Frost als Drohnenkiller?

Neue Drohnenangriffe auf die Ukraine: Was steckt hinter den drei Wochen Feuerpause?

Eine iranische Kamikazedrohne vom Typ Shahed 136, wie sie Russland gegen die Ukraine einsetzt.

Eine iranische Kamikazedrohne vom Typ Shahed 136, wie sie Russland gegen die Ukraine einsetzt.

Nach rund drei Wochen ohne Drohnenangriffe hat Russland erneut iranische Drohnen gegen die Ukraine eingesetzt. Es gab mindestens ein Dutzend Angriffe mit Drohnen in der Region Saporischschja und in den Großstädten Kiew, Dnipro, Poltawa und Schytomyr, wie russische Quellen und der Sprecher der ukrainischen Luftstreitkräfte, Yuriy Ignat, bestätigten. „Alle Drohnen wurden von Flugabwehrkräften abgeschossen“, sagte er. Ignat vermutet, dass Kälte und Frost zu Komplikationen bei der Verwendung der Drohnen geführt und die Russen von Angriffen abgehalten hatten. An der Frontlinie im Osten der Ukraine fiel die Temperatur in den vergangenen Tagen immer wieder deutlich unter null Grad.

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Die iranischen Drohnen sind nicht frostbeständig und können leicht vereisen, sagte zuvor der ukrainische Armeesprecher Yevhen Silkin. Daher seien die Drohenangriffe Russlands zurückgegangen. Militärexperte Mauro Gilli vom Center for Security Studies der ETH Zürich hält diese Darstellung für plausibel. „Die meisten elektronischen Bauteile sind nicht für den Betrieb unter extremen Wetterbedingungen ausgelegt, insbesondere nicht für sehr kaltes Wetter und Feuchtigkeit“, sagt er im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Die Stabilität der Drohne und das Flugverhalten wird durch die Vereisung deutlich beeinträchtigt“, sagt der Experte und gibt zu bedenken, dass aus diesem Grund auch normale Linienflugzeuge im Winter bei starker Kälte und Schnee enteist werden, bevor sie abheben. „Russland könnte die Drohnen vor dem Einsatz ebenfalls enteisen oder sie auf kürzeren Distanzen einsetzen.“

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Trotz Kälte sind Drohnenangriffe möglich

Allerdings: Wenn wegen der Kälte Fehlfunktionen auftreten, bedeute das nicht gleich, dass man die Drohnen überhaupt nicht einsetzen könne. „Wenn fünf von zehn Drohnen technische Probleme bei der Kälte haben, sinkt der Anreiz, sie einzusetzen, erheblich“, so Gilli. Russland hatte die Drohnen bisher unter anderem dazu verwendet, die Ukraine dazu zu zwingen, ihre sehr kostspieligen Boden-Luft-Raketen zur Abwehr einzusetzen. Mit diesen Raketen könnte man sonst größere Bedrohungen ausschalten wie anfliegende Kampfjets oder Raketen. „Die Russen haben mit den Drohnen also vermutlich den Weg für ihre Kampfjets frei machen wollen“, sagt Gilli. Dieses Kalkül sei aber nicht aufgegangen, weil der Westen die Ukraine mit immer neuen Raketen versorgt hat. Daher hält der Experte es für plausibel, dass Russland seine Strategie jetzt überdenkt.

Für Russland sind die iranischen Drohnen sehr hilfreich, da sie unter dem Radar fliegen und von der ukrainischen Armee oft erst sehr spät erkannt werden können. Man sieht die Drohnen erst, wenn es zu spät ist.

Mauro Gilli,

Militärexperte am Center for Security Studies der ETH Zürich

Nach Angaben des US-Militärthinktanks Institute for the Study of War (ISW) hat Russland in den vergangenen Tagen daran gearbeitet, die Drohnenprobleme zu beheben. Russische Streitkräfte hätten die Drohnen offenbar modifiziert, um sie bei kälterem Wetter einsetzen zu können, so das ISW. Es geht davon aus, dass Russland in den kommenden Wochen wieder verstärkt Drohnen einsetzen und kritische Infrastruktur in der Ukraine unter Beschuss nehmen wird.

Russische Behörden melden mehrere Angriffe auf Luftwaffenstützpunkte

Erst am Montag waren zwei russische Militärflugplätze mit Drohnen angegriffen worden.

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Britischer Geheimdienst: Russland gehen die Drohnen aus

Der britische Geheimdienst hält noch eine weitere Erklärung für die wochenlange Drohnenpause für plausibel: Es sei möglich, dass Russland seinen bisherigen Bestand an Hunderten Kamikazedrohnen der iranischen Typen Shahed 131 und Shahed 136 schlichtweg aufgebraucht habe. Sollte dies der Grund sein, hätten die russischen Streitkräfte nun Nachschub erhalten, glaubt Großbritannien und geht von einer neuen Angriffswelle aus.

Russlands verfügte bereits vor dem Krieg über keine modernen Drohnen, weil es in diesen Bereich nie viel Geld investiert hat.

Mauro Gilli,

Militärexperte am Center for Security Studies der ETH Zürich

Für Russland sind die iranischen Drohnen sehr hilfreich, betont Militärexperte Gilli, da sie unter dem Radar fliegen und somit von der ukrainischen Armee oft erst sehr spät erkannt werden können. „Man sieht die Drohnen erst, wenn es zu spät ist“, sagt er. Russland habe selbst vor dem Krieg über keine modernen Drohnen verfügt, weil es in diesen Bereich nie viel Geld investiert habe. „Die russische Armee hat vor allem Drohnen mit rudimentärer Technik eingesetzt, also zum Beispiel eine Kamera, die man in jedem Elektronikgeschäft kaufen kann.“ Außerdem hat die Ukraine sehr viele russische Drohnen abgeschossen, nach eigenen Angaben mehr als 1500 seit Kriegsbeginn. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht.

Ukraine: Russland hat mehr als 1700 Drohnen bestellt

Dem Sprecher der ukrainischen Luftstreitkräfte zufolge soll Russland zuletzt mehr als 1700 weitere iranische Drohnen bestellt haben. Davon seien 1400 bereits bei den russischen Truppen angekommen und 350 von den ukrainischen Streitkräften abgeschossen worden. Russland hat aufgrund von Sanktionen keinen Zugang mehr zu wichtigen Elektronikbauteilen, wie Kameras, Sensoren und Prozessoren. Die Produktion eigener Drohnen ist laut Experte Gilli für Russland daher kaum noch möglich, für den Iran aber schon.

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