RND-Interview

Tote-Hosen-Sänger Campino: „Soundtrack zu einer gesunden Rebellion“

Die Toten Hosen um Sänger Campino werden 40 Jahre alt.

Die Toten Hosen um Sänger Campino werden 40 Jahre alt.

Campino, das Thema Krieg ist seit Monaten allgegenwärtig. Jeden Tag schreckliche Nachrichten aus der Ukraine auf allen Kanälen. Können Sie sich über Liverpool-Siege trotzdem freuen?

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Campino: Ja, auf jeden Fall. Ich finde, dass wir nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht haben, für uns selbst immer wieder auch Glücksmomente zu finden – trotz der schwierigen Situation. Momente der Sorglosigkeit, in denen man Abstand nimmt, sich befreit und sich vielleicht über ein Tor freut. Außerdem sind wir alle aufgerufen, alles zu tun, was wir tun können, um die Ukraine zu unterstützen. Mit den Hosen haben wir beispielsweise ein Solidaritäts-T-Shirt produziert und verkauft. Das Geld geht an die UN-Flüchtlingshilfe. Die aktuelle Situation macht mich zwar betroffen, aber ich kann vieles daran nicht ändern. So kann ich beispielsweise nicht selbst in die Ukraine fahren, um dort irgendetwas zu regeln. Ich glaube, dass ich keine Gewissensbisse haben muss, nur weil ich mir zwischendurch erlaube, Freude am Leben zu empfinden. Es geht nicht um ein Ignorieren, sondern um ein Trotzdem und manchmal auch um ein Dagegenhalten: Es gibt auch noch gute Dinge, und die will ich mir vergegenwärtigen.

Bono und The Edge von U2 haben kürzlich in einer Kiewer U-Bahn-Station unter anderem Ben E. Kings „Stand By Me“ gesungen. Zusammen mit Soldaten. Wie finden Sie das?

U2 ist eine internationale Band, die sicherlich auch in der Ukraine und in Russland eine Bedeutung hat. Dieser Auftritt mitten im Chaos geht über eine Geste hinaus, es ist ein Zeichen, das auch gehört und verstanden wird. So versucht jeder, sich einzubringen.

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Campino: Frontsänger, Autor, Fußballfan

„Solange Johnny Thunders lebt, solange bleib ich ein Punk, solange es was zu trinken gibt, dauern alle unsere Feste an, solange ich noch zwei Freunde find, werden wir durch die Straßen ziehen, solang die Wellenreiter lästern, weiß ich, dass es nichts Besseres gibt. Ich bin noch keine 60, und ich bin auch nicht nah dran, und erst dann werde ich erzählen, was früher einmal war“, singt Campino in dem Toten-Hosen-Hit „Wort zum Sonntag“ von 1986. Inzwischen ist er doch nah dran: Andreas Frege, wie Campino wirklich heißt, wird am 22. Juni 60 Jahre alt. Deshalb hat die Düsseldorfer Band den Liedtext aktualisiert, aus 60 ist 70 geworden. Campino, das weiß man, ist leidenschaftlicher Fan des FC Liverpool. Häufig reist er zu Heimspielen ins Stadion an der Anfield Road. Über diese Liebe zum englischen Fußball und zu England im Allgemeinen hat er ein Buch geschrieben: „Hope Street“. Darin erzählt er auch seine Familiengeschichte. Man erfährt, wie ihn sein Vater Joachim, der Richter und Oberstleutnant der Reserve war, und seine Mutter Jennie, eine gebürtige Engländerin, geprägt haben. Seit 2019 ist Campino selbst britischer Staatsbürger. Zum 40-jährigen Bestehen der Toten Hosen erscheint am 27. Mai die Werkschau „Alles aus Liebe: 40 Jahre Die Toten Hosen“.

Sie waren acht Monate bei der Bundeswehr, haben dann den Kriegsdienst verweigert und Ihren Zivildienst in einem psychiatrischen Krankenhaus abgeleistet. Sie sagten in einem Interview, dass Sie heute wahrscheinlich nicht wieder verweigern würden. Wirklich?

Ja. Ich glaube, dass wir alle verleitet waren, über viele Jahrzehnte zu denken, dass Kriege in Europa in dieser Form nicht mehr stattfinden werden – und das trotz der Jugoslawien-Kriege. Wir meinten dennoch, wir könnten Konflikte durch Verhandlungen lösen. Und im Hintergrund der große Bruder USA, der eine Sicherheitsgarantie bietet. Doch das tut er nicht, musste Europa schmerzlich erfahren, als Trump US-Präsident war. Das sollte uns eine Lehre sein. Europa muss eine eigene Souveränität bekommen. Für den Fall, dass irgendjemand durchknallt und eigene Wege beschreiten will, müssen wir leider Gottes fähig sein, uns selbst zu verteidigen. Es schmerzt unglaublich, sich vorzustellen, wie viele Gelder jetzt wieder in die Aufrüstung gehen werden, in der Hoffnung, dass man diese Waffen nie benutzen wird. Wir könnten eigentlich jeden Penny für den Kampf gegen den Klimawandel gebrauchen. Das ist einfach niederschmetternd.

Wir erleben eine Rückkehr zum „Gleichgewicht des Schreckens“, wie es im Kalten Krieg hieß.

Ich will meine optimistische Grundhaltung trotzdem nicht verlieren und hoffe, dass sich die Zeiten wieder zum Besseren ändern werden und wir da irgendwie durchkommen. Aber die Frage, wie wir unsere europäischen Werte gegen die Autoritäten in der Welt verteidigen wollen, ist neu gestellt. Ich finde es in Ordnung, seine Sichtweise dazu zu ändern. Es ist meines Erachtens falsch, auf alten Positionen zu beharren, wenn die Umstände sich so dermaßen geändert haben.

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Auch der ehemalige Kriegsdienstverweigerer Wolfgang Niedecken ist vom Pazifisten zum Realisten geworden und hat neulich eine funktionstüchtige Bundeswehr gefordert. Lagen wir damals, in den Achtzigerjahren, falsch?

Nein, ich finde nicht, dass wir unsere früheren Entscheidungen nun, im Nachhinein, infrage stellen sollten. Zur damaligen Zeit waren sie genau richtig. Auf eine komische, tragische Art und Weise kommt mir gerade dauernd mein Vater in den Sinn, der Soldat war vom ersten bis zum letzten Tag des Zweiten Weltkriegs und in Stalingrad gekämpft hat. Wie durch ein Wunder ist er trotz eines Kopfschusses dort rausgekommen, mit einem der letzten Flieger. Mein Vater war einer der Ersten, der sich für die Neugründung der Bundeswehr zur Verfügung stellte mit dem Credo „Ein Unglück wie ein Regime der Nazis darf nie wieder geschehen! Dafür brauchen wir eine freie, demokratisch orientierte Verteidigungsmöglichkeit“. Heute kann ich seine Meinung ein Stück weit nachvollziehen. Eine Armee von freien Bürgern nach dem Prinzip der Wehrpflicht. Als Jugendlicher habe ich solche Gedanken verurteilt und gedacht: Wie verbohrt muss man sein, den Krieg erlebt zu haben und dann immer noch zu den Waffen rufen zu wollen. Heute stehe ich da und begreife zum ersten Mal, wie mein Vater das damals gemeint hat, was für Ängste er hatte und was eigentlich seine Intention war. Dass es nicht unbedingt ein Widerspruch für einen ehemaligen Soldaten des Zweiten Weltkrieges war zu sagen: Wir gründen eine neue Armee, eine Bundeswehr, neu und anders ausgerichtet, als eine Institution, die hilft, die freie Welt zu verteidigen. Wie gesagt: Das habe ich nicht nachvollziehen können. Heute denke ich, man muss wenigstens über die Möglichkeit einer Bundeswehr nachdenken können. Mein Vater war sehr, sehr enttäuscht, dass ich verweigert habe.

Viele Väter fanden das damals nicht gut.

Na ja, es stellte sich für uns Jugendliche die Frage: Verrate ich mein Leben oder das meiner Eltern? Also haben wir gesagt: zur Not lieber das unserer Eltern. Das war auch richtig so. Heute sind die Parameter anders.

Wenn sich die ganze Welt ändert, man selbst aber starr bleibt, ist man entweder aus Stein oder hat irgendwelche Probleme.

Campino

„Am Anfang war der Lärm“ heißt die Bandbiografie, die zum 30-jährigen Bestehen erschien. Hat sich Ihr Lärm in all den Jahren verändert?

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Gott sei Dank hat er das! Ich glaube, wenn sich die ganze Welt ändert, man selbst aber starr bleibt, ist man entweder aus Stein oder hat irgendwelche Probleme. Das Leben ist in ständiger Bewegung. Wir alle legen einen Weg zurück. Als junger Mensch will man weg von zu Hause, um die Welt und sich selbst kennenzulernen. Applaus von außen ist einem wichtig. Irgendwann muss man diese Phase durchschritten haben, mehr zu sich finden und diese Anerkennung aus sich selbst schöpfen. Es darf dir dann gar nicht mehr so viel ausmachen, was andere dazu sagen, ob dein Weg der richtige ist oder nicht. Noch ein Stück weiter fällt einem irgendwann auf, dass die Eltern gar nicht immer Unrecht hatten oder dass man manche Dinge mittlerweile genauso sieht wie sie. Man betrachtet sie aus einem anderen Blickwinkel und kann das Ganze in Relation setzen. Das ist für mich ein schönes, friedliches Bild, wie ein Leben verlaufen sollte. Und darin sehe ich nichts Schlimmes. Also, der Lärm ist immer noch da. Doch er wird nicht mehr von uns fabriziert, und schon gar nicht in dieser idiotischen Lautstärke, wie etwa diese Schreierei im Internet. Als Band haben wir die stilleren Töne kennen- und lieben gelernt und haben inzwischen kapiert, wie es geht, einen Abend abwechslungsreich zu gestalten. Wir empfinden es als große Freude, zwischen laut und leise, wild und melancholisch zu wechseln. Über die Entdeckung dieser Bandbreite bin ich sehr, sehr glücklich. Ich wollte nie wieder zurück zu dieser schmalen Spur der Opel-Gang, wo es nur Zwei-Minuten-Songs gab, die zu 90 Prozent deckungsgleich waren. Das wäre heutzutage zu wenig für mich.

In Interviews bezeichnen Sie den jungen Frege manchmal als „Flegel“. Dieser Flegel hat eigentlich nicht gegen etwas rebelliert, sondern für das jugendliche Recht, den eigenen Sound und die eigene Stimme zu suchen, oder?

Ich bin schon oft gefragt worden: Worum ging es dir denn am Anfang von Punk? Aufbegehren gegen die Eltern? Also, ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, Freude empfunden zu haben darüber, dass meine Eltern die Musik nicht mochten. Natürlich: Sie mochten sie nicht. Aber davon habe ich mich nicht abbringen lassen. Ich habe mich auch nicht bewusst gegen meine Eltern aufgelehnt, bin aber auch keinem Konflikt aus dem Weg gegangen. Beim Thema Bundeswehr kam es zum ersten existenziellen Kampf mit meinem Vater. Es war das erste Mal, dass ich aus tiefster Überzeugung gesagt habe: Hier beginnt mein Leben. Tut mir leid, eure Vorstellung davon, wie ich werden soll, kann ich nicht bedienen.

In Ihrer Autobiografie „Hope Street“ schreiben Sie „Punk war da, wo wir waren, und nicht umgekehrt“. Was meinen Sie damit?

Dass man sich nicht immer fragen sollte: Gehört sich das jetzt für einen Punk? Darf man das machen? Ist das noch Punk oder nicht? Bewegen wir uns da konform mit dem, was man sich unter Punk vorstellt? Im Grunde ist es mir auch egal, was andere darüber denken, denn die allererste Regel lautet: Mach, was dir gefällt. Hör auf, Leute zu bewundern. Sei selbst aktiv und leg los. Es geht nicht darum, ob man wirklich was kann, sondern einfach nur darum, dass du Lebensfreude zelebrierst.

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Haben die anfangs besonders bunt gekleideten Toten Hosen dazu beigetragen, Deutschland ein bisschen bunter zu machen?

Unsere Tour 1987 hieß „Bunter Abend für eine schwarze Republik“ – das passt da genau rein. Wir werden unseren Beitrag geleistet haben. Hoffentlich waren wir für viele Jugendliche der Soundtrack zu einer gesunden Rebellion. Aber dieses Land wurde ja auf viele Weisen geschüttelt und durchmischt. Viele Menschen aus aller Welt sind in dieser Zeit nach Deutschland gezogen und hiergeblieben. Das tut uns als Gesellschaft gut. Im Deutschland der Achtzigerjahre war vieles enger und muffiger als heutzutage. Es ist nicht alles schlechter geworden. Und ja, auch die Wirkung von Punk ist viel tiefgehender, als man das auf den ersten Blick sieht. Tarantino-Filme zum Beispiel, der schwarze Humor, die Ästhetik, die schnellen, schockmäßigen Schnitte, das alles ist eine Konsequenz von kompromisslosem Punkrock. Und wenn ich dann heutzutage ein Wahlplakat der FDP sehe, die dasselbe Gelb und dasselbe Pink benutzen wie die Sex Pistols auf der „Never Mind The Bollocks“-Platte … da kommen mir düstere Gedanken.

Diese letzte Umarmung war ein Abschied. Vielleicht wussten wir es beide nicht, aber es war gut. Und so habe ich ihn das letzte Mal an der Haustür stehen sehen. In seinem Schlafanzug.

Campino über den Tod seines Vaters

„Wir sind nicht mehr hier, um zu spalten. Das waren wir mal, das wollten wir. Aber heute wollen wir verbinden“, haben Sie in einem früheren Interview gesagt. Ist das heute das Ziel der Toten Hosen?

Ja, damit fühle ich mich einfach wohler. Ich hätte gar keinen Spaß mehr daran, zu spalten oder mich selbst zum Außenseiter zu erklären. Vielleicht bin ich das durch manche Meinungen automatisch. Es ist eine Riesenfreude zu wissen, dass Eltern mit ihren Kindern zu unseren Konzerten kommen. Auch wenn sie sich sonst nicht viel zu sagen haben, dort haben sie einen guten Abend, dies ist ein Moment, in dem sie sich auf etwas einigen können. Von solchen familiären Erlebnissen berichten uns Fans manchmal in Briefen. Ich finde das sehr schön. Dafür bin ich dankbar.

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Unter den 43 Songs gibt es zwei Lieder, die besonders leuchten: „Nur zu Besuch“ über Ihre Mutter, die 2000 starb, und „Draußen vor der Tür“ über die Beziehung zu Ihrem Vater, der 1997 starb. Darin singen Sie „Ich wollte nie so sein wie du und wie du denkst. Heut merk ich immer wieder, wie ähnlich ich dir bin“. Vor welcher Tür haben Sie Ihren Vater das letzte Mal gesehen?

Es war eine Verabschiedungsszene. Meinem Vater ging es nicht gut. Meine Mutter war bei Freunden. Er war allein zu Hause und hatte eine Art Grippe, aber der Hausarzt versicherte: Er wird wieder gesund. An diesem Tag hat er mich sehr lange und innig umarmt. Intuitiv. Wir hatten so eine Umarmung lange Zeit nicht mehr. Ich habe sie nicht nur über mich ergehen lassen, sondern es fühlte sich in diesem Moment einfach richtig an. Dann bin ich gefahren und einen Tag später ist er gestorben. Meine Mutter rief mich an und bat mich zu kommen. Sie sagte: „Er liegt im Schlafzimmer und bewegt sich nicht mehr, und ich glaube, er ist nicht mehr da.“ Und so war es dann auch. Ich glaube bei so etwas nicht an Zufälle. Diese letzte Umarmung war ein Abschied. Vielleicht wussten wir es beide nicht, aber es war gut. Und so habe ich ihn das letzte Mal an der Haustür stehen sehen. In seinem Schlafanzug.

In „Hope Street“ schreiben Sie: „Zu den wichtigsten Dingen in meinem Leben gehört, dass ich mit meinen Eltern im Reinen war, als sie starben. Ich war in der Nähe, sie gingen in Frieden. Bei beiden habe ich im Moment des Todes gedacht: Es ist alles in Ordnung so, und alles ist gesagt. Doch in diesem Punkt habe ich mich getäuscht. Das wird mir von Jahr zu Jahr klarer. Es war nicht alles gesagt, bei Weitem nicht. Wie gern würde ich meinen Eltern heute noch Fragen stellen.“ Welche?

Ich finde es schön, dass man mit den Eltern und anderen Menschen, die einem lieb waren, wenn sie verstorben sind, auf eine gewisse Art in Kontakt bleibt. Dass man sich die Fragen stellt: Wie würden sie das finden, was ich hier mache? Was würden sie dazu sagen? Was für einen Rat würden sie mir geben? Ich bin selbst Vater. Als ich meinen Sohn während einer Auseinandersetzung angebrüllt hatte, hätte ich meinen Vater gern gefragt: „Wie war es bei dir? Wie bist du mit solchen Situationen umgegangen, wie hast du dich dabei gefühlt?“ Einerseits ist es ein Stück weit ein Trost, sich vorzustellen, was die Eltern antworten würden. Andererseits erkennt man, dass man die gemeinsame Zeit nie so richtig würdigt, bevor es zu spät ist. Aber auch das gehört zum Leben. Unsere Eltern wiederum werden dasselbe durchgemacht haben mit ihren Eltern. Das ist einfach der Gang der Dinge. Im Laufe der Jahre immer mehr Verständnis füreinander bekommen, sich gegenseitig erklären können und sich vor allem verzeihen, das ist etwas unheimlich Friedliches und Schönes in unserem Leben.

Die Eltern der Nachkriegsphase waren Autoritäten. Es herrschte hier und da eine gewisse Strenge, eine gewisse Härte.

Campino

Mein Vater hat wie viele Väter dieser Generation über diese Dinge leider nicht geredet. Ich stelle mir jetzt vor, wie er gelitten haben muss, als seine Eltern starben.

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Auch da dürfen wir uns trösten, dass sich die Art und Weise, wie die unterschiedlichen Generationen miteinander sprechen, im Wandel der Zeit ändert. Die Eltern der Nachkriegsphase waren Autoritäten. Es herrschte hier und da eine gewisse Strenge, eine gewisse Härte. Es wurde nicht viel erklärt, sondern einfach gesagt: Dafür bist du nicht alt genug, du bleibst hier, es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Es wurden lediglich Ge- und Verbote ausgesprochen, und es gab keine Gespräche auf Augenhöhe. Im Endeffekt war das auch gut so, denn wenn Eltern ihren Kindern von ihren Sorgen erzählen, fehlt schnell die nötige Distanz. Es ist meiner Meinung nach nicht richtig, wenn ein Vater zu seinem Jungen sagt: „Ich habe Angst, meinen Arbeitsplatz zu verlieren, das ist alles fürchterlich.“ Er überträgt damit seine eigenen Sorgen und Nöte auf das Kind. Das muss ja zu jemandem aufschauen können und wäre mit den vielen Problemen der Erwachsenenwelt schnell überfordert. Der Streit der Eltern, eine Scheidung, Existenzängste – all das kann ja auch total traumatisch verlaufen. Ich bin da eher konservativ und denke, unsere Kinder sind nicht unsere Kumpel. Man möchte, dass sie einem nah und vertraut sind, aber wir können nicht miteinander auf Augenhöhe sein, zumindest nicht bis zu der Zeit, in der sie selbst erwachsen sind, gereifte Persönlichkeiten. Kinder haben ihre eigenen Probleme. Wenn sie sich dann auch noch mit den Schwächen der Eltern auseinandersetzen müssten, fände ich das zu viel.

Ihr Vater war Richter. Er mochte Ihre Musik nicht. Wie konnten Sie ihn davon überzeugen, dass das Leben eines Musikers genau richtig ist für Sie?

Er hätte nie eingefordert, dass ich in seine Fußstapfen trete. Glücklicherweise ist mein drei Jahre älterer Bruder Michael in seine Richtung gegangen und hat Jura studiert. Der hat das abgedeckt. Mein Vater war lediglich um mich und meine Zukunft besorgt, sodass er dachte, was der Junge da macht, das führt in die falsche Richtung. Er sagte mehr als einmal: „Bitte mach doch dein Studium wenigstens fertig, dann kannst du Lehrer werden oder was auch immer.“ Was, war ihm letztlich egal. Doch die ordentliche Ausbildung, das Studium, daran hat er immer festgehalten, selbst als unsere Konzerte schon groß und erfolgreich waren. „Junge, wann willst du denn endlich anfangen zu studieren?“ Das kam dann immer noch, und das ist in Ordnung so. Ich finde, auch Eltern können und dürfen Fehler machen. Wenn man für sich selbst erkennen kann: Sie waren so, wie sie waren, aus Sorge um uns, haben uns über alles geliebt und kein Kind bevorzugt, dann ist das alles kein Problem mehr. Ich konnte sie deshalb am Ende ihres Lebens mit einer gewissen inneren Ruhe begleiten.

Wie war das bei Ihrer Mutter?

Ich hatte das Glück, in dem Moment meiner Mutter die Hand zu halten, als sie ihren letzten Atemzug machte. Dafür bin ich unheimlich dankbar. Zu sehen, dass der Übergang vom Leben in den Tod etwas Friedliches, sehr Sanftes sein kann, nicht gequält, dass es einfach nur einen Ausatmer gibt. Und das war es dann auch schon. Nachmittags hatte sie noch mit uns allen geredet. Die Geschichte ist gut zu Ende gegangen. Alles in allem. Am Tag, an dem mein Vater starb, konnte ich sofort zu meiner Mutter fahren, nachdem sie mich angerufen hatte, war eine halbe Stunde später da. Das war ein Trost. Ich glaube, wenn man in solchen Momenten am anderen Ende der Welt wäre, oder man hätte gerade einen Streit gehabt oder die Eltern sterben unvermittelt und man konnte vielleicht nie Entschuldigung sagen oder „Ist doch alles nicht so schlimm“ – das sind Momente, die bleiben dann in einem stecken und tun lange weh.

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Danke, dass Sie mir diese persönlichen Fragen so offen beantworten.

Kein Problem. Ich denke, wir machen diese existenziellen Themen alle auf gleiche Weise durch. Mal glücklicher, mal unglücklicher. Ich finde nicht, dass ich die Geschichte meiner Eltern dadurch verrate, dass ich sie mit Ihnen teile. Das sind einfach Momente im Leben, in denen sich bestimmt viele wiedererkennen.

Für mich wurde das Leben mit den Toten Hosen immer dann spannend, wenn es über die Musik hinausging. Sie war für uns immer Mittel zum Zweck.

Campino

Letztlich geht es ja nicht nur um den Song an sich, sondern darum, wie jemand das Leben meistert

Für mich gilt auch, dass ich eigentlich viel lieber über andere Dinge rede als über die Musik. Auch ein Maler will nicht unbedingt sein Bild erklären. In einem normalen, alltäglichen Gespräch ergeben sich ganz andere Dinge, aus denen man schließen kann, warum er seine Kunst macht.

In diesem Gespräch spielt die Musik auch eine eher untergeordnete Rolle.

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Für mich wurde das Leben mit den Toten Hosen immer dann spannend, wenn es über die Musik hinausging. Sie war für uns immer Mittel zum Zweck. Wenn wir in andere Länder gefahren sind, konnten wir den Menschen etwas mitbringen. Wir hatten ein Gastgeschenk und sagten: „Wir sind aus Düsseldorf, und wir haben euch Musik mitgebracht.“ Das konnten sie dann eher gut oder eher schlecht finden. Aber es ist eine völlig andere Art, ein Land zu bereisen, indem man etwas von sich selbst preisgibt. Normale Touristen machen das eher nicht. So sind wir immer wieder an Leute geraten, die uns dann ihre Welt gezeigt haben. Häufig waren wir in kürzester Zeit mit den Untergrundbewegungen vor Ort verbunden, sei es mit der Punkszene in China, Myanmar oder Tadschikistan. Und in Argentinien haben sich die Leute in uns verliebt und wir uns in sie. Wir waren inzwischen auf vielen Tourneen dort. Und siehe da: Die Fans sind fast noch intensiver als hier.

„Manchmal, wenn es sein muss, fahren wir bis nach Buenos Aires“, singen Sie in dem neuen Song „112″. Ihr Erfolg in Argentinien als deutschsprachige Band ist ziemlich kurios. Wie kommt das eigentlich?

Das ist eine verrückte Geschichte und aufgrund meiner Herkunft wäre ich überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass ich irgendwann mal so eine Liebe für dieses Land entwickeln würde. Als überzeugte Britin zeigte meine Mutter Argentinien gegenüber überhaupt keine Zuneigung – spätestens seit dem Falkland-Krieg. Ich weiß noch, dass sie aus Versehen argentinisches Fleisch gekauft hatte. Sie hat das dann weggeworfen. Wir sollten es nicht essen. Als Fan des englischen Fußballs hatte ich zudem auch noch meine eigenen Vorurteile: Diego Maradona, die Hand Gottes – ich war schwer genervt.

Und trotzdem sind Sie hingefahren.

Ein deutscher Tote-Hosen-Fan, der nach Buenos Aires ausgewandert war, schickte uns einen Brief. „Ihr werdet es kaum glauben“, schrieb er. „Auch hier gibt es eine Punkszene, und ich bin angesprochen worden, ob ich euch kenne und ob ihr nicht Lust hättet, mal in Argentinien aufzutreten.“ Wir antworteten: „Ja, ja, wir kommen. Schick uns nur die Flugtickets.“ Und wir dachten, wir hören nie wieder von ihm. Aber tatsächlich: Ein paar Wochen später waren die Tickets in der Post. Und dann sind wir halt hingeflogen.

Und Ihre Vorbehalte?

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Vom ersten Moment an war es einfach nur liebenswert. Was für tolle Leute! Ich habe mich so geschämt für all die Vorurteile, die ich hatte. Das war ein Schlüsselmoment, in dem ich mir sagte: Du wirst nie wieder über ein Land urteilen, bevor du nicht da warst. Das wirst du dir einfach verbieten bis ans Ende deiner Tage. Du musst hinkommen, die Leute spüren und dann entscheiden, was du gut findest und was nicht, aber keinesfalls vorher. Wir haben wirklich eine Liebe zum Land und zu den Leuten entwickelt, und die Argentinier haben uns ihrerseits ebenfalls in ihre Herzen geschlossen. Seit zehn Jahren sind wir sogar Ehrenbürger der Stadt Buenos Aires, so richtig mit Urkunde. Sie nehmen das also echt ernst.

Ganz offiziell?

Ganz offiziell! Es waren Repräsentanten der Stadt, die uns die Urkunden auf der Bühne überreichten. Wenn ich mich nicht täusche, sind wir auch die internationale Rockband mit den meisten Auftritten dort drüben.

Wir spielten in der Nachbarschaft häufig „Familienleben“, mit Märklin-Eisenbahn und Wiking-Autos. Die anderen Kinder wollten aber irgendwann nicht mehr, dass ich mitmache, weil ich am Ende jedes Nachmittags mit meinem Plastikauto auf dem Weg zur Hochzeit des Freundes immer noch gegen eine Mauer fahren musste.

Campino

Noch ein Zitat aus Ihrem Buch: „Ich habe in meinem Leben mehr als 500 Lieder geschrieben, darunter auch einige Liebeslieder. Soweit ich mich erinnern kann, hat keines davon ein Happy End.“ Wie kommt das?

Die Frage geht jetzt in Richtung Tiefenpsychologie. Was ist in der Kindheit schiefgelaufen? Es hat wohl tatsächlich schon damals als kleiner Junge angefangen. Wir spielten in der Nachbarschaft häufig „Familienleben“, mit Märklin-Eisenbahn und Wiking-Autos. Die anderen Kinder wollten aber irgendwann nicht mehr, dass ich mitmache, weil ich am Ende jedes Nachmittags mit meinem Plastikauto auf dem Weg zur Hochzeit des Freundes immer noch gegen eine Mauer fahren musste. Es sollte immer tragisch sein. Das habe ich nie abgelegt – aber ich arbeite daran. Ich finde, ein Liebeslied zu schreiben, das glücklich, aber nicht kitschig ist, ohne irgendeinen Schmerz in sich zu tragen, ist eine hohe Kunst. Mir ist das bisher noch nicht gelungen. Ein-, zweimal war ich nah dran, aber am Ende der Strophe rutschte es doch wieder ins Unglück. Ich glaube, sobald mir ein gutes, positives Liebeslied gelänge, wäre das ein Grund zu sagen: Jetzt ist Zeit aufzuhören, ich habe alles erreicht.

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Wenn man nicht die Angst hätte, jemanden zu verlieren, würde man wahrscheinlich auch gar nicht lieben.

Das gesamte gedankliche Farbspektrum darf vorhanden sein. Mit ein paar ganz wenigen Ausnahmen: Liebeslieder sind für mich auch „Freunde“ oder „Steh auf, wenn du am Boden bist“. Diese Songs haben keinen Unterton, der kritisch, melancholisch oder schmerzvoll wäre. Das sind Hymnen aufs Leben. Wenn wir uns darauf einigen, dass man dem Leben zugewandt Mut machen will, sind wir eine Band mit lauter Liebesliedern.

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