Begriffe führen in die Irre

„Ukraine-Konflikt“, „Defensivwaffen“, „Volksrepublik“ – wenn die Sprache im Krieg zur Waffe wird

Eine weitere Forderung der Demonstrierenden: „Defensivwaffen an die Ukraine liefern“

„Defensivwaffen“ fordern diese Demonstranten für die Ukraine. Aus gutem Grund. Doch ist eine Unterscheidung zwischen „Angriffs-“ und „Verteidigungswaffen“ tatsächlich nachvollziehbar? Militärwissenschaftlich gibt es diese Unterscheidung nicht.

Worte sind Waffen. Jeder Krieg verändert die Sprache. Im Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat die Kremlführung die eigene Sprache geradezu verfälscht und einem Euphemismus unterworfen, indem bis heute nicht von einem Krieg, sondern einer „Spezialoperation“ die Rede ist. Ziel ist die „Befreiung“ der Ukraine, die „Angliederung“ der „Volksrepubliken“ unter Abhaltung von „Referenden“ – alle diese Begriffe werden aber völlig sinnentstellt. All das ist bekannt und oft beschrieben.

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Aber auch in Deutschland tappen wir, Medien eingeschlossen, in so manche Sprachfalle. Hier eine Auswahl von Begriffen, die missgedeutet werden können:

Ukraine-Krieg, Ukraine-Konflikt

„Es gibt viele Begriffe, die man in der medialen Berichterstattung zum Thema immer wieder hört, zum Beispiel ‚Ukraine-Krise‘ oder ‚Ukraine-Krieg‘. Diese sind problematisch, weil sie suggerieren, es gäbe auch unabhängig von russischer Einmischung einen gewaltsamen internen Konflikt in der Ukraine. So stellt es auch Putins Rhetorik dar“, kritisierte die Professorin Gwendolyn Sasse, Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien an der Berliner Humboldt-Universität, jüngst im „Tagesspiegel“.

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„Post-sowjetischer Raum“

Ein Konzept, das selbst die Wissenschaft viel zu lang geprägt hat, ist der „post-sowjetische Raum“. Es erlaubt kein differenziertes Bild der Region. Die Geschichte von Ländern wie der Ukraine wurde in ihren Entwicklungen vor und nach Ende der Sowjetunion kaum isoliert betrachtet, sondern mit einer Fokussierung auf Russland weitergeschrieben. Woraus Moskau für sich einen Freibrief ableitet, im „post-sowjetischen Raum“ quasi Hausrecht zu besitzen, auch was die Anwendung militärischer Gewalt betrifft. Dasselbe betrifft Belarus.

„Einfrieren“ des Konflikts

Früher galten sogenannte „frozen conflicts“ als die wahren Problemzonen der Welt – gerade im Bereich ehemaliger Sowjetrepubliken. Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan ist so ein Beispiel. Nur dass die Realität eben gezeigt hat: Sie waren nie wirklich gefroren. Denn etwas Eingefrorenes fällt in Starre, bewegt sich nicht mehr. Russlands Krieg gegen die Ukraine dagegen ist seit 2014 heiß – für jene, die dort leben, mit tödlichen Folgen.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

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Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) präsentierte im Sommer das „Einfrieren“ des Krieges geradezu als Lösung, wurde dafür viel kritisiert, aber auch gelobt. Für Russlands Präsident Wladimir Putin wäre das „Einfrieren“ des Krieges ein Triumph, denn er könnte sich 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebietes sichern, er würde seine marode Militärmaschine die überfällige Verschnaufpause bescheren, könnte die leeren Arsenale füllen und würde den Zeitpunkt, wann er den „gefrorenen“ Konflikt in einen heißen verwandelt, selbst bestimmen. Das Konstrukt funktioniert also nicht.

Kriegsbeginn: 24. Februar 2022

In der deutschen Öffentlichkeit gilt der 24. Februar als der Tag, an dem Russland die Ukraine überfiel. „Falsch. Dieser Krieg begann nicht vor acht Monaten, er begann vor acht Jahren. 2014, mit dem Überfall auf die Krim“, stellte die deutsch-ukrainische Publizistin Marina Weisband im ARD-Talk von Anne Will klar. Im Frühjahr 2014 überfielen russische Truppen ohne Hoheitszeichen die völkerrechtlich zur Ukraine gehörende Halbinsel, gleichzeitig wurden mit russischer Unterstützung maßgebliche Teile des ukrainischen Donbas besetzt.

„Separatisten“

„Es gab keine Verfolgung Russischsprachiger im Osten der Ukraine“, betonte die Journalistin und Osteuropa-Expertin Gesine Dornblüth im DLF. Deshalb sei der Begriff „Separatisten“ in diesem Konflikt irreführend – zumal es sich nicht um ukrainische Bürger und Bürgerinnen handele, die für Separation kämpften, „sondern das sind von Russland unterstützte Kämpfer, zum Teil sind es russische Staatsbürger“. Deshalb sei es ebenso falsch, von einem „Bürgerkrieg“ zu sprechen.

 Menschen überqueren eine Straße mit einem Plakat mit der Aufschrift „Wie man den Pass eines russischen Bürgers bekommt“ vor dem Scheinreferendum in der von den von Russland unterstützten Separatisten kontrollierten „Volksrepublik Luhansk“ in der Ostukraine.

Menschen überqueren eine Straße mit einem Plakat mit der Aufschrift „Wie man den Pass eines russischen Bürgers bekommt“ vor dem Scheinreferendum in der von den von Russland unterstützten Separatisten kontrollierten „Volksrepublik Luhansk“ in der Ostukraine.

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„Volksrepubliken“

Im Zusammenhang mit den Dank russischer Militärhilfe nach 2014 besetzten ukrainischen Gebieten ist immer wieder von den „Volksrepubliken“ Luhansk und Donezk die Rede, auch im Westen werden diese Bezeichnungen mitunter einfach übernommen. Volksrepubliken waren Selbstbezeichnung realsozialistischer politischer Systeme, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf Wunsch Stalins in Osteuropa entstanden sind. Sie waren weder demokratisch noch autonom. Den Volksrepubliken im Osten der Ukraine fehlt neben der politischen Legitimation auch noch ein Großteil des Staatsvolks, das in die Ukraine geflohen ist. Oft genug stammen die eingesetzten politischen Führer aus Russland, können auf Geheimdienstkarrieren verweisen.

„Wirtschaftskrieg“ gegen Russland

Jene, die gern vom „Wirtschaftskrieg“ gegen Russland sprechen, den der Westen angezettelt habe, sind zum Beispiel die AfD-Vorsitzende Alice Weidel und die Linke Sahra Wagenknecht: „Das größte Problem ist Ihre grandiose Idee, einen beispiellosen Wirtschaftskrieg gegen unseren wichtigsten Energielieferanten vom Zaun zu brechen“, sagte sie im September im Bundestag.

Auch in der Öffentlichkeit hat sich das Idiom durchgesetzt. Dabei wird hier eine klassische Täter-Opfer-Umkehr betrieben. Zumal Krieg der stärkste Begriff ist, um einen Konflikt zu beschreiben, es gibt keine Steigerung. Wenn der Westen Sanktionen gegen ein kriegsführendes Land verhängt, reagiert es auf einen Krieg – mit „Handelsentzug“, Ausschluss vom Warenverkehr –, aber eben nicht mit Krieg. Ein Land, das einen völkerrechtlichen Angriffskrieg begonnen hat, vom friedlichen Warenverkehr auszuschließen, ist vor allem ein ethischer Akt, dessen Folgen beide Seiten belasten.

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Das Waffensystem Iris-T kann mit Raketen, die vom Lastwagen aus abgefeuert werden, Großstädte über längere Zeit dauerhaft schützen.

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Angst vor der „Eskalation“

Marina Weisband setzte sich bei Anne Will auch mit der in Deutschland immer wieder kursierenden Angst vor einer Eskalation des Krieges auseinander – gerade mit Blick auf Putins Drohung, Atomwaffen einzusetzen. „Die Zerstörung von Mariupol allein ist in etwa äquivalent zu fünf taktischen Atombomben“, sagte sie. Die „Eskalation“ sei also längst Realität. „Putins stärkste Waffe ist unsere Angst“, so Weisband. Anders gefragt: Gibt es eine Eskalation bezogen auf Massenmorde, wie in Butscha geschehen, zu massenhaften Verschleppungen von Zivilisten, zu Raketen- und Drohnenterror gegen Städte? Gab es je eine Phase dieses Krieges, die „deeskaliert“ war?

Russland und die „russische Gesellschaft“

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew sagte in der ARD, dass im Westen oft von der „russischen Gesellschaft“ die Sprache ist. Jerofejew: „Das Wort Gesellschaft lässt sich nicht auf Russland anwenden. Wir haben keine Zivilgesellschaft, die muss bei null entstehen, wir haben ein Volk. Eine Gesellschaft im europäischen Verständnis gibt es nicht. Eine Gesellschaft mit gemeinsamen moralischen Werten, die Kriterien, die ein Wertkonstrukt darstellen.“ In Regionen wie Burjatien oder Jakutien lebten ganz andere Menschen mit völlig anderen Wertvorstellungen als in Murmansk und Kaliningrad.

„Aufrüstung“ der Bundeswehr

Wenn es um den viel zitierten „Paradigmenwechsel“ bei den deutschen Rüstungsausgaben geht, war oft zu hören, dass sich die Bundeswehr „aufrüste“. „Andere kritisieren diesen Sprachgebrauch und schlagen oft ‚Ausrüstung‘ als Alternative vor“, wurde die Linguistin Kristin Kuck von der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg in der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert. Die Abneigung gegen die Bezeichnung „Aufrüstung“ hat sicherlich damit zu tun, dass es so eng mit dem Wettrüsten des Kalten Kriegs verknüpft ist, mit Atomwaffen assoziiert ist und über Jahrzehnte hinweg in der Friedensbewegung stigmatisierend verwendet wurde. Ausrüstung hingegen klingt nach „ausreichend Waffen“, nicht nach „mehr Waffen“, erläuterte die Co-Leiterin der Arbeitsstelle für linguistische Gesellschaftsforschung.

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„Defensivwaffen“

Politiker und Politikerinnen der Ampelkoalition halten sich zugute, nur Defensivwaffen an die Ukraine geliefert zu haben. Doch diese Waffengattung ist ein Mythos, eine Erfindung der Zivilgesellschaft. „Streng genommen gibt es keine Defensivwaffen. Die Verteidigungsforschung unterscheidet nicht zwischen ‚Defensiv-‘ und ‚Offensivwaffen‘, ebenso nicht zwischen schweren und leichten Waffen“, sagt der ehemalige General Lothar Domröse dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Das Wort Defensivwaffen unterstellt, es gäbe Waffen, die nur der „unschuldige“ Verteidiger nutzen kann.

Wenn man so will, attackiert Russland die ukrainische Zivilgesellschaft seit Monaten mit angeblichen Defensivwaffen. So schlagen immer wieder Anti-Schiffs-Raketen in Gebäude ein, munitioniert „mit einem halbtonnenschweren Sprengkopf, die für den Einsatz gegen Flugzeugträger gedacht sind. Und wir haben Boden-Luft-Raketen gesehen, die eigentlich als Flugabwehrraketen gedacht waren und gegen Bodenziele eingesetzt wurden“, so der britische Verteidigungsexperte Professor Michael Clarke auf Sky News.

Für den russischen Schriftsteller Viktor Jerofejew liegt das Dilemma, das Europa im Umgang mit Russlands Krieg hat, auch im „wording“, in der öffentlichen Sprachfindung: „Ich befürchte, dass wir hier nicht immer genau die richtigen Worte wählen“, sagte er in der ARD.

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