Duell um die globale Meinungshoheit

Selenskyjs Heldennarrativ droht die Abnutzung

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, in einer seiner typischen Posen: Die Ukraine bediene das Heldennarrativ, sagt der Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt, aber das berge auch Risiken.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, in einer seiner typischen Posen: Die Ukraine bediene das Heldennarrativ, sagt der Kulturwissenschaftler Fritz Breithaupt, aber das berge auch Risiken.

Daten, Fakten, Statistiken? In unserer politischen Meinungsbildung überzeugen sie uns weit weniger als Erzählungen, wissenschaftlich Narrationen genannt, sagt der Kulturwissenschaftler und Kognitionsforscher Fritz Breithaupt. In seinem Buch „Das narrative Gehirn“ (Suhrkamp-Verlag) beschreibt der Wissenschaftler, der an der Indiana University in Bloomington in den USA lehrt, uns Menschen nicht als rationale Wesen, sondern als „Homo narrans“, als unverbesserliche „In-Geschichten-Denker“.

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+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Jedes politische Ereignis wird in der Öffentlichkeit über eine Erzählung verzerrt: Greta Thunberg? Das kleine, schwedische Mädchen, das allein gegen die globale Riege der Klimakiller kämpft. Donald Trump? Der erfolgreiche Aufsteiger und Selfmade-Milliardär, der das korrupte US-Establishment herausfordert. Der Wahlsieg von Olaf Scholz? Der besonnene, hanseatisch-kühle Steuermann, dem man in unruhigen Zeiten das Steuer überlässt.

Natürlich haben solche Geschichten nur selten etwas mit der Wirklichkeit zu tun. „Kollektive Narrative, aber auch politische Narrative werden gebraucht, um die Leute zu mobilisieren oder um Krisen zu überwinden. Dafür versprechen sie eine emotionale Belohnung. Etwa, dass man auf der Seite der Helden steht“, so Breithaupt zum RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „In Geschichten können wir eintauchen und stehen dann mitten im Geschehen. Das ist ungemein packender als die Interpretation von Daten und Fakten.“

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Auch im Ukraine-Krieg treffen zwei Narrative aufeinander: Auf der einen Seite steht die um Freiheit und Unabhängigkeit kämpfende Ukraine mit ihrem mutigen Präsidenten, die dem übermächtigen Aggressor die Stirn bietet. Auf der anderen zeichnet Moskau das Bild einer gedemütigten ehemaligen Großmacht, die vom Westen eingekreist wird und die an der „Wiege ihrer Kultur“, in der Ukraine also, ein faschistisches Regime bekämpft.

Wenn wir westlichen Medien glauben, könnte wirklich der Eindruck entstehen, die Ukraine habe bereits gewonnen.

Fritz Breithaupt, Kulturwissenschaftler und Kognitionsforscher

„Wenn wir westlichen Medien glauben, könnte wirklich der Eindruck entstehen, die Ukraine habe bereits gewonnen“, sagt Breithaupt mit Blick auf die globale Öffentlichkeit. „Doch die russische Narration ist ebenfalls sehr erfolgreich, aber eben nicht bei uns, sondern bei ihrer Zielgruppe: den Menschen in Russland“, so der Kulturwissenschaftler.

Breithaupt weiter: „Das Zarenreich und die Sowjetunion verdichten sich zur Vision der Mutter Russland, die verletzt und verkleinert wurde von abtrünnigen Republiken und westlichen Feinden. Nun kommt einer, Putin, der mutige Held, der sich gegen den Niedergang aufbäumt und endlich etwas dagegen tut.“

Putin: Russland hat durch das Vorgehen in der Ukraine nichts verloren

Der russische Präsident betonte auf einem Wirtschaftstreffen in Wladiwostok, Russland werde seine Souveränität stärken.

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Putin bedient gleichzeitig unterschiedliche Narrative

Um einerseits der eigenen Bevölkerung den Krieg zu erklären, den er „Spezialoperation“ nennt, und um andererseits für Verständnis bei befreundeten Staaten zu werben, setzt Russlands Präsident auf komplett unterschiedliche Narrationen: Den Russen wird der Krieg in Anlehnung an den „Großen Vaterländischen Krieg“ als Kampf gegen den Faschismus verkauft.

Vor ausländischen Zuhörerinnen und Zuhörern, wie am Mittwoch auf dem siebten Östlichen Wirtschaftsforum in Wladiwostok, bettet Putin seinen Krieg in einen globalen Kampf gegen den Westen und dessen „aggressive Versuchen, anderen Ländern ein Verhaltensmodell aufzuzwingen, sie ihrer Souveränität zu berauben und sie dem eigenen Willen zu unterwerfen“, ein.

Dagegen sei das ukrainische Narrativ von Beginn an auf Triumph ausgerichtet gewesen. „Der sagenhafte Erfolg bei der Verteidigung von Kiew hat dieses Narrativ geschürt, der ungeheure Mut von Selenskyj hat ihn zum Helden aufgebaut. Das ist ein mitreißendes Narrativ“, so Breithaupt, für den die ukrainische „Heldensaga“ aber auch zwei dunkle Seiten birgt.

Die „ukrainische Heldensaga“ lässt keine Möglichkeit für Kompromisse zu. Ein Sieg ist sozusagen gesetzt.

Fritz Breithaupt, Kulturwissenschaftler und Kognitionsforscher

„Zunächst lässt sie keine Möglichkeit für Kompromisse zu. Ein Sieg ist sozusagen gesetzt. So ein Narrativ motiviert auch zu Handlungen, wie etwa der jetzigen Gegenoffensive. Sollte die Gegenoffensive aber steckenbleiben, könnte die Stimmung irgendwann kippen“. Dem „Helden von gestern“ droht dann eine gewisse „empathische Abnutzung“, „Mitgefühlsmüdigkeit“ nanntet die Publizistin Samira El Quassil das jüngst im Schweizer SRF Kultur.

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Die andere „dunkle Seite“ sieht Breithaupt darin, dass sich Selenskyj unentbehrlich gemacht hat: „Sollte er etwa Opfer eines Anschlags werden, kann niemand bisher diese Rolle füllen.“

Grundsätzlich hält Breithaupt Erzählungen für einen ganz wichtigen Bestandteil unseres Wesens: „Im narrativen Denken bleibt immer eine kreative, demokratische Kraft aktiv.“ Anderseits können sie uns verführen und auf Abwege bringen. Breithaupt: „Wir müssen lernen, mit ihnen umzugehen.“

Ikonischer Zweikampf: Musikalisch angetrieben vom Schleswig-Holstein Festival Orchestra kreuzen Luke Skywalker (links) und Darth Vader in der Kieler Ostseehalle glimmende Klingen.

Duell auf der Leinwand: Luke Skywalker (links) gegen Darth Vader. „Menschen lieben Parteinahme“, sagt Fritz Breithaupt, „und dazu gehört auch, dass man sich für die ‚falsche‘ Seite entscheiden kann. Das ist spannend.“

Auch dafür, dass es einen bestimmten Prozentsatz von Menschen gibt, der sich im Duell zwischen Licht und Schatten, zwischen Luke Skywalker und Darth Vader, zwischen Selenskyj und Putin, auf die dunkle Seite der Macht schlägt, hat Fritz Breithaupt eine Erklärung: „Menschen lieben Parteinahme. Sie ist einer der stärksten Auslöser für Empathie. Das Attraktive bei der Parteinahme ist immer, dass jeder und jede sich in der Entscheidung frei fühlt. Und dazu gehört auch, dass man sich für die ‚falsche‘ Seite entscheiden kann. Das ist spannend.“

Was allerdings auch Gefahren birgt. Breithaupt: „Wer einmal Partei ergreift, übernimmt auch die Wertungen der gewählten Partei und eben auch die Abwertungen der anderen Seite. Und das bleibt kleben.“

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