Russlands Attacken auf Energieinfrastruktur

Wie man sich in der Ukraine auf einen brutalen und kalten Winter vorbereitet

Eine ältere Frau liest ein Buch, während sie an einem regnerischen Nachmittag an einer Bushaltestelle in Charkiw steht.

Eine ältere Frau liest ein Buch, während sie an einem regnerischen Nachmittag an einer Bushaltestelle in Charkiw steht.

Kiwschariwka. Der neunjährige Artem Pantschenko hilft seiner Großmutter, ein Feuer zu schüren - in einer improvisierten Küche im Freien, neben dem fast gänzlich verlassenen Apartmentkomplex, der ihr Zuhause ist. Es wird schnell dunkel, und sie müssen essen, bevor die Sonne untergeht und ihre Wohnung in Kälte und Dunkelheit versetzt. Der Winter steht vor der Tür, sie können ihn schon fühlen, die Temperaturen beginnen unter den Gefrierpunkt zu sinken. Und wie Hunderttausende andere Ukrainer wissen sie, dass eine brutale Jahreszeit auf sie zukommt.

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Artem und seine Großmutter leben seit rund drei Wochen ohne Gas, Wasser oder Elektrizität - seit russische Raketenangriffe die Versorgungsunternehmen in ihrer Heimatstadt Kiwschariwka in der östlichen Region Charkiw lahmgelegt hatten. Für sie und die wenigen anderen Einwohner, die in dem Wohnblock geblieben sind, ist es ein Muss, sich nachts warm anzuziehen und im Freien zu kochen - nur so können sie überleben. „Es ist kalt, und es gibt Bombardierungen“, sagt Artem. „Es ist wirklich kalt. Ich schlafe in meiner Kleidung.“

Iran bildet Russland offenbar im Umgang mit Drohnen aus

Der Iran hat einem Bericht zufolge Ausbilder auf die von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim geschickt.

Dass Russland bei seinen Raketen- und Drohnenangriffen am Montag und Dienstag in Kiew und mehreren anderen Städten Kraftwerke ins Visier nahm, hat die dunklen Vorahnungen über das, was der Winter bringen wird, nur noch verstärkt. Präsident Wolodymyr Selenskyj twitterte am Dienstag, dass die russischen Bombardierungen im Laufe der vergangenen Woche 30 Prozent der Elektrizitätswerke in der Ukraine ausgeschaltet hätten, was „massive Blackouts in allen Teilen des Landes“ ausgelöst habe.

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Viktor Paljaniza sammelt Holz für einen harten Winter

Wer nicht vor den schweren Kämpfen, dem häufigem Beschuss und monatelanger russischer Besetzung in der östlichen Ukraine geflohen ist, versucht jetzt verzweifelt, sich so gut wie möglich auf die kalten Monate vorzubereiten. Im nahe gelegenen Dorf Kuryliwka steuert Viktor Paljaniza mit einer Schubkarre frisch gehackter Holzscheite auf sein Haus zu. Er kommt an einem zerstörten Panzer vorbei, an Überresten beschädigter Gebäude und dem Ort, an dem einst eine 300 Jahre alte Holzkirche stand. Sie wurde dem Erdboden gleichgemacht, als ukrainische Soldaten für die Befreiung des Gebietes von den russischen Besetzern kämpften.

Paljaniza sagt, dass er genug Holz für den gesamten Winter zusammen habe. Dennoch hat er vor, neben einem Kaminofen in einem baufälligen Nebengebäude und nicht in seinem Haus zu schlafen, da dort alle Fenster durch Granatsplitter zertrümmert worden seien.

Erst wird die Elektrizität repariert, dann folgen Wasser- und Gasinfrastruktur – aber schon zu diesem Winter?

Die zuständigen Stellen arbeiten daran, in den nächsten Tagen die Elektrizität in der Gegend stufenweise wieder herzustellen. Als Nächstes sollen dann die Schäden an der Wasser- und Gasinfrastruktur repariert werden, wie Roman Semenucha von der Regionalregierung Charkiw sagt. „Erst dann werden wir in der Lage sein, die Beheizung wieder herzustellen.“ Bis die Kraftwerke wieder laufen, sollen die Einwohner mit Holz versorgt werden.

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Paljaniza wollte nicht darauf warten, dass die Regierung hilft. „Ich habe Arme und Beine, und so fürchte ich mich nicht vor der Kälte, denn ich kann Holz finden und den Ofen heizen“, sagt der 37-Jährige. Behörden in den ukrainisch kontrollierten Gebieten der benachbarten heftig umkämpften Region Donezk haben alle verbliebenen Einwohner aufgerufen, woanders hinzugehen. Die Wasser- und Gasversorgung werde in vielen Gebieten wahrscheinlich nicht bis zum Winter wieder hergestellt sein, warnten sie.

Auch Minen gefährden das Leben der Menschen

Im Zentrum von Kuryliwka ist eine Gruppe von Männern dabei, mit einer Kettensäge einen Baum nahe einer Bushaltestelle zu fällen. Während sie arbeiten, warnen sie einen Reporter der Nachrichtenagentur AP vor den russischen Minen, die weiter im umgebenden Gras versteckt sind.

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Angesichts der vielen zerstörten Städte in der Gegend, dem praktisch völligen Verlust modernen Komforts geht es für die Menschen hier jetzt primär ums Überleben. Abgeschnitten von Strom und Wasser sind Häuser jetzt rudimentäre Unterkünfte wie in mittelalterlichen Zeiten geworden: Menschen leben bei Kerzenlicht, holen sich Wasser aus Brunnen und ziehen sich warm an, um der Kälte zu trotzen.

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Leben mit dem Nötigsten

Artems Großmutter Iryna Pantschenko schildert, dass sie und ihr Enkel in einer benachbarten leerstehenden Wohnung schliefen, da es in ihrer eigenen nach einem russischen Raketenangriff keine Fensterscheiben mehr gebe. „Es ist sehr kalt, hier zu leben“, schildert sie. „Es ist schwierig zu kochen, es ist hart, zwischen der Wohnung und unserer Kochstelle hin- und herzulaufen. Meine Beine tun weh.“

Ein zerstörtes Umspannwerk nach einem russischen Raketenangriff in der Region Charkiw.

Ein zerstörtes Umspannwerk nach einem russischen Raketenangriff in der Region Charkiw.

Die Hinterhöfe ihres Wohnblockes sind mit kleinen improvisierten Außengebäuden getüpfelt, hier versammeln sich Einwohner, um über Feuern zu kochen. Eine Frau hat Holzüberreste aus einer Wohnung im Erdgeschoss gesammelt, die von einer russische Rakete getroffen worden war.

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Anton Sewrukow röstet Brot über einem Feuer und erhitzt einen Kessel mit Wasser, um Tee zu seiner behinderten Mutter in einer oberen Wohnung zu bringen. „Kein Strom, kein Wasser, kein Gas. Wir frieren“, sagt der 47-Jährige. „Ich mache Tee für meine Mutter, aber sie trinkt nur ein kleines Bisschen, um sich für eine kurze Zeit aufzuwärmen.“

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Hoffnung auf Elektrizität

Die Mutter, Soja Sewrukowa, sitzt in der Dunkelheit seines beengten, moderigen Wohnung auf dem Sofa, unter einer Decke. Sie ist seit sieben Jahren bettlägerig und verbringt ihre Zeit meistens sitzend, spielt Solitär mit einem Stapel abgenutzter Karten. „Es ist jetzt wirklich kalt“, sagt sie. „Ohne meinen Sohn würde ich gefrieren.“

Sewrukow hat nach eigenen Angaben einen Freund in Charkiw, der Regionalhauptstadt, gebeten, ihm ein elektrisches Heizgerät zu kaufen - für den Fall, dass die Stromversorgung zurückkehrt. Es ist fast zu viel, auch nur daran zu denken, was die kommenden Monate an Entbehrungen bringen könnten. „Ich hoffe“, so sagt er, „dass wir bald Elektrizität haben, so dass wir irgendwie durch diesen Winter kommen können.“

RND/AP

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