Lösung für Weizenkrise in der Ukraine?

Stavridis-Plan für die russische Seeblockade: Wende zum Guten – oder zum Weltkrieg?

US-Admiral James Stavridis will die russische Seeblockade auflösen.

US-Admiral James Stavridis will die russische Seeblockade auflösen.

Mit Seeblockaden kennt der langjährige US-Admiral James Stavridis sich aus, sie schrecken ihn nicht. Er selbst hat mal eine gebrochen, in den Achtzigerjahren. Damals ging es um den Iran und dessen Ankündigung, keine Öltanker mehr durch die Straße von Hormuz zu lassen.

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Stavridis (67), damals Kommandant auf dem amerikanischen Raketenkreuzer „Valley Forge“, begleitete seinerzeit zivile Schiffe durch die bedrohte Meerenge. Ziel der Mission war nicht etwa eine Konfrontation mit dem Iran, bewahre. Es ging lediglich um die „Aufrechterhaltung der Freiheit der Seefahrt in internationalen Gewässern“ sowie – wie die Militärs es höflich ausdrücken – die „Vermeidung von Missverständnissen“.

Bereits der Name der Mission kündete aber von einer No-Nonsense-Stimmung unter den Beteiligten: „Earnest Will“ hieß das Manöver, an dem auch Flugzeugträger, U-Boote und Aufklärungsflieger beteiligt waren.

Aktivitäten „zur Vermeidung von Missverständnissen“: US-Marineeinheiten in der Straße von Hormuz am Persischen Golf. Diese Aufnahme entstand im Jahr 2019.

Aktivitäten „zur Vermeidung von Missverständnissen“: US-Marineeinheiten in der Straße von Hormuz am Persischen Golf. Diese Aufnahme entstand im Jahr 2019.

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Die Sache ging gut aus. Wie bei vielen maritimen Konflikte der letzten Jahrzehnte beruhigte sich die Lage durch die schiere Präsenz der USA auf See.

Ein ähnliches Vorgehen empfiehlt Stavridis jetzt gegenüber Russland: Wladimir Putin habe nicht das Recht, ukrainische Weizentransporter zu blockieren, die derzeit in Odessa festsitzen, viele bereits mit Millionen Tonnen verderblicher Ware an Bord. Die Welt dürfe sich auf keinen Fall damit abfinden, dass Putin sich widerrechtlich zu einem Gebieter über die Meere aufschwinge. „Die demokratischen Verbündeten sollten jetzt eine Mission nach dem Vorbild von ‚Earnest Will‘ vorbereiten“, schrieb Stavridis in einem Aufsatz.

Ja sagen zu einem „kalkulierten Risiko“?

Das Wort des Admirals hat Gewicht. Stavridis war in der Ära Obama der höchste Soldat der Nato (Supreme Allied Commander Europe). Er gilt als ein Offizier mit ungewöhnlich viel politischer Sensibilität. Eine Zeit lang war er mal als möglicher Vizepräsidentschaftskandidat von Hillary Clinton im Gespräch, vor deren Kandidatur im Jahr 2016.

Der Stavridis-Plan für Odessa kursiert seit zwei Wochen. Anfangs wurde er nur in Militärkreisen diskutiert, inzwischen aber spielt er zunehmend auch in den politischen Debatten von Nato-Staaten eine Rolle.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron etwa will erklärtermaßen ebenfalls die Blockade von Odessa brechen, ihm schwebt vor, die UN Regie führen zu lassen. Auch die Türkei, die die Zugänge zum Schwarzen Meer kontrolliert, scheint nicht abgeneigt zu sein.

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Mitglied einer Koalition der Willigen? Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 15. Juni bei einem Besuch des rumänischen Nato-Stützpunkts Konstanza am Schwarzen Meer. Odessa ist von Konstanza nur 300 Kilometer weit entfernt.

Mitglied einer Koalition der Willigen? Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 15. Juni bei einem Besuch des rumänischen Nato-Stützpunkts Konstanza am Schwarzen Meer. Odessa ist von Konstanza nur 300 Kilometer weit entfernt.

Am 14. Juni verlangte der „New York Times“-Kolumnist Bret Stephens, über das Thema nicht mehr nur zu reden, sondern Nägel mit Köpfen zu machen: „Die USA sollten bereit sein, die russische Seeblockade von Odessa infrage zu stellen, indem sie Frachtschiffe zum und vom Hafen eskortieren.“ Es sei jetzt Zeit, ein „kalkuliertes Risiko“ in Kauf zu nehmen.

Eine Koalition wohl ohne Deutschland

Ein kalkuliertes Risiko? Viele Staaten im Westen werden da zusammenzucken. In Deutschland zum Beispiel, dessen Talkshows allabendlich noch immer vollauf beschäftigt sind mit Bauchnabeldebatten über das Für und Wider von Waffenlieferungen, ist die Debatte über einen Bruch der Odessa-Blockade noch gar nicht angekommen.

Eine Teilnahme Deutschlands schwebt Stavridis auch nicht vor. Der Admiral nennt drei organisatorische Optionen für einen Bruch der Odessa-Blockade. Machbar sei dies unter der Regie der Vereinten Nationen, der Nato oder aber einer Koalition der Willigen unter Führung der USA. Letzteres sei wohl die wahrscheinlichste Variante. Als mögliche Teilnehmer sieht Stavridis Großbritannien, Frankreich, die Türkei, Rumänien und Bulgarien.

Russland muss laut Stavridis vorab informiert werden. Dabei müsse man besonders unterstreichen, dass keiner der beteiligten Staaten Kampfhandlungen mit russischen Schiffen wolle. Einziges Ziel sei die Freiheit der Seefahrt. „Moskau wird wahrscheinlich toben“, glaubt Stavridis. Aber die Wahrscheinlichkeit eines russischen Angriffs auf Nato-Kriegsschiffe in internationalen Gewässern sei gering.

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Ein bisschen Vernunft mitten im Krieg

Zum Stavridis-Plans gehört, dass die Ukraine zunächst eine Minenräumaktion vor der Küste von Odessa duldet. Mitten im Krieg würde man plötzlich auf eine zumindest teilweise Rückkehr zur Vernunft blicken. Mit den wieder anlaufenden Weizenexporten könnten die drohenden Lebensmittelkrisen in Afrika gedämpft werden. Zudem könnte die Ukraine auf dem Weltmarkt wieder Einnahmen erzielen.

Das wichtigste Exportgut der Ukraine ist zugleich eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Weltbevölkerung: Weizen.

Das wichtigste Exportgut der Ukraine ist zugleich eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Weltbevölkerung: Weizen.

Unklar allerdings bleibt, ob Russland dies alles dann doch als eine Demütigung deuten würde – und am Ende doch das Feuer eröffnet auf Nato-Schiffe, die Weizentransporter begleiten.

Für diesen Fall rät Stavridis zu einem „proportional use of force“, einem verhältnismäßigen Gebrauch westlicher Waffengewalt in umgekehrter Richtung. So spricht ein Admiral, der keine Angst hat – und seine Flotte noch immer als überlegen erlebt hat.

Ein Schusswechsel zwischen russischen und amerikanischen Kriegsschiffen könnte am Ende Risiken für die gesamte Menschheit heraufbeschwören. Doch auch ein Putin, dem sich niemand in den Weg stellt, ist eine Bedrohung für die Welt.

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