In den USA niedergestochen

So wurde Salman Rushdie zum wohl meistgehassten Autor der Welt

„Komm schon, Amerika, konzentriere dich“: Schriftsteller Salman Rushdie hat sich an die Wählerinnen und Wähler in den USA gewandt.

„Komm schon, Amerika, konzentriere dich“: Schriftsteller Salman Rushdie hat sich an die Wählerinnen und Wähler in den USA gewandt.

Salman Rushdie hat stets gewusst, dass es „absolute Sicherheit“ nicht gibt. „Man muss gar nichts Dramatisches tun, damit der Horror einen heimsucht. Es genügt offenbar schon, abends ein Restaurant zu besuchen, ein Fußballspiel im Stadion zu schauen oder zum Tanzen auszugehen“, sagte er 2016 in Hannover.

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Erst wenige Monate zuvor, im November 2015, hatte der islamistische Terror in Paris unter anderem im Nachtclub Bataclan zugeschlagen. Rushdie dürfte die Anschläge mit weit mehr als hundert Opfern besonders nahegegangen sein. Denn was eine permanente Todesdrohung bedeutet, wusste er, seit er 1988 seinen Roman „Die satanischen Verse“ veröffentlicht hatte.

Vorwurf: Beleidigung des Propheten

Am 14. Februar 1989 erließ der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini eine sogenannte Fatwa gegen Rushdie und rief jeden Muslim auf dieser Welt zu dessen Ermordung auf. Der Vorwurf: Rushdie habe den Propheten Mohammed mit seinem Roman verhöhnt. Das Buch sei „gegen den Islam, den Propheten und den Koran“ gerichtet. Von nun an war ein millionenschweres Kopfgeld auf Rushdie ausgesetzt, das immer weiter erhöht wurde.

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Mehr als drei Jahrzehnte später scheint Rushdie die Drohung eingeholt zu haben: Nach der Messerattacke auf offener Bühne im Ort Chautauqua im Bundesstaat New York liegt der Schriftsteller schwer verletzt im Krankenhaus.

Nach Angriff auf Rushdie: Polizei durchsucht Wohnung des mutmaßlichen Täters

„Salman wird wahrscheinlich ein Auge verlieren, die Nerven in seinem Arm wurden durchtrennt, und seine Leber wurde durchstochen und beschädigt.“

Nach dem Ausspruch der Fatwa hatte sich Rushdies Leben radikal gewandelt. Bis dahin galt der britisch-indische Autor, 1947 als Sohn eines muslimischen Geschäftsmannes im indischen Bombay (heute: Mumbai) geboren, Absolvent eines britischen Eliteinternats und Geschichtsstudent in Cambridge, später Journalist und Werbetexter, als Erzähler mit großer Lust am Fabulieren. 1981 hatte er mit seinem dem magischen Realismus verpflichteten Roman „Mitternachtskinder“ über die kolonialen Nachwehen Indiens den renommierten Booker-Preis gewonnen.

Rushdies Übersetzer wurde ermordet

Von nun an war er der wohl meistgehasste Autor der Welt. Islamisten verbrannten seine Bücher auf offener Straße. Auch Menschen in seinem Umfeld waren nicht mehr sicher. Sein japanischer Übersetzer wurde 1991 ermordet. Noch 2007 zündeten Studierende in Pakistan Rushdie-Puppen an. Die Anschläge in Paris 2015 hatten der Vielfalt der westlichen Welt gegolten, die Morddrohung Khomeinis lange zuvor galt ihm persönlich.

Jahrelang lebte Rushdie im Verborgenen. Er war immer auf der Flucht, Tag und Nacht umgeben von Leibwächtern, unterwegs in gepanzerten Fahrzeugen. Er änderte sogar seinen Namen: Von nun an nannte er sich „Joseph Anton“. Dahinter verbarg sich eine Reminiszenz an seine Lieblingsschriftsteller Joseph Conrad und Anton Tschechow. In dieser Zeit vermisste er kaum etwas mehr als den Kontakt mit seinen Leserinnen und Lesern, den ihm seine Beschützer aus Sicherheitsgründen nicht zugestanden.

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1998 wurde aus Joseph Anton wieder der Autor Salman Rushdie, der mit amerikanischem Pass vornehmlich in New York lebte – und das so normal wie möglich. Personenschützer waren bald nicht mehr an seiner Seite.

„Einfach mein Leben leben“

Man dürfe die Gefahr nicht verdrängen, lautete sein Credo. „Aber ich habe vor langer Zeit beschlossen, einfach mein Leben zu leben“, so Rushdie. „Wenn wir aufhören, diejenigen sein zu wollen, die wir sind, wenn wir unser Verhalten nach solchen Anschlägen ändern, schenken wir unserem Feind den Sieg.“

Dass die „Satanischen Verse“ so viel religiösen Hass entfachten, hatte für Rushdie auch eine ironische Pointe: In seinem Elternhaus spielte Religion nach seinen Worten gar keine Rolle. In seiner 2012 unter dem Titel „Joseph Anton“ veröffentlichten Autobiografie erklärte er, dass sein bekanntestes Werk keinesfalls als Gotteslästerung verstanden worden wäre, hätte man es tatsächlich gelesen.

Umstritten waren vor allem die Traumpassagen des Propheten. Zudem hatte er Prostituierte in einem Bordell nach Mohammeds Ehefrauen benannt – was historisch wohl tatsächlich nicht unüblich war, um die Fantasien der Kunden zu wecken, wie Rushdie erklärte. Blasphemie war jedenfalls nach seinen eigenen Angaben nie sein Ziel.

Rezensenten sahen die „Satanischen Verse“ als den Versuch, die Worte Mohammeds soziokulturell einzuordnen. Vielleicht erkannten religiöse Fundamentalisten genau darin eine Gefahr: Rushdie lieferte einen Beitrag zur Aufklärung über den Islam. Fanatikern aber musste daran gelegen sein, jede moderne Interpretation von ihrem Glauben fernzuhalten.

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Nach Messer-Attacke auf Salman Rushdie: Autor auf dem Weg der Besserung

Einer von Rushdies Söhnen twitterte am Sonntag, sein Vater sei in der Lage, ein paar Worte zu sprechen.

Verfechter der freien Meinung

In einem Punkt blieb Rushdie fortan unerbittlich: „Ich bestehe auf dem Recht der Meinungsäußerung – auch gegenüber Religionen.“ So wurde er zu einem Verfechter der freien Meinung, sogar dann, wenn er selbst beleidigt wurde. „Es gibt kein Recht darauf, nicht gekränkt zu werden.“

Nach den Anschlägen auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ Anfang 2015 sagte er: „Religion, eine mittelalterliche Form der Unvernunft, wird, wenn sie mit modernen Waffen kombiniert wird, zu einer echten Gefahr unserer Freiheiten.“ Für diese Freiheiten stand er mehrere Jahre auch als Präsident der amerikanischen Schriftstellervereinigung Pen ein. Immer wieder hat er sich für verfolgte Autorenkollegen eingesetzt. Ebenso war er für das internationale Netzwerk Städte der Zuflucht aktiv. Auch bei seinem Vortrag in New York sollte es um Meinungsfreiheit gehen.

In einem Gespräch mit dem Magazin „Stern“ zwei Wochen vor dem Anschlag erklärte Rushdie, dass er den religiösen Fanatismus nicht mehr als die größte Gefahr für freie Gesellschaften ansehe. Er selbst fühle sich inzwischen sicher. „Für einige Jahre war es ernst“, so Rushdie. „Aber seit ich in Amerika lebe, hatte ich keine Probleme mehr.“ Morddrohungen erhalte in Zeiten des Internets auch jeder Lehrer und jede Lehrerin, der oder die bestimmte Bücher auf den Lehrplan setze.

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„Die aktuell größte Gefahr ist, dass wir unsere Demokratie verlieren“, sagte er mit konkretem Bezug zu den USA: „Seit der Abtreibungsentscheidung des Obersten Gerichtshofs mache ich mir ernste Sorgen, dass es die USA nicht schaffen. Dass die Probleme irreparabel sind und das Land auseinanderbricht. Heute ist unsere größte Gefahr diese Art von Kryptofaschismus, den wir in Amerika sehen und anderswo auch.“

Noch sind die Motive des 24-jährigen Messerangreifers nicht geklärt. Doch womöglich hat sich Rushdie geirrt: Der Fluch der Vergangenheit hat ihn eingeholt.

 

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