Explosion am Morgen nach seinem Geburtstag

Warum die Krimbrücke für Putin von so großer Bedeutung ist

Helikopter löscht brennenden Zug auf der Krimbrücke nach einer Explosion (Symbolfoto).

Helikopter löscht brennenden Zug auf der Krimbrücke nach einer Explosion (Symbolfoto).

Am 8. Oktober postete Margarita Simonjan nur ein „Und?“ auf ihrem Telegram-Kanal. Zwölf Stunden davor hatte die Chefin des staatlichen Nachrichtensenders RT dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zum 70. Geburtstag gratuliert. Sie dankte ihm unter anderem für die Krimbrücke. Und genau auf der kam es am Morgen nach den Feierlichkeiten zu einer großen Explosion.

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Simonjans „Und?“ liest sich wie die Frage, wie Russland auf diese Schmach reagieren soll. Putin wies sofort per Dekret seinen Geheimdienst FSB an, die Kontrolle über die beschädigte Krimbrücke zu verschärfen. Außerdem beauftragte er eine Untersuchungs­kommission.

Öffentlich äußern wollte er sich jedoch nicht. Der russische Präsident wird nach offiziellen Angaben auch in den nächsten Tagen nicht zu seinem Volk sprechen. Politische Beobachterinnen und Beobachter hatten eine Ansprache angesichts der schweren Schäden an der Brücke für wahrscheinlich gehalten. Denn Moskau hatte Kiew in der Vergangenheit mit schweren Konsequenzen bei einem versuchten Angriff auf das Objekt gedroht.

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Unfall oder Vorsatz? Krimbrücke steht in Flammen

Am frühen Morgen soll sich ein Vorfall ereignet haben, der die Tanks eines Güterzuges in Brand gesteckt habe.

Krimbrücke wichtiges Symbol für Putins Propaganda

Die Lage ist für Putin heikel, weil die Krimbrücke für seine Propaganda von enormer symbolischer Bedeutung ist. Im Jahr 2018 eröffnete er sie feierlich: Putin saß in einem orange Truck mit russischen Flaggen an den Seitenspiegeln und überquerte die fast 19 Kilometer lange Brücke. „In verschiedenen historischen Epochen träumten die Menschen vom Bau dieser Brücke“, sagte Putin bei der Eröffnungszeremonie. Schon unter den Zaren habe es die Idee dazu gegeben, in den 1930er-, 1940er- und 1950er-Jahren sei sie immer wieder aufgekommen. „Und jetzt ist das Wunder geschehen.“

Russlands Präsident Wladimir Putin bei der Eröffnung der Krimbrücke.

Russlands Präsident Wladimir Putin bei der Eröffnung der Krimbrücke.

Das war bereits vier Jahre nach der Annexion der Krim 2014. Laut der Propaganda des Kremls gehört die Halbinsel nach einem völkerrechtlich nicht anerkannten Referendum zu Russland. Gustav Gressel, Militärexperte vom European Council on Foreign Relations (ECFR), wertet die Errichtung der Brücke als den symbolträchtigen Abschluss dieser Aktion.

Brücke hat auch strategisch hohen Stellenwert

Aber auch abgesehen von der Symbolik ist sie von großer Bedeutung. Bereits vor der russischen Invasion im Februar 2022 sei die Brücke strategisch wichtig gewesen, sagte Gressel im Juni dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Zum einen wurde durch den Bau der ukrainische Zugang zum Asowschen Meer erschwert. Durch die verengten Fahrspuren für Schiffe und die russische Dominanz in der Meerenge von Kertsch war der Zugang zu den ukrainischen Häfen Mariupol und Berdjansk eingeschränkt.“

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ARCHIV - 07.02.2022, Russland, Moskau: Wladimir Putin, Präsident von Russland, während einer Pressekonferenz mit dem französischen Präsidenten Macron. (zu dpa «Kremlchef unter Kontrollverlust im Krieg: Putin feiert 70. Geburtstag») Foto: Thibault Camus/Pool AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Putin wird 70: Wie sein Traum vom Stalin-Imperium zu zerplatzen droht

Wladimir Putin denkt gern in historischen Dimensionen. Einer, der unter Putins Herrschaft heute wieder verehrt wird, ist Diktator Stalin. Mit 70 stand Stalin im Zenit seiner Macht, hatte den Weltkrieg gewonnen, beherrschte Osteuropa und besaß die Atombombe. Der russische Präsident, der nun selbst 70 wird, droht indes alles zu verlieren, analysiert Harald Stutte.

Zudem habe die Brücke schon vor dem Krieg den Vorteil gehabt, dass Truppenverlagerungen und Militärtransporte per Eisenbahn unauffälliger seien als zum Beispiel mit dem Schiff.

Ab Beginn der russischen Angriffe auf die ganze Ukraine wurde die Versorgungslinie über die Brücke dann essenziell. „Mit dem Zug können Soldaten, Kriegsgerät und Munition auf die Krim gebracht und dort umgeschlagen werden. Von dort geht der Nachschub dann nach Mariupol, Saporischschja und Cherson“, erklärte Gressel. „Im Donbass sind die Eisenbahnlinien an den alten Kampfstellungen unterbrochen, im Süden der Ukraine reichen sie aber nahe an die aktuelle Front heran. Das ist eine sehr leistungsfähige Route.“

Die Schäden an der Brücke könnten daher auch die Lage im Süden der Ukraine beeinflussen. „Je nachdem, wie lange die Unterbrechung des Nachschubs dauert, könnte Russland Schwierigkeiten dabei bekommen, Cherson gegen ukrainische Gegenangriffe zu verteidigen“, so die Einschätzung des Militärexperten im Juni.

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Eisenbahn für russische Armee von großer Bedeutung

Generell lässt sich am Beispiel der Krimbrücke ein allgemeines Problem der russischen Invasion beschreiben: Nach Einschätzung des Militärexperten spielt im Krieg gegen die Ukraine die Eisenbahn eine besonders große Rolle. „Zum einen hat sich schon die sowjetische Armee auf lange Transportwege gestützt. Und zum anderen ist Russland durch seinen Fokus auf Artillerie besonders stark auf Nachschub angewiesen“, erklärte Gressel.

Rund 50.000 Granaten würden an der Front täglich von Russland abgeschossen. „Den Nachschub für diese enorme Menge kann man nur mit der Eisenbahn transportieren.“

Bei der versuchten Eroberung Kiews habe Russland aber genau damit ein Problem gehabt. Vom belarussischen Gomel aus hätten russische Truppen Nachschub über Hunderte Kilometer nach Süden in Richtung Kiew schaffen müssen – über teilweise unbefestigte Straßen oder über marode Schienen. „Im Norden der Ukraine sind seit der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl viele Gleise unbenutzt und verrostet. Darüber Kriegsgerät und Truppen zu schicken ist schwierig“, so Gressel.

Das habe mit dazu geführt, dass Russland von der Hauptstadt abgelassen und sich in der Folge auf den Osten und Süden konzentriert habe. Denn im Donbass sei durch die dort vor dem Krieg angesiedelte Industrie das Schienennetz gut ausgebaut. Und im Süden gebe es die Krimbrücke.

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Moskaus Reaktion noch offen

In welcher Form der Kreml jenseits der Ermittlungen und den erhöhten Sicherheits­vorkehrungen auf die Explosion reagiert, ist offen. Mit welcher Antwort auf ihr „Und?“ sich RT-Chefin Simonjan zufriedengibt, ist ebenfalls nicht klar.

RND/sf/dpa

 

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