Stasiunterlagenbehörde: Der Letzte lässt das Licht weiter brennen

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), in seinem Büro.

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), in seinem Büro.

Berlin. Am Ende steht Roland Jahn da, wie er vor zehn Jahren auch schon da stand: ganz in Schwarz. Das Hemd über der ebenfalls schwarzen Hose, das Jackett, die Schuhe – black is beautiful. Auch spricht Roland Jahn so, wie er vor zehn Jahren schon gesprochen hat: in langen, eindringlichen Sätzen, die, wo er Widerspruch spürt, auf Überzeugung des Gesprächspartners zielen.

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„Ich bin sehr zufrieden mit dem, was wir erreicht haben“, sagt der 67-Jährige, während wir im Hof der ehemaligen Stasizentrale in der Berliner Normannenstraße stehen. „Die Aufarbeitung geht weiter. Die Akten sind Teil des Gedächtnisses der Nation geworden. Und es wird einen Beauftragten für die Opfer geben.“

Die ehemalige Stasizentrale ist heute ein „Campus für Demokratie“

Zuvor hat er mich durch die Zentrale geführt, die heute „Campus für Demokratie“ heißt – ein begehbares Museum, in dem Filme und Ausstellungen gezeigt werden und Musik gemacht wird, natürlich alles mit Stasibezug.

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Bei Wikipedia kann man nachlesen, der Campus sei „eine Idee des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR“ gewesen. Sein Name: Roland Jahn. Zufall ist das so wenig wie der Umstand, dass er mich mit Katalogen, Broschüren und Flyern eindeckt, die das Gesehene näher beschreiben, sodass mir auf dem Heimweg die Tasche schwer wird. Der Scheidende verweist auf sein Werk.

Wenn Jahn in Rente geht, schließt auch die Stasiunterlagenbehörde

Roland Jahn – im thüringischen Jena geboren, aufgewachsen und von dort von der Staatsmacht gewaltsam außer Landes geschafft – wurde im März 2011 zum dritten Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen gewählt, nach Joachim Gauck und Marianne Birthler. Am Tag des Rundgangs hat er noch drei Wochen, bis seine Amtszeit endet.

Mit Jahn geht auch seine zuletzt 1300 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen starke Behörde mit ihren 111 Kilometer langen Akten – Belegschaft und Akten allerdings unter das Dach des Bundesarchivs. Am 16. Juni, Jahns letztem Arbeitstag, endet ein Stück Post-DDR – und vor allem gesamtdeutscher Geschichte. Für manche fühlt sich das wie ein Schlussstrich an.

Wie alles anfing

Alles begann am 15. Januar 1990. Damals stürmten Bürgerrechtler das riesige Areal in Berlin-Lichtenberg, in dem wenige Wochen zuvor noch Stasichef Erich Mielke residiert hatte und das wie ein Staat im Staate anmutet. Ein Graffito am Eingang fragt: „Wo ist meine Akte?“

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Joachim Gauck übernahm die Leitung der Stasiunterlagenbehörde in den 90er-Jahren. Später wurde er Bundespräsident.

Joachim Gauck übernahm die Leitung der Stasiunterlagenbehörde in den 90er-Jahren. Später wurde er Bundespräsident.

Mit Inkrafttreten des Stasi-Unterlagen-Gesetzes am 29. Dezember 1991 mutierte der Rostocker Pfarrer Joachim Gauck zum ersten Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, dem im Jahr 2000 zunächst die Ost-Berlinerin Birthler und 2011 Jahn folgen sollten. Ihre Amtszeiten waren jeweils Spiegel ihrer Zeit.

Die Enthüllungen der Behörde schlugen hohe Wellen

Die Stasi-Unterlagen-Behörde wurde sehr rasch – wegen der Kürze und des Charismas ihres Chefs – zur „Gauck-Behörde“. Für Medien und das westdeutsche Publikum waren seinerzeit die großen Stasifälle interessant. Der Vorsitzende der neu gegründeten Sozialdemokratischen Partei in der DDR, Ibrahim (eigentlich: Manfred) Böhme, war inoffizieller Mitarbeiter (IM) mit mehreren Decknamen und hatte gezielt Oppositionelle ausgeforscht.

Als Böhmes Akte bekannt wurde, verlor er binnen Kurzem den Vorsitz und seine bürgerliche Existenz. Böhme starb, völlig isoliert, 1999 mit 55 Jahren. Ähnlich verhielt es sich mit Wolfgang Schnur, dem Mitbegründer des „Demokratischen Aufbruchs“, der später in der CDU aufging. Der Rechtsanwalt hatte ein Vierteljahrhundert lang nicht zuletzt bei Dissidenten gespitzelt – und stürzte wie Böhme ins Nichts.

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Ein weiterer prominenter Fall war der des Dichters Sascha Anderson, der in Berlin-Prenzlauer Berg sein intellektuelles Umfeld verriet. Der bereits 1976 zwangsausgebürgerte Wolf Biermann war angesichts der Nachrichten voller Zorn und titulierte Anderson 1991, um ein derbes Wort selten verlegen, als Sascha „Arschloch“.

Liedermacher Wolf Biermann (GER) vor einem Protesttransparent während der Besetzung des Hauptquartiers des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Berlin-Lichtenberg.

Liedermacher Wolf Biermann (GER) vor einem Protesttransparent während der Besetzung des Hauptquartiers des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR in Berlin-Lichtenberg.

Das Gift des SED-Regimes wirkte auch nach Mauerfall weiter

Unbegreiflich, zumal für das Publikum jenseits der (alten) Grenze, war der Fall von Knud Wollenberger. Er hatte Informationen über seine eigene Frau an die Staatssicherheit durchgestochen. Vera Wollenberger, deren Vater der Stasi als Hauptamtlicher gedient und die selbst einst der SED angehört hatte, ging als Vera Lengsfeld zunächst zu den Grünen und zog anschließend für die CDU in den Bundestag ein. Heute bewegt sie sich in einem AfD-nahen Umfeld.

Alle Fälle belegten, dass das SED-Regime nicht mit der Mauer am 9. November 1989 gefallen war, sondern dass sein Gift weiter wirkte. Zugleich erzeugten derlei Geschichten, die vielfach wie schlechtes Kino anmuteten, das Missverständnis, die Stasi sei in der Deutschen Demokratischen Republik treibende Kraft der Diktatur gewesen und nicht die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED).

Mitarbeitende im öffentlichen Dienst wurden fortan geprüft

Für die 16 Millionen Ostdeutschen, die sich im Zuge der Vereinigung fast durchweg neu orientieren mussten, hatte das Wirken der Stasiunterlagenbehörde bisweilen eine andere Anmutung. Mindestens wenn sie im öffentlichen Dienst tätig waren und bleiben wollten, mussten sie sich einer Stasiüberprüfung unterziehen. Sie wurden, wie man bald sagte, „gegauckt“. Von 1990 bis 2020 gingen laut Behörde knapp 3,5 Millionen Anfragen öffentlicher und nicht öffentlicher Stellen ein.

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Wer eine Täterakte hatte, der flog oft, aber keineswegs immer. In ehedem SED-nahen Kreisen und darüber hinaus wurde gleichwohl der Eindruck erweckt, die „Gauck-Behörde“ sei eine Einrichtung zur Unterdrückung der ostdeutschen Bevölkerung. Diese Erzählung entfaltete Wirkung. Der Reiz des Sensationellen, den die Stasi-Geschichten auf Westdeutsche ausübten, ging den Ostdeutschen jedenfalls überwiegend ab. Und Gauck, der den eigenen Leuten gern die Leviten las, war am Ende gleichermaßen: geachtet, verachtet und gefürchtet.

Von 2000 an begann eine neue Ära unter einer neuen Führung

Als die couragierte Marianne Birthler, die im Streit um die Stasitätigkeit des brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) als grüne Bildungsministerin zurückgetreten war, im Jahr 2000 übernahm, standen andere Fragen im Vordergrund.

Marianne Birthler während der Wahlparty von Bündnis 90 anlässlich der ersten freien Volkskammerwahl in der DDR.

Marianne Birthler während der Wahlparty von Bündnis 90 anlässlich der ersten freien Volkskammerwahl in der DDR.

Die gelegentliche Hysterie der 1990er-Jahre war verflogen. So wurde ruchbar, dass die Stasi Telefonate des 1998 ausgeschiedenen Kanzlers Helmut Kohl (CDU) abgehört hatte. Daran bestand im Zuge der CDU-Spendenaffäre plötzlich großes öffentliches Interesse. Kohl forderte die Sperrung der Protokolle, Birthler hielt dagegen. Sie wurden schließlich in Teilen zugänglich, jedoch unter bestimmten datenschutzrechtlichen Voraussetzungen.

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In Birthlers Amtszeit fiel ohnehin die Debatte darüber, wie weit der Arm der Stasi nach Westen reichte, angefacht durch die „Rosenholz-Dateien“ der für Auslandsspionage zuständigen Hauptabteilung Aufklärung, die auf verschwiegenen Wegen in die USA und von dort zurück nach Deutschland gelangt waren. So hieß es, die Stasi sei im Bundestag „in Fraktionsstärke“ vertreten gewesen.

Auch Birthler hätte Bundespräsidentin werden können

Hier wie dort zeigte sich: Als es um ihre eigenen Belange ging, waren die Westdeutschen mit Blick auf die Nutzung der Akten sehr viel restriktiver. Birthler wurde später übrigens ebenso für das Bundespräsidenten-Amt vorgeschlagen wie Gauck. Während er zum Staatsoberhaupt aufstieg, lehnte sie eine Kandidatur mit Hinweis auf ihre Gesundheit ab.

Als 2011 die Birthler-Nachfolge anstand, lief schnell alles auf Jahn zu. Er hatte in den 1980er-Jahren im Jenaer Widerstand viel Mut bewiesen und sich unter anderem eine Fahne der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc ans Fahrrad geheftet. Jahn kam in Haft und wieder frei – anders als sein Freund Matthias Domaschk, der im Gefängnis starb. Schlussendlich sperrte ihn die Stasi in das Abteil eines Zuges ein, der nach Westen fuhr.

Jahn brachte mit, was für die Leitung der Behörde nötig war

Der exmatrikulierte Student ließ im Westen nicht locker und berichtete als Journalist für das ARD-Magazin „Kontraste“ über die verbliebenen DDR-Oppositionellen. Wer heute im „Campus für Demokratie“ unterwegs ist, der stößt auf Filmaufnahmen, die Jahns Kameramann kurz nach dem Sturm auf die Stasizentrale Anfang 1990 machte.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r.) besucht mit Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen, das Stasiunterlagenarchiv anlässlich 30 Jahre friedliche Revolution und Ende der Stasi.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r.) besucht mit Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen, das Stasiunterlagenarchiv anlässlich 30 Jahre friedliche Revolution und Ende der Stasi.

Der Hobbyfußballer besaß jene Kenntnis, jenes Interesse und auch jenes moralische Kapital, die man für den Behördenjob benötigt. Als wir auf dem Campus stehen, sagt Jahn: „Ich bin immer offen für eine kritische Begleitung. Ich finde es gut, dass man herausgefordert wird.“ Und herausgefordert wurde er oft.

Jahn warf zahlreiche ehemalige Stasileute aus seiner Behörde

Gleich bei Amtsantritt sorgt der Kämpfer in der schwarzen Kluft, der im Deutschen Historischen Museum zweimal die Fäuste reckt, für Aufregung. Gauck hatte in der einst 1600-köpfigen Behörde mit einem 100-Millionen-Euro-Etat auch ehemalige Stasileute beschäftigt. Er meinte, auf ihre Expertise nicht verzichten zu können. 47 sind noch da, als Jahn beginnt. Er nennt diesen Umstand einen „Schlag ins Gesicht“ der Opfer und drängt auf Veränderung.

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“, sagt der damals 57-Jährige. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Dieter Wiefelspütz sieht das anders. „Mir ist da – bei allem Respekt vor seiner Biografie – zu viel Eifer dabei“, erwidert er. Wie viele der 47 Ex-Stasileute denn heute noch da seien, will ich beim Campusrundgang wissen. „Vier“, antwortet Jahn zufrieden. „Wir haben alle Prozesse gewonnen.“

Auch Ikea geriet ins Fadenkreuz von Jahn und seiner Behörde

Auseinandersetzungen gibt es überdies mit der Forschungsabteilung der Behörde, in der eigensinnige Männer sitzen – der IM-Experte Helmut Müller-Enbergs zum Beispiel oder der renommierte Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Bei der Begutachtung konkreter IM-Verdachtsfälle geht es nicht minder hin und her wie bei der Frage, wie viele inoffizielle Mitarbeiter die Stasi eigentlich führte.

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Der stets sanft und zugänglich auftretende Behördenleiter, der nun in einer schwarzen Limousine umhergefahren wird und wiederholt auf der Tribüne des Bundestages sitzt, wirkt plötzlich wie einer, der gern Chef ist.

Das erweist sich auch, als in seinem Haus untersucht wird, wie der schwedische Möbelhersteller Ikea in DDR-Gefängnissen fertigen ließ. Als der Konzern rumeiert, sagt Jahn: „Ikea muss den Opfern gerecht werden. Es geht um Menschen und nicht um Möbel.“

„Niemand soll fürs Leben verdammt sein, weil er sich mit der Stasi eingelassen hat – schon gar nicht, wenn er ein junger Mensch war. Es sei denn, er macht falsche Angaben.“

Roland Jahn,

Leiter der Stasiunterlagenbehörde

Die großen IM-Debatten gibt es da längst nicht mehr – von Nuancen zum ewigen Streit um den langjährigen Linksfraktionsvorsitzenden Gregor Gysi und dem Fall des Berliner Baustaatssekretärs Andrej Holm abgesehen, der als Teenager Stasikontakte hatte und darüber stolpert, dass er sich ausweichend dazu verhält.

Kein Menschenjäger, aber auch nicht harmlos

Jahn sagt: „Niemand soll fürs Leben verdammt sein, weil er sich mit der Stasi eingelassen hat – schon gar nicht, wenn er ein junger Mensch war. Es sei denn, er macht falsche Angaben.“ Überhaupt fungiere die Behörde „nicht als Amt für absolute Wahrheit; sie stellt die Akten bereit für den gesellschaftlichen Diskurs“. Nein, dieser Bundesbeauftragte entpuppt sich nicht als Menschenjäger, im Gegenteil. Er ist aber nicht so harmlos, wie man meinen könnte.

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Engagiert ist Jahn rund um die Uhr. Sieht man ihn samstags häufiger in Prenzlauer-Berg-Cafés beim Zeitungsstudium sitzen oder über den Markt am Kollwitzplatz flanieren, eilt er sonntagsnachmittags ins Büro, um in Ruhe Akten zu bearbeiten. 2014 legt Jahn ein Buch vor, dessen Titel Programm ist: „Wir Angepassten. Überleben in der DDR.“ Es handelt vom täglichen Opportunismus im Sozialismus, auch dem eigenen.

Der Rechtsruck fällt in Jahns Amtszeit

Neu ist, dass die rechtsautoritären Tendenzen Ostdeutschlands zunehmend in Jahns Amtszeit schwappen. 2011 wird der „Nationalsozialistische Untergrund“ bekannt, die Neonaziterrortruppe mit dem Kürzel NSU entstand in seiner Heimatstadt Jena. Jahn mischt sich daraufhin in die Debatte ein. Das ändert sich mit dem Erstarken der AfD.

Zwar biegen Jahn-Vertraute wie der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz, der Chef der Gedenkstätte Hohenschönhausen Hubertus Knabe oder der Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Siegfried Reiprich, zunehmend nach rechts ab. Trotzdem – oder gerade deshalb – schweigt er jetzt.

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Jahns Wahlspruch während der zehn Jahre lautet: „Je besser wir Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten.“ Als er bei einer Pressekonferenz zu den ostdeutschen Rechtstendenzen Stellung beziehen soll, entgegnet Jahn trotzdem sinngemäß, das lasse sich in fünf Sätzen nicht sagen. Und in zehn Sätzen versucht er es erst gar nicht.

Über die Jahre verliert er seine Verbündeten

Der Widerständler, der in der DDR mutig war, scheint seinen Mut vor den Freunden verloren zu haben. Nur einmal macht Jahn klar, wo er steht: Als sich der Förderverein Hohenschönhausen nicht von der Rechtsdrift seiner Führung lösen will, legt Jahn seine Mitgliedschaft nieder. Andere Prominente tun es ihm gleich.

So hat Jahn in all den Jahren Verbündete verloren – nicht nur nach rechts, sondern mit Marianne Birthler, Ilko-Sascha Kowalczuk oder dem Schriftsteller Lutz Rathenow auch zur liberaleren Seite hin. Bei ihnen löst Unmut aus, dass er sich auf die Überführung der Akten ins Bundesarchiv konzentriert – und damit die Abschaffung einer Behörde, die weltweit Vorbildcharakter hat.

Schließlich gehen dort jährlich unverändert Zehntausende Anträge auf Akteneinsicht ein, immer öfter auch von Kindern oder Enkelkindern, die wissen wollen, was war.

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„Es ist schön, dass man nicht mehr an Grenzen aufgehalten werden kann“

Roland Jahn denkt unterdessen darüber nach, mit seinen eigenen Enkelkindern mal ins Campuskino zu gehen – Stasifilme gucken. Feierabend ist noch lange nicht.

Ja, für ihn persönlich schon. Der Thüringer am Prenzlauer Berg will sich demnächst noch einmal durch die Welt treiben lassen, nachdem er als Jugendlicher spätestens in Bulgarien nicht mehr weiter konnte. „Es ist schön, wenn man in meinem Alter wieder unterwegs sein und nicht mehr an Grenzen aufgehalten werden kann“, sagt der Fastpensionär.

Doch für die Stasiakten beginne „eine neue Etappe, die in Kategorien von Jahrhunderten denkt“. Es sei nicht wie zu Zeiten Erich Honeckers, als gewitzelt wurde, in der DDR mache der Letzte das Licht aus. Der letzte offizielle Verwalter ihrer giftigsten Hinterlassenschaft sagt vielmehr: „Wir sorgen dafür, dass das Licht der Aufarbeitung weiter brennen wird.“

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