Flugausfälle, lange Schlangen

Steht uns ein chaotischer Reisesommer bevor?

Foto: Reisende warten in einem Terminal im Helmut-Schmidt-Airport in Hamburg. Die Gefahr von Warnstreiks am Hamburger Flughafen scheint gebannt.

Reisende warten in einem Terminal im Helmut-Schmidt-Airport in Hamburg (Symbolfoto).

Die Menschen in Deutschland haben ihre Reiselust wiederentdeckt: „In den vergangenen Monaten lagen die Buchungen im Wochenvergleich fast durchgängig über denen von 2019 – also vor Corona“, teilte der Deutsche Reiseverband (DRV) im Mai mit. Das Problem: Den hohen Zahlen an Reisenden steht weniger Personal gegenüber. Das führt seit Monaten in Stoßzeiten zu Chaos an den Flughäfen in Deutschland und dem Rest von Europa.

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Hunderte Meter lange Schlangen vor dem Check-in und der Sicherheitskontrolle sind zuletzt keine Seltenheit. Menschen mussten dicht an dicht gedrängt oft deutlich mehr als zwei Stunden warten. Nach der Landung war es kaum besser: In Hamburg, Düsseldorf, Hannover oder Köln warteten Reisende häufig bis zu gut zwei Stunden auf ihren Koffer. Vereinzelt erhielten Rückkehrer ihr Gepäck erst mehrere Tage später zurück.

Der Bund bekommt die Probleme mit den Sicherheitskontrollen am Flughafen Hannover-Langenhagen nicht in den Griff. Dieses Bild entstand um 24. Mai 2022. Die Maschine nach Heraklion sollte um 5.45 Uhr abheben, aber um 6 Uhr warteten die Insassen noch auf etwa 15 fehlende Passagiere

Der Bund bekommt die Probleme mit den Sicherheitskontrollen am Flughafen Hannover-Langenhagen nicht in den Griff. Dieses Bild entstand um 24. Mai 2022. Die Maschine nach Heraklion sollte um 5.45 Uhr abheben, aber um 6 Uhr warteten die Insassen noch auf etwa 15 fehlende Passagiere.

Airlines streichen Flüge im Sommer

In Deutschland haben etliche Airlines den Flugplan im Sommer ausgedünnt. Lufthansa streicht im Juli 900 Flüge, Tochter Eurowings nimmt ebenfalls Hunderte Verbindungen aus dem Programm. Man habe zahlreiche Maßnahmen umgesetzt, um die größtmögliche Stabilität des Flugplans sicherzustellen, betonte Lufthansa. „Es ist allerdings absehbar, dass aufgrund der Engpässe die Flugpläne nicht wie erhofft geflogen werden können.“ Fluggäste würden bei Streichungen umgehend informiert und möglichst auf andere Flüge umgebucht.

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Auch Easyjet streicht Flüge – alleine zum und vom Flughafen BER sollen täglich rund zwölf Flüge wegfallen, teilte die Airline auf Nachfrage der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ mit – und zwar während der Hauptreisezeit vom 1. Juni bis zum 31. August.

An anderen europäischen Zielen sieht es nicht besser aus, im Gegenteil: Für viele Briten begannen die Frühjahrsferien Anfang Juni mit einer Menge Flughafenfrust – British Airways streicht täglich Flüge. Und auch in Amsterdam-Schiphol in den Niederlanden mussten Reisende zuletzt bis zu drei Stunden vor der Sicherheitskontrolle ausharren. An Flughäfen im ganzen Land warten Passagiere auf verspätete Abflüge, etliche Flüge wurden gestrichen. Die niederländische Airline KLM stellte über das Himmelfahrtswochenende sogar den Ticketverkauf ein.

Was ist da los?

20 Prozent Personal fehlen

Grund für die Probleme ist der Personalmangel. „Über alle Standorte hinweg fehlen den Dienstleistern, die an der Abfertigung der Passagiere beteiligt sind, rund 20 Prozent Bodenpersonal im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit. Das kann vor allem beim Check-in, beim Beladen der Koffer und in der Luftsicherheitskontrolle zu Engpässen in Spitzenzeiten führen“, sagt Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV).

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Neben Warteschlangen an Check-in und bei der Sicherheitskontrolle könnte der Mangel an Arbeitskräften in den Bodenverkehrsdienstleistungen dazu führen, dass Reisende nach der Landung länger auf ihre Koffer warten als gewöhnlich.

Man mildere die angespannte Personalsituation für die Reisenden ab, wo es eben ginge, so Beisel. „An Brennpunkten setzen viele Flughäfen zusätzliche Mitarbeiter ein, zum Beispiel sogenannte Floorwalker. Sie dienen als Ansprechpartner für die wartenden Reisenden etwa vor dem Check-in. Sie weisen die Passagiere darauf hin, welche Dokumente sie griffbereit halten müssen. Das spart bei der Aufgabe der Koffer Zeit.“

Steht uns ein chaotischer Reisesommer bevor?

Bis zum Beginn der Sommerferien wird kein ausreichend neues Personal mehr rekrutiert werden können, heißt es aus Expertenkreisen. „Wir rechnen damit, dass diese Situation über den gesamten Sommer bis in den Herbst anhalten wird, da es praktisch schwierig bis unmöglich ist, in allen betroffenen Bereichen kurzfristig das benötige Personal aufzubauen“, sagt Karolina Wojtal vom Europäischen Verbraucherzentrum Deutschland.

Der Arbeitsmarkt in Ballungszentren ist nahezu leergefegt. Außerdem benötigen Beschäftigte in der Branche Qualifikationsanforderungen wie Zuverlässigkeits- und aufwändige Sicherheitsüberprüfungen, die sechs bis acht Wochen in Anspruch nehmen.

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Drohen noch mehr Flugausfälle?

Angesichts Tausender gestrichener Flüge dürfte bei dem einen oder der anderen Reisenden die Sorge groß sein, dass es auch die eigene Verbindung in den Urlaub noch treffen kann. Der Deutsche Reiseverband (DRV), der Veranstalter und Reisebüros vertritt, gibt hier aber etwas Entwarnung: „Dass gut gebuchte Strecken zu den Pauschalreise-Zielen rund ums Mittelmeer oder zu ferneren Zielen in größerem Umfang gestrichen werden, ist eher unwahrscheinlich.“ das gelte insbesondere für Flüge, die von den Reiseveranstaltern lange im Vorfeld eingekauft worden sind.

Was können Passagiere tun?

Trotzdem: Flugreisende müssen sich an den Flughäfen auf lange Wartezeiten einstellen. Sie sollten daher informiert bleiben, wie es um den Status ihres Fluges bestellt ist, und rechtzeitig am Airport sein. Und zwar mehr als die sonst typischen zwei Stunden, so eine Expertin: „Generell sollten sich Reisende aktuell noch früher am Flughafen einfinden als sonst - mindestens zweieinhalb bis drei Stunden vor Abflug“, empfiehlt die Leiterin für Sicherheits- und Krisenmanagement beim Reisekonzern DER Touristik, Melanie Gerhardt.

Auch diese Tipps helfen allen Beteiligten für einen reibungslosen Ablauf:

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  • Möglichst wenig Handgepäck mitnehmen, das beschleunigt den Prozess bei der Sicherheitskontrolle.
  • Vorab über die Einreisebedingungen informieren: Viele Länder verlangen ein Einreiseformular oder einen negativen Covid-Test. Oft müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Airline schon vor Flugantritt überprüfen, ob die notwendigen Dokumente vorhanden sind.
  • Vorab online einchecken und Gepäck dann am Flughafen über die Self-Check-in-Automaten abgeben.
  • Koffer am Vorabend einchecken: Das bietet sich bei einem frühen Flug an, um etwaige Warteschlangen am Reisetag zu vermeiden. Diesen Service gibt es nicht bei jeder Airline, ein Anruf bei der jeweiligen Kundenhotline klärt auf.
  • Einige Flughäfen bieten über Symbole auf den Monitoren einen schnellen Überblick, wie stark der Andrang an den jeweiligen Sicherheitskontrollen aktuell ausfällt. Reisende können so leicht erkennen, an welcher Kontrolle sie die kürzeste Wartezeit haben.

Wichtig ist auch: Sind Reisende rechtzeitig am Flughafen und drohen, wegen langer Warteschlangen dennoch den Flug zu verpassen, sei es wichtig, den Zeitablauf zu dokumentieren, sagte der Reiserechtsanwalt Paul Degott dem RND. So sollte man Fotos von einigen Situationen machen - etwa von der rechtzeitigen Ankunft am Flughafen, der Schlange im Terminal, der Zahl der geöffneten Schalter.

Ein Anspruch gegen die Airline, den Reiseveranstalter oder den Flughafenbetreiber bestehe nur, wenn sich der Fluggast rechtzeitig vor dem Abflug am Flughafen eingefunden hat.

Welche Rechte haben Passagiere bei gestrichenen Flügen?

Wenn eine Airline einen Flug streicht, haben Reisende je nach dem Zeitpunkt Anspruch auf Erstattungen und gegebenenfalls Schadenersatz. Dafür gibt es die EU-Fluggastrechteverordnung. Sie ist für alle Flüge anwendbar, die innerhalb der Europäischen Union starten. Für Flüge, die in der EU landen, gilt sie nur dann, wenn die Airline ihren Sitz in einem der EU-Mitgliedsstaaten hat.

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Laut Fluggastrechteverordnung haben Reisende in so einem Fall ein Wahlrecht zwischen der vollständigen Erstattung des Ticketpreises und einer Umbuchung durch die Airline. „Sie haben also Anspruch auf eine Umbuchung“, so Verbraucherschützerin Wojtal. „Nur in der Praxis klappt das nicht immer.“

Was man beachten sollte: In der Regel buche die Airline den Fluggast um, so Wojtal. Ansonsten sollte man sich auf jeden Fall das Einverständnis für die eigenständige Alternativbuchung von der Airline holen, damit es bei der Erstattung keine Probleme gibt.

Bei einem annullierten Flug im Rahmen einer Pauschalreise kommen laut Verbraucherschützerin Wojtal Ansprüche gegenüber dem Reiseveranstalter in Betracht - auf Minderung des Reisepreises oder sogar Schadenersatz wegen nutzlos aufgewendeter Urlaubszeit.

mit dpa

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