Getreide kommt aus Russland und Ukraine

Weizen 45 Prozent teurer: Krieg in Ukraine verschärft Hunger in Afrika

Mogadischu in Somalia: Ein Mann trägt einen Sack mit aus der Türkei importiertem Weizenmehl. Familien in ganz Afrika zahlen etwa 45 Prozent mehr für Weizen, da Russlands Krieg in der Ukraine die Exporte vom Schwarzen Meer blockiert. Einige Länder wie Somalia beziehen mehr als 90 Prozent ihres Weizens aus Russland und der Ukraine.

Mogadischu. Das Weizenmehl, mit dem die Somalierin Ayan Hassan Abdirahman täglich das Frühstück für ihre elf Kinder zubereitet, kostet sie doppelt so viel wie noch vor ein paar Monaten. Fast der gesamte Weizen, der in Somalia verkauft wird, stammt aus Russland und der Ukraine. Aber beide Staaten haben ihre Exporte auf dem Weg über das Schwarze Meer eingestellt, seit Moskau am 24. Februar den Krieg gegen seinen Nachbarn begonnen hat.

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Und der Zeitpunkt könnte nicht schlechter sein. Die Vereinten Nationen haben gewarnt, dass schätzungsweise 13 Millionen Menschen in der Region am Horn von Afrika - wo Somalia liegt - wegen anhaltender Dürre mit schwerem Hunger konfrontiert sind.

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Abdirahman hat damit begonnen, Weizen in ihrem Fladenbrot durch Sorghumhirse zu ersetzen. Aber sie braucht auch Speiseöl - und dessen Preis ist aufgrund der Inflation im Land ebenfalls in die Höhe geschnellt. Ein Behälter, den sie auf den Märkten von Mogadischu einst für umgerechnet 15 Euro kaufen konnte, kostet jetzt 42 Euro.

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Sorge um die Zukunft

Haju Abdi Dhiblawe, ein Geschäftsmann, der Weizenmehl importiert, befürchtet, dass es sogar noch schlimmer wird. Denn es droht ein Mangel an Schiffscontainern, um Nahrungsmittel von anderswo her nach Somalia zu transportieren. „Die Somalier haben keinen Ort, um Weizen anzubauen, und wir wissen nicht einmal, wie man ihn anbaut“, sagt er. „Unsere Hauptsorge ist, was uns die Zukunft bringen wird, wenn uns die Lieferungen ausgehen.“

Auch in der Sahelzone sind 18 Millionen Menschen dem Hunger ausgesetzt: Die Ernten dort sind die schlechtesten seit mehr als zehn Jahren. Und dem UN-Welternährungsprogramm zufolge könnte sich der Nahrungsmittelmangel noch verschärfen, wenn im Spätsommer die magere Jahreszeit beginnt.

„Akuter Hunger nimmt noch nie da gewesene Ausmaße an, und die globale Lage verschlechtert sich weiter“, sagte Programm-Direktor David Beasley kürzlich. Konflikt, die Klimakrise, Covid-19 sowie stark steigende Nahrungsmittel- und Benzinpreise hätten zusammen bereits eine äußerst kritische Lage geschaffen. „Und nun haben wir noch den Ukraine-Krieg, der Katastrophe auf Katastrophe türmt.“

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Warnungen des UN-Kinderhilfswerks Unicef

Sogar Heilnahrung für unterernährte Kinder könnte sich im Laufe der nächsten sechs Monate wegen des Krieges und Nachschubproblemen aufgrund der Corona-Pandemie um 16 Prozent verteuern, warnt das UN-Kinderhilfswerk Unicef.

Afrikanische Länder haben laut Statistiken der Vereinten Nationen zwischen 2018 und 2020 44 Prozent ihres Weizens aus Russland und der Ukraine bezogen. Die Afrikanische Entwicklungsbank vermeldet bereits einen 45-prozentigen Anstieg der Weizenpreise auf dem Kontinent - was alles Mögliche für Kunden teurer macht, von Couscous in Mauretanien bis hin zu den frittierten Kringeln, die im Kongo verkauft werden.

„Afrika hat keine Kontrolle über Produktion oder Versorgungsketten und ist völlig der Situation ausgeliefert“, sagt Senegals Präsident Macky Sall, Vorsitzender der Afrikanischen Union. Er plant eine Reise nach Russland und in die Ukraine, um das Preisproblem anzusprechen.

Kremlchef Wladimir Putin hat derweil den Westen aufgerufen, die wegen der Invasion gegen Russland verhängten Sanktionen aufzuheben - ein Versuch, dem Westen die Schuld für eine wachsende weltweite Nahrungskrise zuzuschieben, die sich dadurch verschärft hat, dass die Ukraine jetzt Millionen Tonnen von Getreide und anderen Agrargütern nicht ausliefern kann. Putin sagte vergangene Woche dem italienischen Ministerpräsident Mario Draghi, dass Moskau bereit sei, „durch den Export von Getreide und Düngemitteln einen bedeutenden Beitrag zur Überwindung der Nahrungsmittelkrise zu leisten - unter der Bedingung, dass vom Westen verfügte politisch motivierte Restriktionen aufgehoben werden“.

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Westliche Vertreter haben Putins Äußerungen zurückgewiesen. US-Außenminister Antony Blinken merkte an, dass Düngemittel und Saatgüter von den westlichen Strafmaßnahmen ausgenommen seien.

Teures Düngemittel weiteres Problem für Afrika

Bäcker Sylvester Ako im Kamerun muss mittlerweile damit klarkommen, dass er immer mehr Kunden verliert. Die tägliche Zahl ist von 300 auf lediglich 100 geschrumpft, seit die Brotpreise wegen der fehlenden Weizenimporte um 40 Prozent zugelegt haben. Er hat bereits drei seiner sieben Angestellten entlassen und befürchtet, dass er nicht darum herumkommt, seinen Laden in Jaunde gänzlich zu schließen, wenn sich nicht etwas ändert. Ein 50-Kilo-Sack Weizen kostet jetzt umgerechnet 56 Euro, während es zuvor etwa 28 Euro waren, und es mangelt an Nachschub, wie Ako schildert.

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Erschwerend kommt hinzu, dass Landwirte auch 300 Prozent mehr für ihre importierten Düngemittel zahlen müssen - was der Afrikanischen Entwicklungsbank zufolge zu einem 20-prozentigen Rückgang der Nahrungsproduktion in Afrika führen könnte. Die Einrichtung will den Bauern auf dem Kontinent im Rahmen eines 1,4 Milliarden Euro umfassenden Planes mit Saatgut, Düngemitteln und anderem unter die Arme greifen. Teil der Strategie ist es, die Abhängigkeit von Importen aus dem Ausland zu verringern, aber bis das gelingt, dürften Jahre vergehen.

Senegals Präsident ermuntert die Afrikaner derweil dazu, mehr örtliches Getreide zu verzehren, das einst der Hauptbestandteil ihrer Nahrung war. „Wir müssen auch unsere Essgewohnheiten ändern“, so Sall. „Wir haben Hirse aufgegeben und damit angefangen, Reis aus Asien einzuführen. Jetzt sind wir es nur gewohnt, Reis zu essen, und wir produzieren nicht genug. Wir sind es nur gewohnt, Brot zu essen. (Aber) Wir produzieren keinen Weizen.“

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RND/AP

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