Neue Trump-Biografie

Von „Superman“ Trump und dem Zittern vor dem Schlusskapitel 2024

Der ehemalige US-Präsident Donald Trump wirft Mützen in die Menge, als er die Bühne während einer Kundgebung im Macomb Community College Sports & Expo Center betritt.

Der ehemalige US-Präsident Donald Trump wirft Mützen in die Menge, als er die Bühne während einer Kundgebung im Macomb Community College Sports & Expo Center betritt.

Washington. Am harmlosesten klingt noch die Geschichte mit dem „Superman“-T-Shirt. Als sich Donald Trump im Oktober 2020 im Walter-Reed-Militärkrankenhaus von seiner Corona-Erkrankung erholte, plante der Präsident ein bombastisches Comeback. Bei der Entlassung aus dem Krankenhaus wollte er überraschend aus einem Rollstuhl aufspringen, sich das Hemd aufreißen und ein „Superman“-Logo auf seiner Brust hervorstrecken. Mit Mühe konnten ihn seine Berater von der Idee abbringen.

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Die Episode sagt einiges über den narzisstischen Charakter Trumps aus. Sie illustriert aber auch die Schwierigkeit, in der sich jeder Biografd des Ex-Präsidenten befindet. Einerseits sind bereits unendlich viele bizarre Episoden aus den vier chaotischen Jahren des inzwischen 76-Jährigen im Weißen Haus veröffentlicht worden. Andererseits wirken all diese objektiv unfassbaren Begebenheiten gleichwohl irrelevant und potenziell verharmlosend angesichts des dramatischen Frontalangriffs, den Trump bis hin zum Putschversuch vom 6. Januar 2021 gegen die amerikanische Demokratie gefahren hat und möglicherweise 2024 zu einem apokalyptischen Finale bringen könnte.

„Das Buch, das Trump am meisten fürchtet“

Dass die in der amerikanischen Fassung mehr als 600 Seiten starke neue Trump-Biografie (Originaltitel: „Confidence Man“, in der deutschen Übersetzung: „Täuschung“) der New-York-Times-Reporterin Maggie Haberman kontroverse Reaktionen hervorrufen würde, dürfte die Autorin daher kaum verwundern. Schon Wochen vor der Veröffentlichung des Buches am heutigen Dienstag waren einzelne Details durchgestochen und berichtet worden. „Das ist das Buch, das Trump am meisten fürchtet“, schrieb die Nachrichtenseite Axios. Das Magazin „The Atlantic“ druckte vorab das letzte Kapitel. Amerikanische Fernsehsender überschlagen sich gerade mit Interviews.

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Immerhin gilt Haberman als die wohl intimste journalistische Kennerin mit den besten Zugängen zu dem Ex-Präsidenten, über den sie seit 2011 berichtet. Damals arbeitete Haberman noch bei der rechten „New York Post“, dem Leib- und Magenblatt des einstigen New Yorker Immobilienmoguls. Dadurch kam der persönliche Kontakt zu Trump, der seit jeher eine Hassliebe zu den Medien pflegte, zustande.

Wohl kein Reporter hatte während der Präsidentschaft so viele exklusive Scoops wie die zur „New York Times“ gewechselte Haberman. Sie sei eine „drittklassige Reporterin (...), mit der ich nicht rede“, wütete Trump, als er sich 2018 über eine Story geärgert hatte. Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt traf er sich gleichwohl dreimal mit ihr für Interviews: „Sie ist wie meine Psychiaterin“, sagt Trump nun.

In ihrer Biographie schildert Haberman zahlreiche – teils bekannte, teils neue – saftige Episoden: Wie im Mai 2017 Trumps kurioser „Covfefe“-Tweet entstand, weil der damalige Präsident beim Twittern eingeschlafen war. Wie Trump regelmäßig vertrauliche Dokumente zerriss und im Klo herunterspülte. Wie er schon vor dem FBI-Fund andeutete, dass er die „Liebesbriefe“ des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un aus dem Weißen Haus in sein Privatanwesen Mar-a-Lago schaffte.

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Wie Trump über seine Gegner denkt

Wie er hemmungslos lügend behauptet, während des Kapitolputsches kein Fernsehen geschaut und von den Ereignissen erst später erfahren zu haben, obwohl mehrere Zeugen im Untersuchungsausschuss unter Eid aussagten, dass Trump die Gewaltorgie vor dem TV ebenso gebannt wie untätig verfolgte.

Schwärmt vom größten Comeback in der amerikanischen Geschichte: Für den republikanischen Senator Lindsey Graham hat Donald Trump ein paar ebenso derbe wie verächtliche Wörter übrig: „Er küsst meinen Arsch.“

Schwärmt vom größten Comeback in der amerikanischen Geschichte: Für den republikanischen Senator Lindsey Graham hat Donald Trump ein paar ebenso derbe wie verächtliche Wörter übrig: „Er küsst meinen Arsch.“

Bei seinen Auftritten pflegt Trump stets eine „Wir-gegen-die“-Rhetorik und hetzt seine Anhänger und Anhängerinnen gegen die vermeintlich teuflischen Linken auf. Haberman enthüllt, wie der Republikaner tatsächlich über Parteifreunde denkt. Den Senator von Florida, Ron DeSantis, nennt er „fett“, „falsch“ und „weinerlich“. Den Mehrheitsführer der Partei im Senat, Mitch McConnell, karikiert er als „alte Krähe“ und beschimpft ihn als „Stück Scheiße“.

Vielsagend ist auch eine Szene mit Lindsey Graham, dem schillernden Senator von South Carolina. Haberman begegnet ihm im September 2021 gemeinsam mit Trump in dessen Golfclub in Bedminster. „Das größte Comeback in der Geschichte Amerikas“, schwärmt der servile Senator über sein Idol. „Wissen Sie, warum Lindsey mir den Arsch küsst?“, erwidert Trump: „Damit ich seine Freunde unterstütze.“

Trump startet Rechtsstreit mit CNN

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Der „gute“ und der „böse“ Trump

Doch neben der Materialfülle dürfte der eigentliche Wert des Buches in Habermans Schilderung von Trumps Herkunft und Werdegang bestehen. Schon der skrupellose Geschäftsmann habe Jahrzehnte vor der Präsidentschaft zwei Seiten gehabt: Dem „guten Trump“, der großzügig, unterhaltsam, charismatisch und sogar charmant sein konnte und damit Menschen einnahm, stand früh der „böse Trump“ gegenüber, der seiner obsessiven Gier nach Geld, Macht und Dominanz eiskalt alles andere unterordnet und cholerisch gegen Kritiker wütet. Gesetze, Traditionen und die Wahrheit gelten ihm allenfalls als Einschränkung seines Egos. Trumps Allmachtsfantasien, sein extremer Narzissmus und seine Verachtung für das Gesetz haben für Haberman ihre Wurzeln in seiner Zeit als New Yorker Immobilienmogul mit halbkriminellen Kontakten.

In ihren jungen Jahren hat Haberman als Barkeeperin gejobbt und dort nach eigenen Angaben das Zuhören gelernt. Sie schildert mehr, als sie kritisiert. Bei linken „New York Times“-Lesern hat ihr das den Ruf einer Trump-Verharmloserin oder gar unfreiwilligen Helferin des Milliardärs eingebracht, der von seinem Bild in der Öffentlichkeit besessen ist. Gleichzeitig hassen sie viele Trump-Anhänger als vermeintliches U-Boot der „Fake News“-Medien. Ihr Buch endet mit einem Epilog, in dem sie gesteht, dass niemand Trump ganz durchschaue.

Ohnehin muss das Schlusskapitel des Möchtegerndiktators noch geschrieben werden. Wird sich Trump 2024 erneut für die Präsidentschaft bewerben? Seine rechtlichen Probleme, seine Geldgier und sein Selbstbild als Politiker machten das praktisch unausweichlich, sagte Haberman in einem Fernsehinterview: „Ich erwarte, dass er antritt.“

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