Donbass weitgehend erobert

Schwere Kämpfe um Sjewjerodonezk: Höhepunkt der russischen Offensive erreicht?

Ein vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlichtes Foto zeigt den Angriff Russlands in der Ukraine.

In der ostukrainischen Region Luhansk haben russische Truppen die letzte größere Stadt Sjewjerodonezk gestürmt. Ukrainische Streitkräfte lieferten sich Straßenkämpfe mit den Angriffstruppen, sagte der Bürgermeister der Stadt mit einst 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. 90 Prozent der Gebäude und große Teile der Infrastruktur sind laut Präsident Selenskyj bereits zerstört. Da Sjewjerodonezk das Versorgungszentrum der Region Luhansk ist, geht es bei der Eroberung auch um die Kontrolle des gesamten Gebiets. „Für die Russen wäre die Einnahme von Sjewjerodonezk ein großer operativer Erfolg, da die Eroberung des gesamten Donbass damit ein großes Stück näher rückt“, so die Einschätzung von Georg Löfflmann, Assistant Professor für War Studies an der University of Warwick.

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Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagte er: „Symbolisch ist die Eroberung bedeutend, um den Eindruck militärischer Unfähigkeit zu korrigieren und zu zeigen, dass man in der Ukraine gewinnen kann.“ Für die Ukraine sei dies dagegen ein herber Rückschlag.

Wenn die Schlacht um Sjewjerodonezk endet, habe die russische Offensive laut dem US-Institut für Kriegsstudien (ISW) ihren Höhepunkt im Kampf um den Donbass erreicht. Der russische Außenminister Sergej Lawrow hatte im französischen Sender TF1 erklärt, für Moskau habe die Eroberung „der Regionen Donezk und Luhansk bedingungslose Priorität“. Russland sehe die Regionen als „unabhängige Staaten“ an. Mit der Fokussierung auf die kleine Front im Donbass erklärt Oberst a.D. Wolfgang Richter von der Stiftung Wissenschaft und Politik auch die russischen Erfolge in der Region. „Derzeit haben die russischen Streitkräfte durch die Konzentration ihrer Truppen im Donbass viele Kräfte und große Feuerkraft zur Verfügung.“ Doch Russland verfüge inzwischen kaum noch über Reserven der aktiven Streitkräfte.

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Nach Angaben des ukrainischen Militärs haben die russischen Streitkräfte zusätzliche Ausrüstung und Munition für ihre Offensive im Nordosten und Südosten von Sjewjerodonezk geholt. Russland werde nun entweder die ukrainischen Truppen im Gebiet westlich von Donezk einschließen, oder die Ukrainer müssten sich durch die verbliebenen Schlupflöcher zurückziehen und das Gebiet aufgeben, so Militärexperte Richter. Das nächste Ziel Russlands sieht er im Angriff auf die Städte Kramatorsk und Slowjansk in der Region Donezk. „Mit einem Angriff dort würde Russland seinem Ziel näher kommen, die völlige Kontrolle über den Donbass zu übernehmen.“

Eine schwedische Insel rüstet auf: Gotland und seine Nähe zu Russland

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Die Vorbereitungen für einen Großangriff auf Slowjansk finden laut der ukrainischen Armee bereits statt. In Slowjansk befindet sich das Zentrum der ukrainischen Verteidiger im Donbass. Richter fürchtet, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch Slowjansk fällt. „Die Ukrainer werden wohl nicht schnell genug Reservekräfte heranführen können, ohne dafür an anderer Stelle Truppen auszudünnen und sich dort angreifbar zu machen.“ Russland bereite parallel den Einsatz von Langstreckenraketen auf Saporischschja vor, sodass die Ukraine auch von dort keine Truppen abziehen könne.

Dass die russischen Angriffe nach Eroberung des Donbass weitergehen, glaubt Sicherheitsexperte Löfflmann nicht. Russland werde sich darauf konzentrieren, seine Verteidigungslinien ausbauen und die Gebiete zu halten. Punktuell könnte die Ukraine erfolgreiche Gegenschläge durchführen. „Um Räume zurückzuerobern, braucht die Ukraine aber eine stärkere westliche Unterstützung mit schweren Waffen, Artillerie, Kampf- und Schützenpanzern.“

Erste Gegenoffensiven meldete die Ukraine von der Südküste. Zwischen Mykolajiw und Cherson versuchen ukrainische Streitkräfte, die besetzten Gebiete zurückzuerobern. Die ISW-Militärexperten sehen die Angriffe als „erfolgreiche begrenzte Gegenattacke“. Russland sei in der Region dazu gezwungen, zur Verteidigung überzugehen. „Der Angriff soll auch russische Kräfte binden, damit sie nicht im Donbass kämpfen können“, so die Einschätzung von Löfflmann. Er rechnet mit weiteren punktuellen Gegenschlägen im Süden. Aber die Ukraine habe nicht die nötige Überlegenheit für eine komplette Rückeroberung von Cherson.

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Oberst a.D. Richter betonte zudem, dass Cherson weit im Westen liegt. „Es ist für die Ukraine leichter, Waffenlieferungen aus dem Westen in diese Region zu bringen und ukrainische Verbände mit diesen Waffen auszustatten.“ Wegen der kürzeren Versorgungslinien seien die Aussichten auf erfolgreiche Gegenangriffe besser. Dass sich im Süden das Blatt zugunsten der Ukraine aber schon gedreht hat, glauben die Expertinnen und Experten nicht. Dafür benötige die Ukraine deutlich mehr und vor allem schwere Waffen.

Forderungen aus der Ukraine nach Raketenwerfern mit großer Reichweite erteilte US-Präsident Biden am Montag eine Absage. Die USA werden keine Raketensysteme schicken, die Russland erreichen können, sagte Biden vor Journalistinnen und Journalisten. Auf welches System sich Biden genau bezog, war nicht klar.

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