„Dieses ganze Land ist blutgetränkt“

Das ukrainische Dorf, das seine Toten wieder ausgräbt

Valentyna Nechyporenko (77) trauert am Grab ihres 47-jährigen Sohnes Ruslan während seiner Beerdigung auf dem Friedhof der ukrainischen Stadt Butscha. Ruslan wurde am 17. März von der russischen Armee getötet, als er in den Straßen von Butscha Lebensmittel an seine Nachbarn verteilte.

Valentyna Nechyporenko (77) trauert am Grab ihres 47-jährigen Sohnes Ruslan während seiner Beerdigung auf dem Friedhof der ukrainischen Stadt Butscha. Ruslan wurde am 17. März von der russischen Armee getötet, als er in den Straßen von Butscha Lebensmittel an seine Nachbarn verteilte.

Mykulytschi. An einer ruhigen, von Walnussbäumen gesäumten Straße liegt der Friedhof der kleinen Siedlung am Rande von Kiew. Vier Leichen werden dort gerade noch einmal aus der Erde herausgeholt. In den Wochen der russischen Besatzung hatten Einheimische die Toten nur notdürftig begraben – und das unter Lebensgefahr. Nun sollen die Opfer ihre letzte Ruhe finden. Es sind vier von insgesamt mehr als 900 in der Region.

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Bis vor etwa zwei Wochen stand Mykulytschi unter Kontrolle der russischen Streitkräfte, ähnlich wie viele Kleinstädte und Dörfer im Nordwesten der ukrainischen Hauptstadt. Die vier Männer seien alle in der gleichen Straße und alle am gleichen Tag getötet worden, sagt ein Anwohner, der die Holzkisten für ihre Leichen zur Verfügung gestellt hatte.

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Freiwillige versuchen es zunächst mit Schaufeln. Doch bald geben sie auf und warten auf einen Bagger. Dabei kehren sie in Gedanken noch einmal in die Zeit zurück, in der die Russen in Mykulytschi Angst und Schrecken verbreiteten. Nur im Geheimen konnten sie sich während dieses schrecklichen Monats um ihre Toten kümmern. Einer der freiwilligen Helfer wurde laut eigenen Angaben einmal von Soldaten beim Graben entdeckt. Die Russen hätten mit Waffen auf ihn gezielt und ihm befohlen, nicht nach oben zu schauen, sagt er.

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Kopfschuss ohne Erklärung

Als der Bagger die Kisten freigelegt hat, erscheint eine Frau. Sie weint. Es ist Ira Sleptschenko, die Witwe von einem der getöteten Männer. Kurz darauf kommt Walja Naumenko, die Frau von einem zweiten der Opfer, dazu. Sie schaut in das Loch mit den Kisten und umarmt dann Ira. „Brich nicht zusammen“, sagt sie zu ihr. „Ich brauche dich.“

Die beiden Paare hatten direkt nebeneinander gelebt. Am letzten Tag vor dem Rückzug der russischen Truppen klopften Soldaten an Waljas Tür. Ihr Mann, Pawlo Iwanjuk, machte auf. Die Russen führten ihn zur Garage und schossen ihm in den Kopf, offenbar ohne weitere Erklärung. Dann riefen die Soldaten: „Ist hier noch jemand?“

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Iras Mann, Sascha Nedoleschko, hatte den Schuss gehört. Aber er ging davon aus, dass die russischen Soldaten die Häuser durchsuchen würden, wenn sie keine Antwort bekämen. Also öffnete auch er seine Tür. Prompt wurde auch er erschossen.

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„Ich will, dass dieser Krieg so schnell wie möglich aufhört“

Die Holzkisten werden herausgehoben und aufgehebelt. Die sterblichen Überreste von Iwanjuk, Nedoleschko und zwei weiteren Männern aus Mykulytschi werden in Leichensäcke gepackt. Auf Decken in den Holzkisten sind dort, wo die Köpfe gelegen hatten, Blutflecken zu sehen. Bei den anderen beiden Toten handelte es sich um einen Lehrer sowie um einen Mann aus dem Ort, der alleine gelebt hatte. Während der Exhumierung sind keine Angehörigen von ihnen dabei.

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Ira schaut den Arbeiten aus einiger Entfernung zu. Als die anderen den Friedhof dann verlassen haben, steht sie an den leeren Holzkisten und raucht. „Dieses ganze Land ist blutgetränkt. Und es wird Jahre dauern, bis es sich erholt“, sagt sie.

Sie hatte gewusst, dass ihr Mann an dieser Stelle gelegen hatte. Bereits neun Tage nach dem provisorischen Begräbnis war sie hergekommen. Auf dem Friedhof stehen etliche Picknick-Tische, weil Angehörige nach örtlichem Brauch oft Zeit mit ihren Toten verbringen. Ira hatte Kaffee und Plätzchen mitgebracht. „Ich will, dass dieser Krieg so schnell wie möglich aufhört“, sagt sie.

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Nicht alle Russen sind gleich schlimm, sagt eine Überlebende

In einem Haus direkt neben dem Friedhof kocht die 66-jährige Walja Woronez in einem mit Holz gewärmten Raum gerade Kartoffeln aus eigenem Anbau. Am Fenster liegt noch eine Schale mit frisch geschnittenen Radieschen. Die Versorgung mit Wasser, Strom und Gas funktioniert noch immer nicht. Ein kleines Radio, das zunächst läuft, wird bald ausgestellt, weil die Nachrichten zu deprimierend sind.

Die Frau berichtet, wie ein russischer Soldat während der Besatzung angerannt gekommen sei und ihren Mann mit einer Waffe bedroht habe, weil dieser auf der Suche nach Handy-Empfang auf das eigene Dach gestiegen sei. „Willst du einen alten Mann töten?“, fragte ihn daraufhin der 65-jährige Myhailo Scherbakow.

Und wenn du nett zu ihnen bist, dann töten sie dich vielleicht nicht

Walja Woronez

Überlebende aus Mykulytschi

Nicht alle Russen seien gleich schlimm gewesen, sagt Woronez. Einmal habe sie gemeinsam mit einem der Soldaten geweint, der kaum 21 Jahre alt gewesen sei. „Du bist zu jung“, sagte sie zu ihm. Ein anderer Soldat habe ihr gesagt, sie würden eigentlich gar nicht kämpfen wollen.

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Woronez gab den jungen Russen Milch von ihrer einzigen Kuh. Und doch fürchtete sie sich vor ihnen allen. „Sie taten mir im Rahmen dieser Umstände leid“, sagt sie. „Und wenn du nett zu ihnen bist, dann töten sie dich vielleicht nicht.“

RND/AP

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