Im RND-Interview

Abgeordnete Ganserer: „Transgeschlechtlich zu sein ist keine Frage des Wollens“

Tessa Ganserer bei einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen (Archivbild).

Tessa Ganserer bei einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen (Archivbild).

Berlin. Tessa Ganserer wurde 1977 in Zwiesel (Bayern) geboren. Sie machte eine Ausbildung zur Forstwirtin und studierte anschließend Wald- und Forstwirtschaft. Seit 1998 ist Ganserer Mitglied bei den Grünen. Nach mehreren Jahren im bayerischen Landtag wurde sie 2021 erstmals in den Deutschen Bundestag gewählt. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht die 45-jährige trans Frau über das Selbstbestimmungsgesetz, dessen Eckpunkte am Donnerstag vorgestellt worden sind.

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Frau Ganserer, die Koalition hat Eckpunkte für ein Selbstbestimmungsgesetz vorgelegt. Warum ist das aus Ihrer Sicht wichtig? Und welche Erfahrungen haben Sie selbst mit dem bisherigen Gesetz gemacht?

Die extrem pathologisierende Wirkung des sogenannten Transsexuellengesetzes, an dem so viel Blut und Tränen kleben, war von Anfang an Unrecht, was von mutigen Vorstreiter*innen erst unter enormen persönlichen Anstrengungen und kräftezehrenden Prozessen bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht erstritten werden musste.

Es hat es mir über viele Jahre so schwer gemacht, mich selbst zu akzeptieren und zu outen. Ich möchte, dass kein Mensch mehr so demütigende Zwangsbegutachtungen über sich ergehen lassen muss, und deshalb konnte ich mich auch persönlich diesem Verfahren nicht unterziehen.

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Dutzende Festnahmen bei LGBTQ+-Demonstrationen in Istanbul

Die Teilnehmenden waren unter anderem mit Regenbogenfahnen unterwegs und versammelten sich rund um den Taksim-Platz, der für die Öffentlichkeit gesperrt war.

Manche Feministinnen vor allem bei der Frauenzeitschrift „Emma“ lehnen das geplante Gesetz ab. Sie sagen, es dürfe nicht allein eine Willensentscheidung sein, ob jemand eine Frau sei oder nicht. Können Sie das nachvollziehen?

Transgeschlechtlich zu sein ist keine Frage des Wollens. Transgeschlechtliche Menschen sind einfach so. Kein Mensch kann sich dafür oder dagegen entscheiden. Über die eigene Geschlechtszugehörigkeit kann nur jeder Mensch für sich selbst Auskunft geben, weshalb auch der Deutsche Psychotherapeutentag zum Schutz des Selbstbestimmungsrechts von trans Personen fordert, den Geschlechtseintrag im Wesentlichen nur vom Geschlechtsempfinden der antragstellenden Person abhängig zu machen.

Für Debatten sorgte Ihr Satz: „Ein Penis ist nicht per se ein männliches Sexualorgan.“ Würden Sie den so wiederholen?

Es ist wissenschaftlich gesicherte Erkenntnis, dass die Zugehörigkeit eines Menschen zu einem Geschlecht nicht allein nach den äußerlichen Geschlechtsmerkmalen zum Zeitpunkt seiner Geburt bestimmt werden kann, sondern sie wesentlich auch von seiner psychischen Konstitution und selbstempfundenen Geschlechtlichkeit abhängt.

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Mit dem Bundesverfassungsgerichtsurteil vom 11. Januar 2011 ist für die amtliche Personenstandsänderung keine genitalangleichende Operation mehr notwendig. Seitdem dürfen Männer schwanger werden und Kinder gebären, und Frauen dürfen einen Penis haben.

Manche fürchten, das neue Gesetz könnte missbraucht werden – etwa indem Männer sich zur Frau erklären, einfach um einen Vorteil davon zu haben, etwa bei der Bewerbung um bestimmte Jobs. Sehen Sie diese Gefahr nicht?

Die hypothetische Befürchtung, dass einzelne eine bestimmte Regelung missbrauchen könnten, darf nicht dazu führen, dass einer ganzen Gruppe Grundrechte vorenthalten werden. Die Erfahrungen aus Ländern, in denen eine selbstbestimmte Korrektur von falschen Personenstandseinträgen möglich ist, zeigen, dass sich solche Befürchtungen nicht bewahrheiten.

Welche tatsächlichen Folgen wird das Gesetz Ihrer Ansicht nach haben?

Die Erfahrungen aus den Ländern, die entsprechende Regelungen haben – Schweden (2012), Dänemark (2014), Malta (2015), Irland (2015), Norwegen (2016), Belgien (2018), Island (2019) und die Schweiz (2022) – zeigen, dass sich für 99 Prozent der Bevölkerung dadurch nichts ändert. Für trans Menschen ermöglicht dieses Gesetz ein selbstbestimmtes Leben unter Achtung der Menschenwürde und wird deren Lebenswirklichkeit erheblich verbessern.

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