Russische Währung auf neuen Hochs

Trotz westlicher Sanktionen: Die erstaunliche Stärke des Rubels

Das russische Wort für Rubel ist auf verschiedenen Rubel-Banknoten zu lesen (Archivbild).

Das russische Wort für Rubel ist auf verschiedenen Rubel-Banknoten zu lesen (Archivbild).

Moskau. Es erscheint abstrus: Zuletzt gewann der Rubel noch stärker und schneller an Wert als schon zuvor: Für einen Dollar waren auf den Devisenmärkten am gestrigen Donnerstag zwischenzeitlich nur noch 61,7 Rubel zu berappen, circa 15 Prozent weniger als noch zu Beginn der Woche.

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Seit 14 Tagen verliert die Weltleitwährung gegenüber der russischen Valuta wieder an Wert, nachdem sie sich im April vorübergehend stabilisiert hatte. Noch Ende März kostete ein Dollar mehr als 100 Rubel, und seit dem Allzeittief am 7. März bei 154,3 Rubel hat die russische Währung ihren Preis gegenüber dem Dollar mehr als verdoppelt. Beim Euro sieht’s nicht viel anders aus.

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Inzwischen hat der Rubelkurs nicht nur wieder das Niveau erreicht, das er vor Beginn der Kampfhandlungen in der Ukraine hatte, die ihn scharf einbrechen ließen, sondern er liegt sowohl gegenüber dem Dollar als auch gegenüber dem Euro bei neuen Hochs. Weniger als die 61,7 Rubel vom Donnerstag waren für einen Dollar zuletzt am 24. Januar 2020 aufzubringen, und gegenüber dem Euro erreichte der Rubel im Handelsverlauf gestern sogar ein 58-Monats-Hoch. All dies trotz laufend neuer Sanktionen des Westens gegen Russland, auch auf den Finanzmärkten. Was ist da los?

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So erstaunlich es klingen mag: Die Rubel-Schwäche als sofortige Reaktion auf die militärische Eskalation in der Ukraine am 24. Februar und die sich rasch anschließende Erholung der russischen Währung beruhen in diesen oft vernunftwidrig erscheinenden Zeiten ausnahmsweise mal auf rational nachvollziehbaren Zusammenhängen.

+++ Alle Entwicklungen zum Krieg gegen die Ukraine im Liveblog +++

Denn die Kämpfe in der Ukraine und die westlichen Sanktionen führten zunächst zu einem starken Kapitalabfluss aus Russland und russischen Vermögenswerten. Infolgedessen stieg die Nachfrage nach Devisen auf dem lokalen Markt sprunghaft an – sowohl von Ausländern als auch von Einheimischen. Gleichzeitig intervenierte die russische Notenbank nicht zur Stützung ihrer Währung, da sie versuchte, bestehende Devisenreserven zu erhalten. Dies führte zum Verfall des Rubels, der vielen westlichen Beobachtern schnell als „Weichwährung“ galt.

Ein allzu starker Rubel ist nicht im Interesse der russischen Staatsmacht

Russlands Zentralbank-Präsidentin Elwira Nabiullina gelang es allerdings, der Abwertung der russischen Valuta durch die Einführung strenger Kapitalverkehrs- und Devisenkontrollen zügig Einhalt zu gebieten. Im März verbot sie de facto die meisten grenzüberschreitenden Devisentransaktionen und schränkte den freien Umtausch von Rubel in Fremdwährungen sowohl für ausländische als auch für inländische Investoren sowie die Bevölkerung ein.

Einzelpersonen dürfen Rubel innerhalb von sechs Monaten nur noch bis zu einem Betrag von 10.000 Dollar eintauschen. Gleichzeitig beschloss das russische Finanzministerium, die einheimischen Öl- und Erdgasexporteure zu zwingen, 80 Prozent ihrer gewaltigen Deviseneinnahmen zu repatriieren und in Rubel zu wechseln.

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Und es kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, der den Rubel stärkt: Russland exportiert nach dem Rückzug internationaler Unternehmen und bei inzwischen unterbrochenen Lieferketten sowie nach wie vor hohen Energiepreisen auf den Weltmärkten deutlich mehr, als das Land importiert.

Roman Tschetschuschkow, leitender Investmentstratege bei der russischen Renessans-Kredit-Bank bringt es auf den Punkt: „Kapitalverkehrskontrollen im Rahmen einer restriktiven Geldpolitik der Zentralbank“, sagte er der Boulevardzeitung „Moskowski Komsomolez“, „und ein wachsender Leistungsbilanzüberschuss haben die russische Währung gestärkt.“

Starker Rubel hat große symbolische Bedeutung

Doch wie geht es mit dem Rubel weiter? Angesichts der vielen Währungskrisen, die die russische Bevölkerung seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu Beginn der Neunzigerjahre durchmachen musste, hat ein starker Rubel für die russische Staatsmacht auch eine große symbolische Bedeutung.

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Ein noch sehr viel deutlicherer Kursanstieg läge dennoch nicht im Interesser der russischen Zentralbank und der Regierung, weswegen die meisten Experten damit auch nicht rechnen: „Bislang waren die Währungshüter bemüht, den Rubel zu stärken, um die Inflation, die nach dem 24. Februar sprunghaft angestiegen ist, unter Kontrolle zu bringen“, erklärte Wladimir Tichomirow, Chefvolkswirt im Moskauer Büro der internationalen Consultingfirma Macro-Advisory, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Ein starker Rubel schmälert jedoch auch die Einnahmen des Staates und der Exporteure, weil sich dadurch etwa die Produktionskosten im Inland erhöhen. Und das macht der Regierung und der Notenbank Sorge. Daher glaube ich, dass früher oder später Maßnahmen ergriffen werden, um einer übermäßigen Aufwertung der Währung Einhalt zu gebieten.“

Geringere Inflationssorgen

Das deute sich schon jetzt an, beobachtet Tichomirow. Die Zentralbank habe den Exporteuren bereits erlaubt, mehr Devisen auf ihren Konten zu halten, und die Limits für grenzüberschreitende Devisentransfers erhöht: „Denn das Ziel, die Teuerung einzudämmen, ist durch die Stärkung des Rubels schon erreicht worden – bis Ende April kehrte die wöchentliche Inflation auf das Niveau von vor dem 24. Februar zurück.“

Dass die Inflationssorgen der russischen Währungshüter offensichtlich kleiner geworden sind, lässt sich auch an der Herabsetzung des Leitzinses ablesen, den die Notenbank vergangene Woche um 3 Prozentpunkte auf 14 Prozent zurücknahm. Angesichts der für den Gesamtmonat April mit 17,6 Prozent nach wie vor sehr hoch ausgewiesenen Inflationsrate hatten die meisten Beobachter mit einer geringeren Absenkung von nur 2 Prozentpunkten gerechnet.

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Doch mittelfristig schwebt das Damoklesschwert einer schwindenden westlichen Nachfrage nach russischen Energieimporten über dem Rubel. Soeben arbeitet Brüssel an einem Ölembargo, das rasch gegen Russland verhängt werden soll, und auch den Bezug von russischem Erdgas will der Westen auf Dauer einstellen. Wobei derzeit nicht klar ist, wie schnell das möglich ist. Sollte Moskau seine bisherigen Energieabsatzmärkte aber rasch verlieren, würde der Leistungsbilanzüberschuss auf einen Schlag schnell schwinden.

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Allerdings sucht Russland schon nach neuen Abnehmern seiner Rohstoffe – in China, Indien und anderen Ländern, die die Sanktionen der Europäischen Union und der USA gegen Moskau nicht mittragen. Doch das ist nicht so einfach: Der Kreml steht vor dem Problem, potenzielle neue Bezieher oft nicht sofort beliefern zu können: Für Erdgas etwa sind Pipelines notwendig, die es in Richtung Fernost bislang praktisch nicht gibt.

Wie groß wird der „geopolitische Druck“?

Diese Gemengelage aus Chancen und Risiken für beide Seiten fasst Renessans-Investment-Stratege Tschetschuschkow unter dem Begriff „geopolitischer Druck“ zusammen. Sollte dieser erfolgreich auf Russland ausgeübt werden können, rechnet er im Sommer mit einem Wechselverhältnis von 90 bis 100 Rubel für einen Dollar. In einem für sein Land positiveren Szenario prognostiziert er ein Umtauschverhältnis von 70 bis 75 Rubel pro Greenback. Letztere Bewertung wäre genau im Sinne der russischen Staatsmacht und ihrer Währungshüter.

Der Konflikt zwischen Russland und dem Westen wird an vielen Orten ausgetragen – auch auf den Devisenmärkten.

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