Hunderte Kilometer Reichweite

Mehrfachraketenwerfer für die Ukraine? Warum ein Experte das für bedenklich hält

Finnische Soldaten stehen vor einem M270-MLRS-Raketenwerfer (Symbolbild).

Finnische Soldaten stehen vor einem M270-MLRS-Raketenwerfer (Symbolbild).

Die US-Regierung will der Ukraine laut einem Bericht des US-Senders CNN Mehrfachraketenwerfer mit hoher Reichweite zur Verfügung zu stellen. In der Diskussion sind die amerikanischen Waffensysteme MLRS (Typ M270) und HIMARS (Typ M142), die Raketen über mehrere Hundert Kilometer abschießen können. „Die Lieferung eines solchen Waffensystems halte ich für sehr bedenklich“, sagt Experte Ulrich Kühn vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

+++ Alle Entwicklungen im Liveblog +++

Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt Kühn: „Der Mehrfachraketenwerfer MLRS hat, abhängig von den jeweiligen Raketen, eine hohe Reichweite, mit dem die Ukraine unter Umständen auch russisches Gebiet unter Beschuss nehmen könnte.“ Eigentlich hatte sich der Westen stillschweigend darauf verständigt, der Ukraine keine Waffen zu liefern, mit der sie russisches Gebiet erreicht. Kühn ist daher überrascht, dass die USA ernsthaft in Erwägung ziehen, Raketenwerfer mit einer so hohen Reichweite zu liefern.

Wenn die Ukraine Mehrfachraketenwerfer erhält, müsse aber noch der genaue Einsatz geregelt werden. „Das hängt maßgeblich von den Abmachungen mit den USA ab“, erläutert der Experte.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Selenskyj: „Völkermord im Donbass“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj befürchtet angesichts der massiven russischen Angriffe im Osten einen weitgehend entvölkerten Donbass.

Russland setzt Mehrfachraketenwerfer im Donbass ein

Russlands Außenminister Sergej Lawrow warnte die Nato vor der Lieferung von Waffen an die Ukraine, mit denen russisches Territorium angegriffen werden kann. Dies sei ein „ernster Schritt in Richtung einer inakzeptablen Eskalation“. Experte Kühn rät aber davon ab, jede Drohung aus Moskau ernst zu nehmen. Der Westen müsse genau beobachten, wie Russland reagiert und was eine wirkliche Drohung und was nur eine leere Drohung sei.

Russland setzt nach ukrainischen Angaben bereits Mehrfachraketenwerfer im Donbass ein. „Eine russische TOS-1A beschießt ukrainische Stellungen in der Nähe von Nowomykhailivka“, teilte das ukrainische Verteidigungsministerium am Donnerstag (26. Mai) zu den Kämpfen in der Region Donezk auf Twitter mit.

Bei TOS-1 handelt es sich um einen Mehrfachraketenwerfer, der Raketen mit thermobarischen Sprengköpfen abfeuert. Er kam unter anderem im Irak und im zweiten Tschetschenien-Krieg beim Kampf um Grosny zum Einsatz. Die Ukraine hat in den vergangenen Wochen bereits mehrere RM-70-Mehrfachraketenwerfer (MRL) aus der Tschechischen Republik erhalten. Sie stammen noch aus der Zeit des Kalten Kriegs und können 40 Raketen abfeuern.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Mehrfachraketenwerfer

Als Mehrfachraketenwerfer bezeichnet man die Startvorrichtung für Raketen. Besonders verbreitet ist das sogenannte "Multiple Launch Rocket System" (MLRS). Es wird in den USA unter der Typenbezeichnung M270 und von der Bundeswehr unter dem Namen Mittleres Artillerieraketensystem (MARS) eingesetzt. Abhängig von den jeweiligen Raketen beträgt die Reichweite zwischen zehn und mehreren Hundert Kilometern.

Die nun in den USA diskutierten Mehrfachraketenwerfer vom Typ M270 (MLRS) können 24 Raketen (227 Millimeter) abfeuern, bevor man sie nachladen muss. Alternativ können auch zwei große Präzisionslenkraketen abgefeuert werden, die dann Ziele in etwa 300 Kilometer Entfernung noch sehr genau treffen können. Das M142-Modell ist leichter und lässt sich an einen Lkw montieren. Es verfügt aber nur über eine Reichweite von 60 bis 70 Kilometern.

Kühn: Nato ist bereits indirekte Kriegspartei

Die Sorge, dass die Nato durch die Lieferung von Mehrfachraketenwerfern zur Kriegspartei werden könnte, hält Rüstungsexperte Kühn für unbegründet. „Die Nato ist seit den Waffenlieferungen zur indirekten Kriegspartei geworden“, sagt er dem RND. Es mache jetzt weniger einen Unterschied, was sie genau der Ukraine liefert. Er hält es jedoch für sinnvoll, innerhalb der Nato eine Debatte darüber zu führen, welche Art von Waffen man liefert und welche nicht. „Diese Entscheidung sollte kein Nato-Mitglied allein treffen müssen.“

Die russischen Streitkräfte haben in den letzten Tagen bei schweren Kämpfen in der Ostukraine schrittweise Fortschritte erzielt, analysiert das „Institute for the Study of War“ (ISW) in seinem Lagebericht. Laut der ukrainischen Vizeverteidigungsministerin Hanna Malyar hätten die Kämpfe im Donbass nun ihre „maximale Intensität“ erreicht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Die russischen Streitkräfte haben inzwischen die Kontrolle über mehr als 95 Prozent der Region Luhansk übernommen. Dort befindet sich noch die Stadt Sjewjerodonezk mit einst 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern unter ukrainischer Kontrolle. Das ISW rechnet damit, dass Russland bald auch versuchen wird, diese letzte größere Stadt in der Region Luhansk zu erobern.

Laden Sie sich jetzt hier kostenfrei unsere neue RND-App für Android und iOS herunter

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen