Von Macht und Missbrauch

Bildnummer: 56224447  Datum: 25.09.2011  Copyright: imago/Gustavo Alabiso
Freiburg, Baden-Württemberg, DEU, 24.09.2011: Der Papst feiert im Messegelände das Gebetsvigil mit 30.000 Jugendlichen. Hier verabschiedet sich von den Jugendlichen nach der Messe. Gesellschaft Religion Papst Benedikt XVI Papstbesuch GER Besuch xcb x0x 2011 quer Highlight Deutschland Baden Württemberg Freiburg Religion Glaube religiös Brauchtum Brauch Christentum gläubig Gläubige Christen Katholiken Katholizismus katholisch katholische Kirche Veranstaltung Event Veranstaltungsort Messegelände Gebetsvigil Jugendvigil Vigil Papst Papstbesuch Benedikt der 16. XVI XVI. Religionsführer Josef Joseph Ratzinger Vatikan Frau Frauen Jugend Jugendliche Messe verabschieden Verabschiedung Porträt Portrait Bühne Mann Männer winken Querformat horizontal farbig 

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Bildnummer: 56224447 Datum: 25.09.2011 Copyright: imago/Gustavo Alabiso Freiburg, Baden-Württemberg, DEU, 24.09.2011: Der Papst feiert im Messegelände das Gebetsvigil mit 30.000 Jugendlichen. Hier verabschiedet sich von den Jugendlichen nach der Messe. Gesellschaft Religion Papst Benedikt XVI Papstbesuch GER Besuch xcb x0x 2011 quer Highlight Deutschland Baden Württemberg Freiburg Religion Glaube religiös Brauchtum Brauch Christentum gläubig Gläubige Christen Katholiken Katholizismus katholisch katholische Kirche Veranstaltung Event Veranstaltungsort Messegelände Gebetsvigil Jugendvigil Vigil Papst Papstbesuch Benedikt der 16. XVI XVI. Religionsführer Josef Joseph Ratzinger Vatikan Frau Frauen Jugend Jugendliche Messe verabschieden Verabschiedung Porträt Portrait Bühne Mann Männer winken Querformat horizontal farbig 56224447 Date 25 09 2011 Copyright Imago Gustavo Freiburg bath Wuerttemberg DEU 24 09 2011 the Pope celebrate in Exhibition Centre the Prayer Vigil with 30 000 Young people here Adopted to from the Young people after the trade Fair Society Religion Pope Benedict XVI Pope\u0026#39;s visit ger Visit x0x 2011 horizontal Highlight Germany bath Wuerttemberg Freiburg Religion Faith religious Customs Custom Christianity believer Believers Christians Catholics Catholicism Catholic Catholic Church Event Event Venue Exhibition Centre Prayer Vigil Youth Vigil Vigil Pope Pope\u0026#39;s visit Benedict the 16 XVI XVI Religious leaders Joseph Joseph Ratzinger Vatican Woman Women Youth youngsters trade Fair adopt Adoption Portrait Portrait Stage Man Men wave Landscape horizontally color

Das Treffen, das das Bild von Joseph Ratzinger vielleicht auf ewig schwer belasten dürfte, findet am 15. Januar 1980 statt, einem Dienstag. In einem Konferenzraum im obersten Stockwerk der bischöflichen Verwaltung in der Münchner Innenstadt trifft sich an diesem Tag der Diözesanrat. Es gibt viel zu bereden: den Tod von fünf Priestern, den Kauf eines Kunstwerks und die Seelsorge für vietnamesische Zuwanderer.

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Und dann gibt es unter Punkt 5d noch etwas: die Übernahme eines psychisch behandlungsbedürftigen Priesters aus Essen in eine Münchner Gemeinde. Dem Antrag werde stattgegeben, heißt es im Protokoll lapidar.

Doch hinter der scheinbaren Formalie verbarg sich ein höchst brisanter Fall. Denn jener Priester H. hatte sich bekanntermaßen in Essen mehrfach an Jungen vergangen. Es ging hier darum, einen pädophilen Geistlichen aus der Schusslinie zu nehmen – und ihm in einer neuen Gemeinde erneut Menschen anzuvertrauen.

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Kardinal Ratzinger, damals Erzbischof von München und Freising, hatte bis zuletzt geleugnet, bei jener Sitzung dabei gewesen zu sein. Auch gegenüber der Münchner Rechtsanwaltskanzlei Westphal Spilker Wastl, die ihre Untersuchung über sexuelle Übergriffe in der Erzdiözese gestern präsentierte, hatte der emeritierte Papst darauf bestanden, an jenem Tag den Beschluss nicht mitgetragen zu haben.

Doch was der Gutachter Ulrich Wastl bei der Pressekonferenz zur Vorstellung des Gutachtens am Donnerstag sagte, kommt einem vernichtenden Urteil gleich. Er zeigt eine Kopie des Sitzungsprotokolls, demgemäß Ratzinger durchaus teilnahm, und erklärt: „Wir halten die Angaben des Papstes Benedikt für wenig glaubwürdig.“

Joseph Ratzinger 1977 bei der Weihe zum Erzbischof der Erzdiözese München und Freising.

Joseph Ratzinger 1977 bei der Weihe zum Erzbischof der Erzdiözese München und Freising.

Oder, anders gesagt: Der Mann, der von 2005 bis 2013 als Benedikt XVI. das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche war, hat über seine Rolle in einem Missbrauchsskandal offenbar gelogen.

Es geht, wieder einmal, um Vertuschung – nur diesmal von höchster Stelle.

„Nichtwahrnehmung der Opfer“

Dieses Gutachten, von der Erzdiözese selbst in Auftrag gegeben, 1700 Seiten stark, hat das Potenzial, das Vertrauen in die katholische Kirche in Deutschland noch weit stärker zu erschüttern, als es all die schon bekannten Skandale und Missbrauchsstudien bislang bereits vermochten. Dabei belegt es über weite Strecken auf deprimierende Art Altbekanntes: den jahrelangen geradezu systematischen Missbrauch – und die Ignoranz gegenüber dem Leiden der Opfer.

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Gut 2000 Fälle sexualisierten Missbrauchs durch Kleriker und hauptamtliche Kirchenbedienstete im Zeitraum von 1945 bis 2019 haben die fünf Gutachter seit Anfang 2020 untersucht. Dabei kamen sie auf mindestens 497 Geschädigte – und 67 mutmaßliche Täter. In den Opfern habe die Kirche jedoch lediglich eine „Gefahr für die Institution“ gesehen, konstatieren die Gutachter, es habe eine „vollständige Nichtwahrnehmung der Opfer“ gegeben.

Wahre Zahlen weit höher

Bei der Präsentation haben die Gutachter zeitweise fast Mühe, angemessen dramatische Worte zu finden. Von einem „Bild des Schreckens“ spricht Ulrich Wastl. Seine Kollegin Marion Westphal erklärt, zu beleuchten sei das „erschreckende Phänomen der Vertuschung“. Die wahren Opferzahlen seien aber weit höher, schätzen Experten wie der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung Johannes-Wilhelm Rörig.

Wir halten die Angaben des Papstes Benedikt für wenig ­glaubwürdig.

Ulrich Wastl,

Gutachter

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Selbst ihm hätten die Ergebnisse der Gutachter die Sprache verschlagen. „Das Gutachten zeigt eine beschämende Kaltherzigkeit der höchsten Kleriker im Umgang mit missbrauchten Kindern“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Allein die deutliche Einschätzung der Gutachter, dass es eine vollständige Nichtwahrnehmung der betroffenen Kinder und der Folgen für ihr Leben gab, hat mich tief schockiert.“

All dies entspricht dem, was auch frühere Studien, etwa in den Bistümern Aachen, Köln und Hildesheim oder auch die MHG-Studie im Jahr 2018 zeigten. Neu sind hier jedoch die hochrangigen Namen, die in die Vertuschung der Fälle laut den Autoren involviert waren – allen voran der Joseph Ratzingers.

Auch Ratzingers Nachfolger steht im Fokus

Der soll sich in seiner Zeit als Münchner Erzbischof, von 1977 bis 1982, in insgesamt vier Fällen von Missbrauch falsch verhalten haben. Dabei geht es neben dem Priester H. noch um zwei weitere Täter, die auch von staatlichen Gerichten verurteilt worden waren, aber weiter in der Seelsorge tätig sein durften. In einem weiteren Fall handelte es sich um einen im Ausland verurteilten Täter, der in den Dienst des Erzbistums übernommen wurde – obwohl Ratzinger auch hier die Vorgeschichte des Mannes kannte.

Im Fokus steht auch Ratzingers Nachfolger in München, Friedrich Wetter, der bis 2008 als Erzbischof amtierte: Ihm attestieren die Gutachter Fehlverhalten in 21 Fällen. Und es geht auch um dessen Nachfolger, den amtierenden Kardinal Reinhard Marx, der dem Papst noch 2020 vergeblich seinen Rücktritt angeboten hatte – er soll sich in zwei Fällen falsch verhalten haben. Jetzt zog er es vor, bei der Präsentation, obwohl selbst Auftraggeber, nicht anwesend zu sein – was auch die Gutachter selbst erstaunte.

Vorwurf des Fehlverhaltens in zwei Fällen: der Münchner Kardinal
Reinhard Marx.

Vorwurf des Fehlverhaltens in zwei Fällen: der Münchner Kardinal Reinhard Marx.

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Erst am Nachmittag stellt sich Marx vor die Presse. „Erschüttert und beschämt“ sei er. Jetzt müsse die „Perspektive der Betroffenen“ im Mittelpunkt stehen. Es sind Worte, die vielen Betroffenen bekannt vorkommen dürften.

Doch das im Kern Brisanteste sind die Vorwürfe gegen Ratzinger, der sein Amt als Papst 2013 auf eigenen Wunsch aufgegeben hatte. Dabei ist auch der Verdacht gegen ihn keineswegs neu: Bereits 2010 berichtete die „New York Times“ über jene Münchner Sitzung im Jahr 1980 und den Priester H.

Seitdem riss der Strom der Verdachtsmomente nie ganz ab; Ratzinger aber schwieg zumeist dazu. Hier aber hat er sich nun gegenüber einer Kommission im Kirchenauftrag geäußert – die ihm, als Ergebnis ihrer Arbeit, nicht glaubt. Er lügt: Verheerenderes lässt sich über einen Mann, der an der Spitze der katholischen Kirche stand, kaum sagen.

Durch die Lüge ist sein Lebenswerk massiv ­beschädigt. Benedikt ist gestürzt.

Thomas Schüller,

Professor für Kirchenrecht an der ­Universität Münster

Der renommierte Kirchenrechtler Thomas Schüller spricht gegenüber dem RND denn auch bereits von einem „historischen Tag“ – und stellt fest: „Auf offener Bühne hat die Kanzlei Papst Benedikt der Lüge überführt und ihm kirchenrechtliche und strafrechtliche Verstöße in mindestens vier Fällen vorgeworfen.“ Dieser Tag sei für Benedikt die letzte Möglichkeit gewesen, sich der Verantwortung zu stellen. Doch auch diese habe er verstreichen lassen. „Durch die Lüge ist sein Lebenswerk massiv beschädigt“, sagt Schüller. „Benedikt ist gestürzt.“

Schon der Rücktritt Benedikts als Papst hatte eine geschichtliche Dimension – es war der erste eines Kirchenoberhaupts seit sieben Jahrhunderten.

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„Historische Erschütterung“

Jetzt bemühen Beobachter wieder die Geschichte: Es bedeute eine „historische Erschütterung“ der Kirche, sagte Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“. „Dieses Lügengebäude, was zum Schutz von Kardinal Ratzinger, von Papst Benedikt, errichtet wurde hier in München, das ist heute krachend zusammengefallen.“

Und die Konsequenz? Was folgt aus all dem?

Schon heute, so belegt es eine aktuelle Forsa-Umfrage, haben nur noch 12 Prozent der Deutschen großes Vertrauen in die katholische Kirche – einer der schlechtesten Werte aller Institutionen. Für den Kirchenrechtler Schüller ist klar, dass der Staat selbst die strafrechtliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle übernehmen müsse.

„Bilanz des Schreckens“: Ulrich Wastl (l-r), Marion Westpfahl und Martin Pusch stellen das Gutachten vor.

„Bilanz des Schreckens“: Ulrich Wastl (l-r), Marion Westpfahl und Martin Pusch stellen das Gutachten vor.

Ähnlich sieht es Irme Stetter-Karp, Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken: Sie plädiert für „eine enge Zusammenarbeit bei der Missbrauchsaufarbeitung mit den Behörden“. Der Missbrauchsbeauftragte Rörig würde auch das Parlament gerne stärker einbeziehen: Dieser solle, wenn schon keine unabhängige Wahrheitskommission, so doch eine „parlamentarische Begleitgruppe für die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch“ einrichten.

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Einig sind sich alle aber in einem: Die Kirche selbst wird es nicht schaffen. Ihr trauen sie es längst nicht mehr zu.

Bislang hatte Benedikt auch stets noch frühere Mitarbeiter, die ihn stützten – doch auch die sind nun offenbar von ihm abgerückt. Die Verantwortung für die Versetzung des Priesters H. von Essen nach München hatte seinerzeit der damalige Generalvikar Gerhard Gruber auf sich genommen. Doch gegenüber den Gutachtern erklärte er nun, er sei dazu gedrängt worden, alles allein auf sich zu nehmen.

Für die Betroffenen hatte die Versetzung damals schwere Folgen: In seiner neuen Gemeinde verging sich H. an weiteren Jungen. Es war, nachdem die Kirche ihn gedeckt hatte, ein weltliches Gericht, das ihn dann dafür verurteilte.

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