich normalerweise Hunderte Menschen drängen, herrschte am Dienstag gähnende Leere. Denn im Vereinigten Königreich finden derzeit die größten Streiks seit über 30 Jahren statt.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Mehr als 50.000 Mitarbeiter des Infrastrukturunternehmens National Rail sowie von 15 Bahnunternehmen legten die Arbeit nieder. Die Streiks sollen am Donnerstag sowie am Samstag fortgesetzt werden. Und das könnte erst der Anfang sein. Lehrer und Pflegepersonal wollen sich womöglich dem Ausstand anschließen.

Riesige Menschentrauben an Busstationen und Staus auf Straßen

Die britische Boulevardzeitung „The Daily Mail“ verglich die Situation mit einem „landesweiten Lockdown“. Tatsächlich wurde das Reisen sowohl in städtischen als auch ländlichen Regionen beträchtlich erschwert. Vor Busstationen bildeten sich riesige Menschentrauben und auf den Straßen entstanden lange Staus. Schüler hatten es schwer, zu ihren Prüfungen zu kommen. Viele Britinnen und Briten konnten gar nicht oder nur verspätet zu ihrer Arbeitsstelle gelangen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Dies galt auch für Alice Aries. Die 30-jährige freiberufliche Gärtnerin habe nicht gewusst, dass die Streiks ihre Reise von Glasgow nach Ayr im Südwesten Schottlands beeinträchtigen würden, erzählte sie gestern. „Wenn ich nicht zur Arbeit komme, werde ich nicht bezahlt.“ Sie verstehe den Streik, „aber er ist wirklich unpraktisch“. Nicht alle zeigten gestern so viel Verständnis wie sie. Ty, ein junger Mann, der mit einem Zug von einem Bahnhof in London aus reisen wollte, bezeichnete die Streiks der Arbeiter als unsolidarisch mit jenen Menschen in der Gesellschaft, die auf Züge angewiesen seien.

Menschen stehen in einer Warteschlange an der Bushaltestelle Station Liverpool Street bei einem landesweiten Streik von Mitgliedern der Gewerkschaft Rail, Maritime and Transport (RMT).

Menschen stehen in einer Warteschlange an der Bushaltestelle Station Liverpool Street bei einem landesweiten Streik von Mitgliedern der Gewerkschaft Rail, Maritime and Transport (RMT).

Der Chef der Gewerkschaft „National Union of Rail, Maritime and Transport Workers“ (RMT), Mike Lynch, rechtfertigte die Maßnahme damit, dass sie keine andere Möglichkeit sähen, um sich Gehör zu verschaffen. Stellen würden abgebaut, Sicherheitsstandards reduziert und Fahrkartenverkaufsstellen geschlossen, zählte er die Gründe auf. Außerdem solle die Arbeitszeit verlängert werden. Auf einen Kompromiss konnte man sich bislang nicht einigen.

Bahnstreik in Großbritannien auch Folge der Pandemie

Premierminister Boris Johnson verurteilte die Streiks am Dienstag und bezeichnete sie als „falsch und unnötig“. Er betonte, dass die britische Regierung die Branche während der Pandemie mit mehreren Milliarden Pfund unterstützt habe und sagte, dass geplante Reformen die Komplexität des derzeitigen Eisenbahnsystems in Großbritannien verringern sollen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Zugespitzt hat sich die Lage in den letzten Monaten für die Mitarbeiter der Bahn vor allem infolge der Pandemie, wie Matthew Gill, Experte bei der Londoner Denkfabrik „The Institute for Government“ gegenüber dieser Zeitung erklärte: „Die Inflation in Großbritannien hat um rund 10 Prozent zugenommen.“ Dem stehe ein deutlich niedrigeres Lohnwachstum gegenüber. Das Problem sei, dass die Unternehmen in der Folge der Pandemie und den damit einhergehenden niedrigeren Fahrgastzahlen in einer finanziell sehr schlechten Situation seien und immer noch von Hilfsleistungen durch den Staat abhängig seien. Und dieser zeigt sich bislang nicht verhandlungsbereit, die Subventionen zu erhöhen.

Bahnbeschäftigte stehen mit Fahnen, Transparenten und Plakaten vor dem Bahnhof Bristol Temple Meads, wo Mitglieder der Gewerkschaft Rail, Maritime and Transport (RMT) an einem landesweiten Streik teilnehmen.

Bahnbeschäftigte stehen mit Fahnen, Transparenten und Plakaten vor dem Bahnhof Bristol Temple Meads, wo Mitglieder der Gewerkschaft Rail, Maritime and Transport (RMT) an einem landesweiten Streik teilnehmen.

Die Frage, ob die Streiks gerechtfertigt sind, ist Expertinnen und Experten zufolge nicht einfach zu beantworten. Denn tatsächlich stehen die Mitarbeiter des Infrastrukturunternehmens National Rail vor demselben Problem wie aktuell fast alle Arbeiter und Angestellten in Großbritannien; mit dem Unterschied, dass sie eine starke Gewerkschaft im Rücken hätten. Ein Generalstreik aller Arbeiterinnen und Arbeiter im Land sei deshalb unwahrscheinlich.

Lehrergewerkschaften und solche, die Pflegepersonal des Gesundheitssystems NHS vertreten, denken jedoch durchaus darüber nach, im Kampf um höhere Löhne ebenfalls in den Streik zu treten. Insbesondere für Letztere sei es jedoch deutlich schwieriger, da die Mitarbeiter dazu verpflichtet sind, eine Grundversorgung zu gewährleisten – ansonsten gilt der Streik als illegal. Aktuell werden ähnliche Bestimmungen auch für Mitarbeiter von Bahnbetrieben diskutiert. Wenn es so weit kommt, würden schließlich auch sie ihr stärkstes Druckmittel verlieren.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen